michael kreutz

Wissenschaftler & Publizist

Autor: Dr. Michael Kreutz Seite 1 von 9

Es ist da!

Es ist doch immer wieder schön, eine neues Buch in Händen zu halten, das den eigenen Namen trägt. Gestern kamen dann meine fünfzehn Autorenexemplare per Post.

Das Thema sind die Diskurse griechischer und arabischer Reformdenker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – eine ungemein faszinierende Zeit, in der die Ursachen für viele Probleme liegen, die die Länder im östlichen Mittelmeerraum heute plagen.

Das bedeutet auch, dass ost- und südosteuropäische Länder wie Griechenland, heute in mehrfacher Hinsicht den arabischen Ländern ähnlicher sind als den westeuropäischen Ländern. Das Osmanische Reich hat Auswirkungen, die bis heute spürbar sind.

Es macht daher wenig Sinn, Europa wie einen Monolithen zu behandeln. Auch und gerade die Postkolonialisten haben mit dieser Sichtweise keineswegs gebrochen, sie haben sie nur umgekehrt, indem sie die kulturelle Eigengesetzlichkeit nahöstlicher bzw. westasiatischer Ländern gegenüber einem expansiven “Europa” verteidigen.

Viele Ideen waren damals aber auch fortschrittlicher und aufgeklärter, als viele sich das heute vorstellen mögen. Daraus lassen sich durchaus Anregungen für die Lösung gegenwärtiger Probleme gewinnen.

Die Publikation schliesst sich an meine beiden Bücher Arabischer Humanismus in der Neuzeit (2007) und Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) an, führt manche Gedanken fort und erschliesst dabei neue Quellen.

Eine Kaufempfehlung kann ich natürlich nicht so ohne weiteres aussprechen, weil das recht kompakt geratene Buch für den Normalleser viel zu teuer ist. Aber vielleicht hat der eine oder andere die Möglichkeit, ein Exemplar für die Universitätsbibliothek in seiner Stadt anzuschaffen. Das würde mich freuen.

Ansonsten blicken wir gespannt auf die nächste Bucherscheinung unter dem Titel Reformation im Islam, die aktuell (der Termin hat sich mehrfach verschoben) für den 13. Juni vorgesehen ist.

Ein Rückblick auf die Thesen von Günter Lüling

Dass ich mit mit den Theorien von Günter Lüling beschäftigt habe, ist schon Jahre her. Natürlich ist die Idee eines Ur-Koran faszinierend, von den Implikationen ganz zu schweigen. Lüling nahm an, dass Vertreter des Judenchristentums sich vor dem entstehenden hellenistisch-römischen Imperiums-Christentum auf die arabische Halbinsel gerettet haben, wo ihre Glaubensüberzeugungen gewissermassen arabisiert worden seien. (Über den Ur-Qur`ān, Erlangen 1974, S. 403-5; Die Wiederentdeckung des Propheten Muhammad, Erlangen 1981, S. 75).

Dabei berief sich Lüling auf die ältere Forschung von Julius Wellhausen, der behauptete, dass die ersten, die das Arabische als Schriftsprache gebrauchten, Christen waren, die in ihr eine eigene Poesie niederschrieben. Diese soll dann das Substrat gebildet haben, aus dem der Koran hervorging. Doch weil die Anhänger des Islam kein Interesse daran hatten, Zeugen für den christlichen Ursprung des Koran zu konservieren, soll besagte Poesie vollständig untergegangen sein. (Über den Ur-Qur`ān, S. 145)

Man wird das Gefühl nicht los, dass das alles ein bisschen wie Erich von Däniken klingt. Je stärker aber eine These ist, desto besser sollte sie begründet sein.

