Autor & Journalist

Monat: August 2018

Wer spricht vom “islamischen Mittelalter”?

Mit Thomas Bauer, einem Arabisten an der Universität Münster, wollte ich mich eigentlich nicht mehr beschäftigen. Die letzten beiden Bücher, in denen er seine These von der Ambiguität der islamischen Kultur und der vermeintlichen Ambiguitätsfeindlichkeit des Westens ausbreitet, enthalten haarsträubende Fehler und manipulieren den Leser durch einen selektiven Umgang mit den Fakten. Ich habe das an anderer Stelle ausführlich dargelegt.

Aber wie das so ist, Schmu setzt sich oft genug durch und so erlebt Bauers These, wie schon befürchtet, einen steilen Aufstieg, womit er es jetzt in den Verlag C.H. Beck geschafft hat. Dort eine Monogaphie zu publizieren, bedeutet meist, sehr bald Anfragen von den grossen überregionalen Tageszeiten zu erhalten und mit Gastbeiträgen Werbung für sein Buch machen zu dürfen.

Die FAZ bringt nun das Schlusskapitel aus Bauers noch nicht erschienenem Buch Warum es kein islamisches Mittelalter gab in einer gekürzten Fassung unter die Leserschaft. Darin geht es um eine abschliessende Erörterung der Epochenfrage und wie der Buchtitel bereits sagt, spricht Bauer sich gegen den Begriff “islamisches Mittelalter” aus, weil diese eine Epocheneinteilung widerspiegelt, die europäischen Ursprungs ist und deren Anwendung auf die islamische Welt keinen Sinn macht. Die Argumentation von Bauer ist nachvollziehbar.

Der Begriff “Mittelalter” ist für die islamische Geschichte deswegen ungeeignet, als das Mittelalter eben das mittlere Zeitalter zwischen Antike und Neuzeit meint, die esxpansive Phase der islamischen Geschichte aber im 7. Jahrhundert beginnt und damit, so die vieldiskutierte These von Henri Pirenne, die Antike mit ihrer Einheit des orbis terrarum beendet.

Der Historiker Paul Egon Hübinger hat schon 1952 in einem Aufsatz (als Buch erschienen 1959) das Problem der Epochenbildung thematisiert und dabei im Gefolge der These von Pirenne die Rolle des Islam unter die Lupe genommen. Hübinger hält jede Form von Epocheneinteilung problematisch, “so daß, wenn in einem Bereich schon etwas zugrunde gegangen ist, anderes gerade zu keimen beginnt und wieder anderes umso kräftiger blüht und in eine spätere Zeit hineinwächst” (Spätantike und frühes Mittelalter: Zum Problem historischer Epochenforschung. Darmstadt 1959, S. 37).

Man muss jedoch einwenden, dass der Begriff “islamisches Mittelalter” ohnehin nicht sehr verbreitet ist.

Schauen wir einmal in die Fachliteratur. Nehmen wir z.B. das Buch von Gerhard Endreß “Der Islam – Eine Einführung in seine Geschichte”, ein Standardwerk, das in mehreren Auflagen erschienen ist. Dort (2. Auflage 1991) werden unter VI. die “Perioden der islamischen Geschichte” behandelt. Die Einteilung erfolgt nach Dynastien, der Begriff “Mittelalter” kommt nicht vor.

Ebenso das Buch von Gudrun Krämer “Geschichte des Islam” (2005): Die Hauptkapitel tragen Titel wie “Goldene Zeiten? Die frühen Abbasiden”, “Neue Horizonte” oder “Reichsgründungen”. Auch hier taucht im Inhaltsverzeichnis das Wort “Mittelalter” nicht auf. 

Nehmen wir ein älteres Standardwerk zur Hand, Carl Brockelmanns “Geschichte der islamischen Völker und Staaten” von 1943 (Reprint 1977), so finden wir auch hier eine Einteilung nach Dynastien: “I. Die Araber und das Arabische Reich”, “II. Das islamische Weltreich und sein Zerfall”, “III. Die Osmanen als Vormacht des Islam” usw. Das Wort “Mittelalter” wird vermieden.

Dann wurde ich doch noch fündig: Die von Ulrich Haarmann herausgegebene “Geschichte der arabischen Welt” (5. Auflage 2004) enthält ein Kapitel des Herausgebers, das den Titel “Der arabische Osten im späten Mittelalter 1250-1517” trägt. Das war es aber auch schon. Das vorangegangene Kapitel von Heinz Halm vermeidet den Begriff “Mittelalter” und heisst schlicht “Die Ayyubiden”.

