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Category: Religion und Politik

Feminisierung abgewendet

Wie “Middle East Online” meldet, lässt der Golfstaat Qatar männliche Schulklassen nicht länger von einer weiblichen Lehrerschaft unterrichten. Koedukativen Unterricht gibt es ohnehin nicht, aber jetzt sollen Jungen nur noch Unterricht von männlichen Lehrern bekommen.

Die Begründung: Der Unterricht durch weibliche Lehrer könne dazu führen, dass die Jungen feminine Verhaltensweisen übernehmen. Diese Auffassung wird nicht etwa durch Studien untermauert, sondern durch einen Verweis auf die Scharia. Qatarische Oppositionelle verurteilten dies als einen gesellschaftlichen Schritt zurück.

Lee Smith: The Strong Horse

Von Journalisten verfasste Bücher über den Nahen Osten basieren üblicherweise auf persönlichen Begegnungen und Eindrücken, die dann mit historischem Hintergrundwissen angereichert werden. Nicht so das Buch „The Strong Horse“ des amerikanischen Journalisten Lee Smith, der sich das ehrgeizige Ziel vorgenommen hat, den kulturellen Ursachen der eruptiven Gewalt, von der die Arabische Welt geprägt ist, auf den Grund zu gehen, um so weit mehr als eine Momentaufnahme der Arabischen Welt zu geben.

Smith wartet mit einer starken These auf. Gewalt ist tief in der arabischen Kultur und Geschichte verankert, auch der Nahostkonflikt ist nur Ausdruck desselben Problems, von dem die gesamte Region befallen ist. Weil die Verankerung von Gewalt in dieser Gegend der Weltgeschichte organischer Natur sei, werden Machtkämpfe selten friedlich ausgetragen und autoritäres Gebaren allzu häufig mit grosser Popularität belohnt: Die Massen reiten lieber auf dem Rücken des „starken Pferdes“ („strong horse“) anstatt auf dem des lahmen Gauls.

Nicht, dass die Menschen in dern Ländern der Arabischen Welt nur Gewalt verstünden, behauptet Smith, wohl aber, dass Gewalt zentral für die Art und Weise sei, in der man in der Arabischen Welt Politik verstehe. Den „Kreislauf der Gewalt im Nahen Osten“ führt Smith auf eine Tradition zurück, die älter ist als der Islam. Tatsächlich bildete der Kampf bereits im vorislamischen Arabien einen essentiellen Bestandteil tribalistischer Lebensform, bevor er mit dem Islam zu einem „hochangesetzten religiösen Verdienst sublimiert“ (Albrecht Noth) wurde.

In seinem Gang durch die arabische Geistesgeschichte macht Smith deutlich, dass es zwar immer wieder Ansätze fortschrittlichen, von Toleranz geprägten Denkens gegeben hat, dieses es letztlich aber nicht vermochte, den vorherrschenden Wertekanon der arabischen Gesellschaften entscheidend zu prägen: Namen wie Sati’ al-Husri und Michel Aflaq, al-Afghani und Muhammad Abduh, Qasim Amin und Taha Hussein usw. sind sattsam bekannt. Immerhin, dass er auch einen so ungewöhnlichen mitelalterlichen Philosophen und Dichters wie al-Ma’arri kennt und mit den Begriffen Pharaonismus und Phönizismus etwas anfangen kann, zeigt, dass er sich schon etwas eingehender mit der arabischen Geschichte befasst hat.

Dass der arabische Nationalismus keine säkulare Doktrin sei, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis, zumal auch die Nationalismen in der übrigen Islamischen Welt stark auf den Islam rekurrieren. Bestes Beispiel hierfür ist die türkische Spielart des Nationalismus, die ebenfalls eng mit der Sunna verflochten ist. Auch wenn es gerade im arabischen Raum häufig christliche Intellektuelle waren, die nationalistische Ideen vorantrieben, so haben auch sie – und nicht nur Edward Said, wie Smith glaubt – gerne mit Verweis auf den Islam als Erbe aller Araber argumentiert.

Das Buch liest sich streckenweise, als sei es eine zeitnahe Antwort auf die Ereignisse in Syrien. Tatsächlich erschien es erstmalig 2010 und damit recht kurz vor Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges. Nach wie vor zutreffend ist aber Smiths Kritik an der im Westen gängigen, aber dennoch falschen Einschätzung, dass Syrien wegen seiner Alawitenherrschaft und des relativ säkularen, nationalistischen Charakters wenig geneigt sein soll, Dschihadisten zu unterstützen, weswegen es potentieller Partner der USA sein müsse.

Die zahlreichen Besuche amerikanischer Aussenminister in Damaskus geben ein beredtes Zeugnis von der Hartnäckigkeit dieses Irrglaubens ab, obwohl Damaskus immer ein Einfallstor für Dschihadisten aus aller Herren Länder war.  Nicht zuletzt hat das syrische Regime ausländische Dschihadisten zum Teil „umzudrehen“ und so für sich zu instrumentalisieren gewusst, was sich jetzt gegen das Regime richtet, wenn Dschihadisten aus dem Irak wieder zurück nach Syrien strömen, um dort auf Seiten der Rebellen zu kämpfen.