Lüling wollte den Koran keineswegs abwerten. Er selbst verstand seine Arbeit zwar als Kritik am Koran, aber “als eine gegenüber dem Islam denkbar positive.” Ablehnend stand er vielmehr der gängigen Vorstellung von einem christlichen Abendland gegenüber, das einen Alleinvertretungsanspruch auf die christliche Geschichte erhebt. Das bildete den Ausgangspunkt für seine vermeintliche Rekonstruktion des koranischen Textes. (Über den Ur-Qur`ān, S. 176)

Allerdings ist vieles spekulativ und man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass manches doch recht weit hergeholt ist. Im folgenden einige Beispiele (einfache Arabischkenntnisse vorausgesetzt):

1 – Lüling (Über den Ur-Qur`ān, S. 273) behauptet, dass in Koran 26:86, wo es heisst واغفر لابي [wa-ġfir li-abī] = „und vergib meinem Vater“, ursprünglich geheissen haben müsse واغفر لي ابي [wa-ġfir lī abī] = „und vergib mir, mein Vater“. Das hat mir ein Stirnrunzeln verursacht. Denn fehlt da nicht die Anrufungspartikel (يا)? Lüling spricht von einer altarabischen Koine, in der der Ur-Koran verfasst worden sei und wenn es diese Koine jemals gegen haben sollte, wäre natürlich denkbar, dass sie keine Anrufungspartikel kennt oder benötigt. Allerdings äussert sich Lüling dazu nicht, er setzt dies einfach voraus.

2 – Nach Lüling (Über den Ur-Qur`ān, S. 308) muss Koran 55:5-6, wo es heisst: الشمس والقمر يسبحان ganz anders, nämlich als والنجم السحر يسجدان gelesen werden. Dann kann سحر allerdings kein Substantiv sein, muss also adjektivisch saḥir gelesen werden. Lülings Argumentation ist merkwürdig: Er selbst übersetzt النجم السحر mit „Morgenstern“, für den er, wie er selbst sagt, bislang keinen Beleg in der christlich-arabischen Literatur finden konnte. Ist das solide Wissenschaft?

3 – Des weiteren behauptet Lüling, die Bezeichnung ummī für den Propheten werde falsch übersetzt. Eigentlich heisst der Begriff “Analphabet” und wird in der islamischen Tradition so verstanden, dass der Prophet, weil er des Lesens und Schreibens unkundig war, die Offenbarung auch nicht habe verfälschen können. Analphabet gewesen zu sein erhöht also seine Glaubwürdigkeit. Jetzt kommt Lüling (Über den Ur-Qur`ān, S. 346) und behauptet, ummī sei mit “national” zu übersetzen, insofern als der Prophet versucht habe, die Schrifttradition lokal zu beheimaten. Belege hierzu liefert Lüling keine.

Weitere Beispiele liessen sich nennen. Einige seiner Anhänger haben das Gerücht in die Welt gesetzt, dass Lüling deshalb die wissenschaftliche Karriere versagt geblieben war, weil seine Erkenntnisse die Orientalistik/ Islamwissenschaft aus den Angeln gehoben haben. Dass die Ablehnung seiner Thesen sachliche Gründe haben könnte, wollen nicht alle akzeptieren.

Tatsächlich würde hier gar nichts aus den Angeln gehoben, selbst wenn Lüling recht haben sollte. Denn für die Islamwissenschaft relevant bleibt der überlieferte, nicht irgendein rekonstruierter Koran, weil die ganze Theologie auf jenem aufbaut, nicht auf diesem. Hätte Lüling recht, würde das zwar ein ganz neues Licht auf die Anfänge des Islam werfen, aber die Theologie berührt es nicht, weil sie den Koran nur so kennt, wie er überliefert ist.

Es gibt einen lesenswerten Aufsatz zum achtzigsten Geburtstag von Günter Lüling und den islamwissenschaftlichen Betrieb an deutschen Universitäten, deren Verfasserin offenbar über Insiderkenntnisse verfügt. Über die methodischen Mängel seiner Thesen kann der Aufsatz aber nicht hinwegtäuschen.

Ein jüngst erschienener Sammelband widmet sich nun dem Lüling’schen Werk. Darin findet sich der (frei zugängliche) Aufsatz des Judaisten Holger Zellentin, der meine Vermutung bestätigt, dass Lülings Thesen einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten.

