In der Monographie, die den Arbeitstitel Die islamische Revolte trägt, bette ich die aktuell soviel Aufmerksamkeit erregenden Phänomene des Salafismus und Dschihadismus in einen grösseren kultur- und sozialgeschichtlichen Zusammenhang ein.

Es geht nicht darum, den Islam als kriegerische Religion darzustellen, die per se gewalttätig ist. Gewalt ist aber eine Option, die sich in der islamischen Geschichte findet und die Frage ist nicht nur, woher diese Option kommt, sondern auch, warum sie die Geschichte überdauert hat.

Um dies zu verstehen, nützt es nichts, immer nur über einen abstrakten Islam zu reden, den es in der Praxis nicht gibt. In der Praxis haben wir es mit dem orthodox-sunnitischen Islam zu tun, dessen Quellen es in Hinsicht auf Salafismus und Dschihadismus es zu analysieren gilt und wie diese im Laufe der Zeit verstanden wurden. Hierbei versuche ich, theologische Texte in ihren kulturellen und sozialen Kontext einzubetten und ziehe so einen Bogen von der formativen Phase des Islam bis in die Gegenwart.

Ich vertrete die These, dass die politisch motivierte Gewalt im Namen des Islam Symptom einer unzureichenden Anpassung an die Moderne ist, die im orthodox-sunnitischen Islam gründet, der zugleich die Legitimation für eine islamische Revolte bereitstellt. Nicht der Islam ist daher das Problem, sondern der Islam in einer bestimmten Ausprägung.

Das ist ein grosser Unterschied, stellt aber auch eine grosse Herausforderung für die muslimischen Gesellschaften dar, ist diese Ausprägung doch tief in der Geschichte verankert und ursächlich für ein Ethos, das mit der Moderne hadert. Der grosse Soziologe Max Weber hat das früh erkannt und mag über manche seiner Thesen die Forschung auch hinweggegangen sein, so bleibt sein Werk doch wegweisend.

Die Monographie zieht Erkenntnisse aus unterschiedlichen Fachdisziplinen heran und greift dabei Gedanken auf, die ich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016) entwickelt habe. Den an unseren Universitäten so verbreiteten Kulturrelativismus, der entweder allen Religionen gleichermassen ein Gewaltpotential attestiert oder alle Religionen gleichermassen davon freispricht, lehne ich ebenso ab wie die rechtspopulistische Deutung des Islam als einer politischen Ideologie, die gar nicht anders kann als gewalttätig zu sein.

Beide Auffassungen sind empirisch nicht haltbar. Weitaus plausibler ist die Annahme, dass der orthodox-sunnitische Islam und der salafi-dschihadistische Islam zwar unterschiedliche Entitäten darstellen, jedoch eine Schnittmenge aufweisen. Diese Schnittmenge gilt es zu analysieren, denn sie bildet die Brücke, die vom normalen Glauben in den Extremismus führt.

Hinzu kommen kulturalisierte Geschichtsbilder, die in manchen Biographien Teil eines asymmetrischen Weltbildes sind: Wer im Westen aufgewachsen und zugleich muslimischer Herkunft mit nahöstlichen/ asiatischen Wurzeln ist, wird die Geschichte westlicher Länder meist aus westlichen Geschichtsquellen kennen, die elterliche Herkunftskultur dagegen meist aus Quellen, die der Region entstammen. Das führt mitunter zu einer Schieflage des eigenen Weltbildes, da die westliche Selbstkritik an der eigenen Geschichte kein oder fast kein Pendant in den muslimischen Gesellschaften hat.

So wird die Sklaverei im Westen als etwas Grausames und Schändliches dargestellt, während in der islamischen Welt, die an der Versklavung nicht nur von Afrikanern beteiligt war, das Thema meist heruntergespielt wird, insofern als der Islam mit Sklaven eher nachsichtig umgegangen und überhaupt die eigene Praxis der Sklaverei nicht mit der westlichen zu vergleichen sei. Der Selbstkritik des Westens steht allzu oft eine Selbsterhöhung der islamischen Welt gegenüber.

Wer eine westlich-muslimische Biographie hat und in jungen Jahren in eine Identitätskrise gerät, wird sich dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eher zum muslimischen Aspekt der eigenen Persönlichkeit hingezogen fühlen als zum westlichen. Hat der Westen von den Kreuzzügen bis Kolonialismus nicht jede Menge Dreck am Stecken, wie er selbst sagt? Und ist der Islam in seiner Geschichte nicht tausendmal toleranter und eigentlich immer das Ziel westlicher Attacken gewesen? – So oder ähnlich tickt es in manchen Köpfen.

Deshalb sind Gegennarrative wichtig. Gegennarrative sind nicht einfach eine Umkehrung des Geschichtsbildes, indem nun die westliche Geschichte unkritisch überhöht wird, sondern sie zielen darauf ab, vermeintliche Gewissheiten aufzubrechen. Sie werden daher einen wichtigen Teil meines Buches ausmachen.

Derzeit ist das Buch zu etwa achtzig Prozent abgeschlossen.

(Stand Juli 2018)