In diesen Zusammenhang gibt Smith noch einen weiteren Umstand zu bedenken, nämlich dass es sich um einen Mythos handelt, Terrorgrpuppen seien lediglich staatenlose Netzwerke, die sich in einem Land einnisten, um dort, mehr geduldet als unterstützt, ihr Unwesen zu treiben. Das Gegenteil ist der Fall: Terrorgruppen sind nichts ohne einen oder mehrere Unterstützerstaaten. Daher, so Smith, ist auch die Annahme falsch, dass alles was nach Assad kommt, nämlich eine sunnitische Theokratie oder ein gescheiterter Staat, nur schlimmer sein könne als das gegenwärtige Regime.

Insgesamt zeichnet Smith ein recht abgeklärtes Bild von der Arabischen Welt und meist trifft er damit ins Schwarze, z.B. wenn er darauf hinweist, dass Islamisten über keinen Mechanismus einer friedlichen Transformation verfügen. Durch den demokratischen Prozess werden sie daher nicht gezähmt, wie viele im Westen gerne glauben möchten – ganz im Gegenteil: Radikale radikalisieren die Politik.

Dass viele vermeintliche Vorkämpfer von Toleranz und Dialog weit weniger gemässigt sind, als viele im Westen zu hoffen wagen, macht das Projekt einer arabischen Demokratie ebenfalls nicht leichter. Smith nennt hier den ägyptischen Menschenrechtsaktivist Saad Eddin Ibrahim – Träger des Jenaer Menschenrechtspreises! – der zugleich ein Apologet der Hisbollah ist, weil er deren Führer Nasrallah allein wegen dessen Popularität für gemässigt hält. Auch werden viele liberale Presseerzeugnisse in der Arabischen Welt deshalb von Saudi-Arabien finanziert, weil es so einen Diskurs steuern kann, in dem es selbst von Kritik immer ausgenommen bleibt.

Gängigen Argumenten, warum die Demokratie in der Arabischen Welt es so schwer hat – aus Mangel an Bildung der Massen und der Gefahr islamistischer Legitimierung –, setzt Smith entgegen, dass es überhaupt fragwürdig ist, ob die Massen überhaupt Interesse an Demokratie haben. Nicht Imperialismus, Kolonialismus, Zionismus oder USA sind das Problem der Arabischen Welt, sondern die Abwesenheit von Individualismus und Pluralismus. Dem ist zuzustimmen, was jedoch auch heisst, dass aus genau diesem Grund Bushs Freiheitsdoktrin zum Scheitern verurteilt war, wie Smith selbst sagt.

Mit seinem Buch leistet Smith einen überzeugenden Beitrag zur Debatte um die arabische Dauerkrise. Letztlich verortet er die Ursachen der Probleme dort, wo sie zutage treten, nämlich in der der Arabischen Welt selbst. Wenn sich dort etwas ändern und die Kultur der Gewalt überwunden werden soll, müssen entsprechende Anstrengungen auch dort ihren Ausgang nehmen. Individualismus und Pluralismus in der Gesellschaft zu verwirklichen war schliesslich auch einmal Teil eines Programms, das im europäischen Kontext „Aufklärung“ genannt wurde.

Lee Smith: The Strong Horse: Power, Politics, and the Clash of Arab Civilizations. New York, NY: Anchor Books, 2011. € 11,50.

(Geringfügig überarbeitet am 6.7.2013.)

Nachgefragte Arabisten

Was hier Robert D. Kaplan, Chief Geopolitical Analyst des Thinktanks Stratfor schreibt, geht doch mal runter wie Öl:

The more that 21st century geopolitics becomes fraught with both internal rebellions and regional clashes, the more that area expertise will be necessary inside the foreign ministries around the world. The 21st century, in other words, demands individuals with a 19th century sense of the world: people who think in terms of geography, indigenous cultures and local traditions.

In der Tat liegen die Probleme vieler Staaten der Region im 19. Jahrhundert verborgen. Informationen in Hülle und Fülle zu diesem Thema bietet mein Buch “Das Ende des levantinischen Zeitalters” (2013).

Zum koranischen “fī sabīl Allāh” (2)

Ein Nachtrag zum koranischen “fī sabīl Allāh” (Vorgeschichte s. hier), das uns in Sure 2:190 begegnet: وقَتِّلوا في سبيل الله الذين يقتِّلونَكم ولا تاعْتادوا إنّ الله لا يُحبُّ المعتدّينَ. Dass fī sabīl nicht “auf dem Weg” heisst, sondern “um … willen”, hatte ich bereits erläutert. Nicht allen Koranübersetzern scheint der Begriff jedoch geläufig zu sein, weshalb sie ihn fälschlicherweise wortwörtlich übersetzen.

So lässt das Wissenschaftsportal L.I.S.A. der Gerda-Henkel-Stiftung einen Experten zu Wort kommen, der andauernd etwas vom “Weg Gottes” erzählt (ab etwa 10:50). Eine schnelle Überprüfung ergibt, dass sich dieses Missverständnis auch z.B. in der Übersetzung von Henning findet: “Und bekämpft in Allahs Pfad …” (Henning, Leipzig 1979).

Richtig übersetzt wird die Stelle dagegen in den Übersetzungen der Ahmadiyya “Und kämpfet für Allahs Sache …” (Ahmadiyya, Frankfurt a.M. 1993) und bei Paret “Und kämpft um Gottes willen …” (Paret, Berlin et al. 1985; auch online.) Parets Übersetzung bleibt im deutschen Sprachraum autoritativ.

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