Zellentin führt gute Argumente ins Feld. Lülings Prämissen sowohl der Poesie als auch der christlichen Theologie sind auf Sand gebaut. Seine Thesen basieren auf einem Zirkelschluss: Sie bestätigen immer nur, was vorab schon angenommen wird. Solange ausserkoranische Befunde sie nicht stützen, stellen sie nicht mehr als eine Fussnote der Wissenschaftsgeschichte dar.

“Eine Gesellschaft, die nicht auf Fortschritt angewiesen war”

Man weis gar nicht, wo man anfangen soll. Da erzählt ein Islamwissenschaftler im “Deutschlandfunk” wirklich einen Haufen Mumpitz, den er als wissenschaftliche Erkenntnis verkauft. Dabei sind seine Thesen weder neu noch wissenschaftlich fundiert, sondern Teil des Mantras, den die Anhänger des Postkolonialismus seit jeher verbreiten. Frank Griffel heisst der Mann, dessen Geschichtsklitterung einem höheren Zweck dient, dem Kulturrelativismus:

„Und ich denke, das sollten wir als Nicht-Muslime in Betracht ziehen, dass Muslime letztlich ihren eigenen Weg in die Zukunft finden müssen und dass es nicht wir sein können, die ihnen sagen sollten: Soundso müsst Ihr sein, Ihr müsst so sein wie wir, Ihr müsst Fortschritt erwarten, Ihr müsst Fortschritt kreieren.‟

Was hier mit dem Gestus des Respekts für andere Kulturen daherkommt, ist reiner Zynismus. Denn eine Gesellschaft, die nicht auf Fortschritt geeicht ist, verwehrt es dem einzelnen, sein kreatives Potential zu entfalten.

In einer Gesellschaft ohne Fortschrittsdenken kann es überhaupt keine Wissenschaftskultur geben, denn Wissenschaft ist gar nicht möglich, wenn man nicht davon überzeugt ist, dass der menschliche Wissensbestand einer dauernden Überprüfung und Anpassung bedarf und es nützlich sein kann, ihn zu erweitern. Ohne Fortschrittsdenken gibt es keine Verbesserung des menschlichen Lebens in materieller Hinsicht. Medizin und Technik bleiben auf der Strecke oder führen ein Schattendasein als gelehrte Spielereien.

In einer Gesellschaft ohne Fortschrittsdenken ist der einzelne zurückgeworfen auf Arbeit und Familie. Produktion und Genuss von Kultur bleiben einer kleinen Elite vorbehalten, die lesen und schreiben und sich Kultur auch in finanzieller Hinsicht leisten kann. Damit sind die muslimischen Gesellschaften über grosse Phasen ihrer Geschichte zutreffend beschrieben.

Natürlich gab es zu allen Zeiten in der Islamischen Welt gelehrte Persönlichkeiten, die enorme Kulturleistungen hervorgebracht haben. Allerdings haben sie es nicht vermocht, ihre Gesellschaften tiefgreifend umzugestalten, wie dies im lateinischen Europa der Fall war. Während Averroes’ Schriften Karriere in der Scholastik machten, wurden sie in seiner muslimischen Heimat verbrannt. Auch wenn sie später rehabilitiert wurden, sollten sie nie die Wirkung entfalten, die sie nördlich des Mittelmeeres erlebten. Weitere Beispiele liessen sich nennen – siehe dazu meinen Aufsatz in dem in Kürze erscheinenden Sammelband Reformation im Islam.

Der Wissenschaftshistoriker und Graeco-Arabist Gotthard Strohmaier schrieb einmal vor Jahren, dass es fraglich sei, ob die europäische Rezeption etwa der Aristoteleskommentare des Averroes wirklich so massgeblich für die kulturelle Entwicklung waren, „oder ob nicht tiefere gesellschaftliche Ursachen verantwortlich” seien, “die ihm eine Aufnahme im Abendland bescherten, die ihm in seiner Heimat versagt blieb.” Gesellschaften ohne Fortschrittsdenken sind trostlose Gesellschaften, ähnlich den Monokulturen geisteswissenschaftlicher Fakultäten an westlichen Universitäten.