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass der Begriff “Mittelalter” im Zusammenhang mit der islamischen Geschichte eher ungebräuchlich ist. Er begegnet einem hier und dort, wird aber eigentlich ungern benutzt – und zwar aus genau dem Grund, den Bauer geltend macht. Bauer ist auch nicht der erste, der dies in seinem Fach thematisiert.

Eine Debatte über die Epocheneinteilung der islamischen Geschichte gibt es nämlich spätestens seit dem Jahr 1990. Damals hatte der Arabist Reinhard Schulze in der Welt des Islams einen Aufsatz mit dem Titel “Das islamische 18. Jahrhundert” veröffentlicht. Anders als Bauer wollte Schulze zwar zeigen, dass alle Errungenschaften, die sich die Europäer auf die Fahne schreiben, irgendwie auch und sogar zeitgleich im Islam zu finden seien, aber daraus wurde dann eine Debatte über Epochengrenzen, die sich jahrelang hinzog und u.a. in der Welt des Islams ausgetragen wurde. 

Seitdem scheint der Begriff “islamisches Mittelalter” auch nicht gerade an Popularität gewonnen zu haben. Eine Suchanfrage bei “google books” ergibt lediglich eine überschaubare Anzahl an Treffern, angeführt von Bauers eigenem Buch. Schon auf der dritten Trefferseite tauchen überwiegend Titel auf, in denen es gar nicht mehr um den Islam geht.

Bauer rennt gegen Windmühlen an, wenn er einen Begriff bekämpft, der in der islamwissenschaftlichen Fachwelt kaum in Gebrauch ist.


Mossadegh

Zum Thema Mossadegh habe ich mich an verschiedenen Stellen geäussert (u.a. hier). Zur Erinnerung: Mossadegh hiess der iranische Premierminister, der 1953 einem Coup der CIA zum Opfer gefallen sein soll. Der Nahost-Publizist Michael Lüders hat daraus eine Ursünde der USA im Nahen Osten konstruiert, die am Anfang einer verhängnisvollen Kette von Ereignissen stehen soll, die den Nahen Osten ins Unglück gestürzt hat.

Dazu muss man sagen, dass in der Forschung die Erzählung vom Sturz durch die CIA bestenfalls umstritten, manche sagen: widerlegt ist. Einer, der dennoch daran festhält, ist Christopher de Bellaigue, ein britischer Auslandskorrespondent, der jahrelang im Iran gelebt hat und Persisch spricht. An de Bellaigues Objektivität sind Zweifel angebracht, denn in seinem – an sich sehr lesenswerten – Buch “Im Rosengarten der Märtyrer” (2006) outet er sich als Sympathisant der Islamischen Revolution, wenn er schreibt, die Islamische Republik habe sich die “Freiheit [erkämpft], wichtige Entscheidungen zu treffen, ohne eine Supermacht um Erlaubnis fragen zu müssen” (S. 308) oder behauptet, dass es den Armen besser ginge als vorher (S. 333)

Dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man seine Biographie über Mohammed Mossadegh (“Patriot of Persia”, 2013). liest. Schon die Quellenangaben machen misstrauisch, denn die wichtige Mossadegh-Biographie von Jalal Matini findet keine Erwähnung. Mossadegh, heute eine Symbolfigur der antiamerikanischen Internationale, kommt im grossen und ganzen sehr gut weg, auch wenn de Bellaigue einräumen muss: „But the prime minister was exploiting his personal magnetism at the expense of democracy‟ (S. 227).

Das Buch ist nicht mehr ganz druckfrisch und schon vor fünf Jahren erschienen. Aber nun gibt es eine Rezension, die sich gewaschen hat. Sie stammt von dem ehemaligen Chefredakteur der iranischen Tageszeitung “Kayhan”, deren Redaktion nach der Revolution nach London übersiedelte (heute gibt es noch eine zweite Kayhan, die in Teheran produziert wird und als Sprachrohr der Hardliner gilt.) Mit einiger Verspätung schreibt Taheri, heute ein bekannter Kommentator und Analyst der iranischen Politik, in ebenjener (Londoner) “Kayhan”, warum de Bellaigue hier von A bis Z falsch liegt. 

“Iran war damals keine Demokratie, sondern ein monarchischer Verfassungsstaat.”

