Autor & Journalist

Monat: März 2013

Ethnoplantat

Mit einiger Verspätung habe ich Niall Fergusons Empire gelesen und manches denkenswerte darin gefunden. So war die englische Besiedelung Irlands nach Ferguson nicht die Ursache für den späteren, bis heute andauernden Konflikt, sondern als dessen Lösung gedacht. Hintergrund war die Furcht Englands, das katholische Spanien könnte über Irland auf Britannien zugreifen.

Zuerst wurden konfiszierte Ländereien an englische Siedler übergeben, bevor ab 1569 eine systematische Besiedlungspolitik betrieben wurde. Damals sprach man von “plantation”: Die Siedler als Weizen, die Einheimischen als Spreu – faktisch nichts anderes als ethnische Säuberung, meint Ferguson, obwohl das übetrieben sein mag.

Entscheidend aber ist: Irland wurde das Labor für die britische Kolonisierungspolitik, in dem gezeigt werden sollte, dass ein Imperium nicht nur auf Handel und Eroberung gebaut werden konnte, wie es z.B. die Spanier praktizierten, sondern ebenso auf Wanderung und Umsiedlung. Die Herausforderung war nun, dieses Modell jenseits den Atlantiks Wirklichkeit werden zu lassen. (55-7) Darin zeigt sich ein wesentlicher Zug des britischen Imperialismus, nämlich der massive Export von Kapital und Menschen. (379)

Zwar sprach der deutsch-jüdische Ökonomen Moritz Bonn vom Paradoxon, dass die USA die Wiege des modernen Antiimperialismus seien, zugleich aber ein mächtiges Imperium errichtet hätten. (352.) Dass die USA das britische Modell dennoch nie übernommen haben, vielmehr ihr Selbstverständnis auf der Vorstellung gründeten, eine Nation zu sein, die aus dem Kampf für Freiheit gegen ein bösartiges Imperium entstanden ist (85), bildet indes den tieferen Grund dafür, dass sie, so Ferguson, wohl immer eine Abneigung haben werden, über andere Völker zu herrschen. (379-80)

Niall Ferguson: Empire: How Britain Made the Modern World. London: Penguin, 2004.

Zum koranischen “fī sabīl Allāh” (2)

Ein Nachtrag zum koranischen “fī sabīl Allāh” (Vorgeschichte s. hier), das uns in Sure 2:190 begegnet: وقَتِّلوا في سبيل الله الذين يقتِّلونَكم ولا تاعْتادوا إنّ الله لا يُحبُّ المعتدّينَ. Dass fī sabīl nicht “auf dem Weg” heisst, sondern “um … willen”, hatte ich bereits erläutert. Nicht allen Koranübersetzern scheint der Begriff jedoch geläufig zu sein, weshalb sie ihn fälschlicherweise wortwörtlich übersetzen.

So lässt das Wissenschaftsportal L.I.S.A. der Gerda-Henkel-Stiftung einen Experten zu Wort kommen, der andauernd etwas vom “Weg Gottes” erzählt (ab etwa 10:50). Eine schnelle Überprüfung ergibt, dass sich dieses Missverständnis auch z.B. in der Übersetzung von Henning findet: “Und bekämpft in Allahs Pfad …” (Henning, Leipzig 1979).

Richtig übersetzt wird die Stelle dagegen in den Übersetzungen der Ahmadiyya “Und kämpfet für Allahs Sache …” (Ahmadiyya, Frankfurt a.M. 1993) und bei Paret “Und kämpft um Gottes willen …” (Paret, Berlin et al. 1985; auch online.) Parets Übersetzung bleibt im deutschen Sprachraum autoritativ.

Alles nur Übungssache!

Wenn es so etwas wie Religion nicht gibt, wie Peter Sloterdijk meint, sondern nur Übung, “Anthropotechnik”, was müsste dann vorhanden sein, um sagen zu können, es gebe Religion? „Die effektivste Weise, zu zeigen, daß es Religion nicht gibt, besteht darin, selbst eine in die Welt zu setzen.“ Das ist witzig formuliert, sagt aber nichts aus.

Sloterdijks These ist letztlich nicht falsifizierbar, weil sie nirgendwo konkret wird, wenn es um eine schlüssige Definition von Religion geht. Wie denn auch, so der logische Zirkelschluss, es ist doch alles nur Übung, „Komplexe von innen und äußeren Handlungen, symbolische Übungssysteme und Protokolle zur Regelung des Verkehrs mit höheren Stressoren und ‚transzendenten‘ Mächten – mit einem Wort Anthropotechnik im impliziten Modus.“ Und was nicht vorhanden ist, kann auch nicht definiert werden.

Das wirft eine weitere Frage auf: Kann man sich eine Welt vorstellen, die ohne Übung, also ohne geregelte Abläufe auskommt, die einen erheblichen Teil unseres Lebens strukturieren? Wohl kaum. Die Moderne ist eben keine “Hyperscholastik”, weil in der Vormoderne das Leben des einzelnen sehr viel stärker geregelten Abläufen, Übungen also, unterworfen gewesen sein dürfte, als es heute der Fall ist.

Weil Spiridion Louys, Sieger des Marathonlaufs der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 das Wort Training bis dahin kaum gehört haben dürfte, wertet Sloterdijk dies als Beleg für seine These, „daß sich der größte Teil allen Übungsverhaltens in der Form von nicht-deklarierten Thesen vollzieht.“ Diese auf einer blossen Vermutung ruhende Schlussfolgerung aber ist fragwürdig: Das Wort Training mag unser Marathonläufer nicht gekannt haben, aber möglicherweise das entsprechende neugriechische Wort (προπόνηση).

Wo Empirie und Logik ins Hintertreffen geraten, wird der Weg frei für eine konservative Kulturkritik, so, wenn es heisst, dass der Beseelung der Maschine “strikt proportional” die “Entseelung des Menschen” entspreche. In Maschinen etwas anderes zu sehen als Maschinen, scheint vielen Kulturkritikern nicht möglich zu sein. Hier schlägt die Leugnung der Existenz von Religionen selbst in ein metaphysisches Weltbild um, wozu auch die Halluzination gehört, dass sich die Völker im „Weltvolk des Internets“ aufhöben, um sich in „Medienfitness” zu üben.

Doch das muss nicht bleiben, denn: „Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig gewachsene Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann.“ Eine andere Welt ist machbar. Ihr müsst nur fleissig üben.

Peter Sloterdijk: “Du mußt Dein Leben ändern”: Über Anthropotechnik. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.

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