Man könnte nun mit Griffel argumentieren, dass dies kein Problem sei, solange die Menschen in den muslimischen Ländern mit ihrem Dasein und ihrer Kultur immer zufrieden waren und keinen Bedarf hatten, daran etwas zu ändern. Dem gilt es zu widersprechen: Selbst wenn dies der Fall war, kann es doch kein Vorbild für heute sein. Tatsächlich hat das Fortschrittsdenken in den muslimischen Ländern bis heute keine rechte Heimat gefunden. Wer von den herrschenden Verhältnissen nicht profitiert, wird versuchen, ihnen zu entkommen. Oft landen solche Leute im Westen.

Vielleicht möchte Frank Griffel mit einem von ihnen tauschen.

Neuerscheinungen 2019

Unter den Sachen, die man so produziert, sind zuweilen auch etwas grössere Projekte.Es geht um einen Sammelband und eine Monographie, deren Publikation nun bevorsteht. 

Den Sammelband habe ich hier vor einiger Zeit schon erwähnt. Der Titel war aber ein Arbeitstitel und noch nicht vom Verlag abgesegnet. Der endgültige Titel mitsamt Untertitel steht jetzt aber endgültig fest. Er lautet:

Reformation im Islam: Perspektiven und Grenzen

Der Erscheinungstermin ist nach wie vor in der Schwebe. Das Projekt steht aber vor der Fertigstellung, d.h. es müssen im wesentlichen nur noch die Korrekturabzüge geprüft werden, dann kann das Buch in den Druck gehen. Vorsichtig geschätzt wird es dann im Februar oder März auf dem Markt sein (im Internet wird der Juni genannt, aber das ist unwahrscheinlich).

Ich bin nicht nur Mitherausgeber des Sammelbandes, sondern habe auch drei Beiträge ins Deutsche übersetzt und selber einen Beitrag beigesteuert. Der Band ist akademischer Natur, spricht aber auch eine interessierte Öffentlichkeit an. Alles weitere wird zu gegebener Zeit auf diesem Blog bekanntgegeben.

Das zweite Buch ist eine Monographie unter dem Titel:

The Renaissance of the Levant: Arabic and Greek Discourses of Reform in the Age of Nationalism

Einige Infos dazu gibt es hier. Voraussichtlicher Erscheinungstermin ist ebenfalls März 2019. Das Skript ist mittlerweile zweifach begutachtet worden und die weiteren Publikationsschritte nur noch technischer Natur. 

Also, da kann man sich wirklich auf den Jahreswechsel freuen! 

Was steht noch an? Derzeit in Planung sind noch zwei weitere Sammelbände, die auf zwei Tagungen (in Mainz und Essen) zurückgehen. Realistischerweise dürften beide wohl 2020 erscheinen. 

Online-Ressourcen für Orientalisten

Im folgenden liste ich einige Online-Ressourcen auf, die mir in letzter Zeit untergekommen sind und die mancher Leser oder manche Leserin für nützlich befinden mag. 

Jarayed – Arabic Newspaper Archive of Ottoman and Mandatory Palestine

LINK. Eine Datenbank digitalisierter Zeitungen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Palästina erschienen. 

Onomasticon Arabicum – اونوماستيكون ارابكوم

LINK. Eine prosopographische Datenbank der ersten tausend Jahre islamischer Geschichte.

The Syriac Galen Palimpsest – Digital Recovery of a Missing Link between Greek and Islamic Science

LINK. Ressource für Graeco-Arabisten und Wissenschaftshistoriker. 

Arabic Collections Online – المجموعات العربية على الانترنت

LINK. Frei zugänglicher Bestand von fast 10.000 digitalisierten Büchern. 

Islamische Handschriften – المخطوطات الاسلامية

LINK. Knapp 4000 Digitalisate aus der Sammlung der Ägyptischen Nationalbibliothek. 

Khayrallah Center Collections

LINK. Digitalisate von insgesamt 65 Sammlungen, die sich mit der libanesischen Diaspora in den USA befassen. 