Taheri hatte Kermit Roosevelt, den CIA-Mitarbeiter, der massgeblich hinter dem angeblichen Coup stand, 1977 persönlich kennengelernt. Er beschreibt ihn als jemanden, der erst in späteren Jahren auf die Idee verfallen sei, sich selbst in einem Buch als Held einer CIA-Operation darzustellen und Taheri kritisiert, dass de Bellaigue Roosevelts Erzählung kritiklos übernimmt. So ist de Bellaigues Darstellung derer, die gegen Mossadegh auf die Strasse gingen, von Rossevelts Sichtweise geprägt, wenn er sie als Aufrührer und Unruhestifter beschreibt. Dass ganz normale Iraner gegen Mossadegh sein könnten, kommt ihm nicht in den Sinn.

Verworfen wird von Taheri auch die Behauptung, mit dem Sturz Mossadeghs sei die iranische Demokratie vernichtet worden. Taheri weist darauf hin, dass Iran damals keine Demokratie war, sondern ein monarchischer Verfassungsstaat, innerhalb dessen es dem Schah oblag, Premierminister nach Belieben abzusetzen, was auch häufig geschah. Mossadegh selbst war zuvor schon einmal abgesetzt und dann erneut ins Amt eingeführt worden. Niemals zuvor ist die Entlassung eines iranisches Premiers als “Coup” bezeichnet worden. 

Auch der Versuch de Bellaigues, Mossadegh als einen “Liberalen” zu porträtieren, vermag nicht zu überzeugen. Vielmehr hat sich Mossadegh während seiner gesamten Amtszeit als autoritäre Persönlichkeit herausgestellt, der Kabinettssitzungen abgebrochen, Wahlen ignoriert und so ziemlich alle Freunde und Verbündete gegen sich aufgebracht. Hunderte seiner Gegner liess er ins Gefängnis werfen. 

Mossadeghs Name ist vor allem mit der Verstaatlichung der Ölproduktion verbunden. Aber, so Taheri, Mossadegh gehörte dem Parlament, das die Verstaatlichung betrieb, gar nicht an. Der Plan wurde vielmehr von fünf Parlamentariern ausgearbeitet, die erst nach Mossadegh an die Macht kommen sollten. Schliesslich war es der Schah, der Mossadegh den Auftrag erteilte, die Ölproduktion zu verstaatlichen, was jedoch fehlschlug. 

Taheri kritisiert auch de Bellaigues Darstellung der Ereignisse als einen Zusammenstoss zwischen britischem Imperialismus und iranischem Nationalismus. Dies ist allein schon deshalb unglaubwürdig, so Taheri, weil Iran niemals eine britische Kolonie war. Briten gab es kaum welche in Iran und iranische und britische Ölgesellschaften existierten nur in fünf abgelegenen Provinzen. Angesichts der geringen britischen Präsenz ist ein “Zusammenstoss” eine merkwürdige Vorstellung. 

Merkwürdig ist auch de Bellaigues Behauptung, dass durch den Putsch die Herrschaft des Schahs wiederhergestellt werden sollte, denn tatsächlich war der Schah weder auf der Flucht noch abgesetzt oder das monarchische System überhaupt infrage gestellt. Mossadegh selbst hat nie das Ende der Monarchie verkündet und sich selbst zum Chef einer Republik ernannt. 

“Mossadegh selbst hat niemals und nirgendwo behauptet, die Amerikaner hätten eine Rolle bei seiner Absetzung als Premierminister gespielt.”

Auch die Ziele der Amerikaner, so Taheri, schätze de Bellaigue falsch ein, der viele Namen falsch schreibe und die Massen an persischsprachiger Literatur zum Thema ignoriere. Was 1953 im Iran geschah, so Taheri, war kein Coup, sondern Chaos, das Mossadegh selbst gestiftet hat, indem er alle gegeneinander aufbrachte. Mossadegh selbst hat niemals behauptet, von den Amerikanern gestürzt worden zu sein.

Bei dieser Gelegenheit teilt Taheri auch kräftig gegen Arvan Abrahamian aus, einen iranisch-amerikanischen Wissenschaftler und Verfasser eines Buches über den vermeintlichen Coup. Abrahamian habe kürzlich zugegeben, “vierzig Jahre lang” sich bemüht zu haben, den Namen des Schahs und seines Vaters zu zerstören und müsse jetzt zusehen, wie die Demonstranten, die aktuell gegen das Regime auf die Strasse gehen, davon nichts wissen wollen.

Soweit die Rezension von Amir Taheri. Eigentlich schade, dass sie auf Persisch verfasst ist. Es bleibt zu wünschen, dass sie demnächst auch auf Englisch erscheint und grösstmögliche Verbreitung findet.


Nachtrag 23.08.2018
Die Rezension von Taheri gibt es jetzt auch auf Englisch.

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