Die Neuordnung des Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg

Ein Filmbeitrag der “Deutschen Welle” zur Neuordnung das Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg wiederholt alte Mythen und bedarf deshalb der Richtigstellung. Hier geht es um zwei Behauptungen: 1) Dass mit dem Sykes-Picot-Abkommen Briten und Franzosen das Vertrauen der arabischen Völker ausgebeutet haben, 2.) dass der Nahe Osten bis heute unter willkürlich gezogen Grenzen zu leiden habe. 

Zu beiden Mythen habe ich mich ausführlich in meiner Monographie Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) geäussert. Bevor ich hier auf Details eingehe, noch etwas zur Vorgehensweise: Zum einen habe ich den aktuellen Stand der englischsprachigen Forschung mit den zum Teil älteren Erkenntnissen deutschsprachiger Provenienz verknüpft, zum anderen habe ich Quellen aus den National Archives in London ausgewertet. Das Buch insgesamt greift eine Reihe von Aspekten der Neuordnung des Nahen Ostens auf, wofür ich auch arabischsprachige Quellen verwendet habe. Folgende Ausführungen habe ich meinem Buch (S. 199-201 und 209-13) entnommen, für das Internet sprachlich leicht überarbeitet und gekürzt, sowie die Endnoten entfernt. 

Ad 1. 

Das Sykes-Picot-Abkommen wird heute gerne als Ausdruck westlicher Doppelmoral gesehen, da es im Widerspruch zu den vermeintlichen Versprechungen McMahons stünde. Die Fakten sprechen  jedoch eine andere Sprache. Die Korrespondenz zwischen dem Scherifen Ḥusayn und dem britischen Hochkommissar McMahon beinhaltet nämlich keinerlei Versprechen von britischer Seite, einen grossarabischen Staat zu errichten, der auch Syrien mit einschlösse. Diese Lesart entstand erst später.

Vor allem die Forschung von Elie Kedourie hat hier mit groben Missverständnissen aufgeräumt. Aber schon Carl Brockelmann hat 1943 (!) darauf hingewiesen, dass Ḥusayn von McMahon niemals „bindende Versprechungen, die mit dem Hinweis auf die Interessen Frankreichs abgelehnt wurden“, erhalten hat. Im Schlussschreiben vom 30. Januar 1916, so Brockelmann, zeigte McMahon lediglich die Bereitschaft, dass man dieZukunft des Vilayets Bagdad zu gegebener Zeit erörtern werde.

Zwar wurde der Wunsch nach einem Grossreich anerkannt, einen Vertrag gab es jedoch nicht, er ist eine Fiktion Ḥusayns. Zu recht wurde im übrigen darauf hingewiesen, dass Ḥusayn und sein Sohn es waren, die in täuschender Absicht Verhandlungen aufnahmen, indem sie vorgaben, die gesamte arabische Nation zu repräsentieren. Zudem hatten sie Geheimverhandlungen mit den Osmanen geführt, während sie den Briten signalisierten, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Was das Sykes-Picot-Abkommen betrifft, so stand es in keinem Widerspruch zur Ḥusayn-McMahon-Korrespondenz. Es geht über die Korrespondenz sogar noch hinaus, nämlich so weit, zum ersten Mal in der Geschichte das arabische Recht aufSelbstbestimmung durch westliche Mächte anzuerkennen. Zu der Behauptung, dass die arabische Fassung aufgrund eines fehlenden Kommas (!) im englischen Text falsch übersetzt worden sei und so Ḥusayn glauben machte, man habe ihm ein grossarabisches Reich vertraglich zugesichert, hat ebenfalls schon Brockelmann das Nötige gesagt, als er bezweifelte, dass der in der Zeitung al-Manār abgedruckte arabische Text überhaupt als ein ratifizierter Vertrag anzusehen sei.

Ad 2.

Häufig wird behauptet, dass die Grenzen der heutigen arabischen Länder das Produkt kolonialistischer Willkür seien. Bei näherem Hinsehen bietet sich ein komplexeres Bild. Nicht nur, dass der Nahe Osten arm an natürlichen Grenzen ist, anhand derer man sich hätte orientieren können, vielmehr hatte Grossbritannien sehr viel Sorgfalt darauf verwandt, die Grenzen so zu ziehen, dass sich möglichst wenig Konfliktpotential zwischen den neuen Staaten bilden sollte.

So zeigen britische Protokolle aus der Zeit der Friedenskonferenz ein intensives Bemühen um den besten Verlauf der künftigen ägyptischen Westgrenze. Demnach gab es den Vorschlag, die Oase Sīwa mitsamt einem entsprechenden Wüstenstreifen bei Ägypten zu belassen, während die Oase Jaghbūb und der Hafen Sallūm möglicherweise der italienischen Zone zugeschlagen werden könnten. Der weitere Verlauf der Grenze sollte entlang eines Steilhanges erfolgen, der das Gebiet zwischen ägyptischen und westlichen Beduinen aufteilt. Beide Gruppen seien sinnvollerweise zu trennen, da zwischen ihnen böses Blut herrsche. Sie auseinanderzuhalten sei ohnehin längst tägliche Praxis der lokalen Behörden.

Schwieriger gestaltete sich der geplante Verlauf der östlichen Grenze. Seit der Balfour-Deklaration von 1917, die die Schaffung „einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina“ mit Wohlwollen betrachtete, sah sich Grossbritannien gegenüber dem zionistischen Vorhaben in der Pflicht. Daher wurden mehrere Varianten diskutiert, die in unterschiedlichen Farben auf der Karte eingetragen wurden: als schwarze, blaue (die Farbe von Chatham und General Allenby), rote, rotgepunktete (der Verlauf vonCol. Lawrence) und schwarzgepunktete Linie.

Übereinstimmung bestand in dem Punkt, dass in Palästina der westliche Steilhang des Wadi Araba die östliche Grenze vom Toten Meer bis zum Golf von Akaba bilden müsse. Dies wurde als realistisch eingeschätzt. Ein Problem dagegen wurde in der nördlichen Grenze zu Ägypten gesehen. Hier wurden der blauen und roten Variante nur geringe Chancen eingeräumt. Die Wahl engte sich daher auf die Vorschläge von Cavio und Colonel Lawrence ein. Am Ende war es Allenby, der die erste von Lawrence vorgeschlagene Grenzziehung als die praktischste und vorteilhafteste erkannte. Demnach sollte Beersheva bei Palästina verbleiben, während nahezu alle Beduinen sich künftig auf ägyptischer Seite wiederfänden.

An diesem Punkt fand die Diskussion noch längst nicht ihr Ende. Die vorläufige Festlegung der palästinensischen Grenze nach Süden böten, so ein weiteres Protokoll des britischen Aussenministeriums vom 17. März 1919, eine gute Gelegenheit, die Ostgrenzen Ägyptens zu überprüfen. Man versuchte, etwaige Probleme mit Frankreich aus dem Wege zu gehen, doch hielt man eine Korrektur des Grenzverlaufs für geboten, da das Land nun zwei neue Nachbarn habe: Die Regierung in Palästina und des Königreich Hedschas unter Ḥusayn, von denen erwartet wurde, dass sie mit Ägypten ein enges Verhältnis pflegen würden.

Die Untertanten im Königreich Hedschas neigten nicht nur zur Aufsässigkeit, sondern legten auch eine völlige Missachtung der Grenzen an den Tag. Man hätte über die Grenzüberschreitungen der Beduinen freilich hinwegsehen können, wären diese nicht bewaffnet und häufig auf Plünderungen aus gewesen. Vor allem die Bewohner der Grenzgebiete waren ihnen ausgeliefert. Die Grenzziehungen sollten daher in einer Weise erfolgen, dass stammesverwandte Gruppen innerhalb eines Gebietes zusammenblieben. Für Ägypten bedeutete dies, dass unter den Bedingungen der modernen Kriegsführung keine Grenze jemals gut genug sein würde. Der bisherige Plan wurde somit umgeworfen, als Gaza und Beersheva nun doch zu Ägypten gehören sollten.

Ein weiteres Memorandum beschäftigte sich mit den strategischen Grenzen Ägyptens nördlich des Suezkanals. Der Generalstab war daran interessiert, Palästina so stark wir nur möglich zu machen, weswegen der jüdischen Bevölkerung jede Möglichkeit an die Hand gegeben werden sollte, ihr Land aufzubauen. Eine Landesentwicklung im Süden sollte, so die Hoffnung, stabilisierende Wirkung auf Ägypten haben, ohne durch die „unzivilisierten und nomadischen Beduinen“ behelligt zu werden. Zu diesem Zwecke wurde es als wünschenswert gesehen, dass die Juden, sofern möglich, auch Zugang zum Golf von Akaba bekämen. Der Generalstab drückte damit seine Empfehlung aus, dass die südwestliche Grenze des jüdischen Palästina entlang der alten Grenze zwischen dem Sinai und dem Osmanischen Reich verlaufen möge.


Die heutigen Länder und Grenzen sind Produkte unterschiedlicher Kräfte und keineswegs willkürlich von britischer und französischer Seite der Region übergestülpt. Häufig wird dabei ausser Acht gelassen, dass praktisch alle Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches, also auch die auf der anderen Seite des Mittelmeeres, in irgendeiner Weise versuchten, die westlichen Mächte für ihre Sache gegen die konkurrierenden Ansprüche anderer Nationalbewegungen einzuspannen. Das gilt auch für die türkische Nationalbewegung, die entstand, als der Zerfall des Osmanischen Reiches nicht mehr aufzuhalten war. Die Briten waren in der Frager der Grenzziehung wiederum bemüht, sich an örtlichen Begebenheiten zu orientieren, wie historische Dokumente beweisen.

Aber manche Mythen sterben nie. 

Wer spricht vom “islamischen Mittelalter”?

Mit Thomas Bauer, einem Arabisten an der Universität Münster, wollte ich mich eigentlich nicht mehr beschäftigen. Die letzten beiden Bücher, in denen er seine These von der Ambiguität der islamischen Kultur und der vermeintlichen Ambiguitätsfeindlichkeit des Westens ausbreitet, enthalten haarsträubende Fehler und manipulieren den Leser durch einen selektiven Umgang mit den Fakten. Ich habe das an anderer Stelle ausführlich dargelegt.

Aber wie das so ist, Schmu setzt sich oft genug durch und so erlebt Bauers These, wie schon befürchtet, einen steilen Aufstieg, womit er es jetzt in den Verlag C.H. Beck geschafft hat. Dort eine Monogaphie zu publizieren, bedeutet meist, sehr bald Anfragen von den grossen überregionalen Tageszeiten zu erhalten und mit Gastbeiträgen Werbung für sein Buch machen zu dürfen.

Die FAZ bringt nun das Schlusskapitel aus Bauers noch nicht erschienenem Buch Warum es kein islamisches Mittelalter gab in einer gekürzten Fassung unter die Leserschaft. Darin geht es um eine abschliessende Erörterung der Epochenfrage und wie der Buchtitel bereits sagt, spricht Bauer sich gegen den Begriff “islamisches Mittelalter” aus, weil diese eine Epocheneinteilung widerspiegelt, die europäischen Ursprungs ist und deren Anwendung auf die islamische Welt keinen Sinn macht. Die Argumentation von Bauer ist nachvollziehbar.

Der Begriff “Mittelalter” ist für die islamische Geschichte deswegen ungeeignet, als das Mittelalter eben das mittlere Zeitalter zwischen Antike und Neuzeit meint, die esxpansive Phase der islamischen Geschichte aber im 7. Jahrhundert beginnt und damit, so die vieldiskutierte These von Henri Pirenne, die Antike mit ihrer Einheit des orbis terrarum beendet.

Der Historiker Paul Egon Hübinger hat schon 1952 in einem Aufsatz (als Buch erschienen 1959) das Problem der Epochenbildung thematisiert und dabei im Gefolge der These von Pirenne die Rolle des Islam unter die Lupe genommen. Hübinger hält jede Form von Epocheneinteilung problematisch, “so daß, wenn in einem Bereich schon etwas zugrunde gegangen ist, anderes gerade zu keimen beginnt und wieder anderes umso kräftiger blüht und in eine spätere Zeit hineinwächst” (Spätantike und frühes Mittelalter: Zum Problem historischer Epochenforschung. Darmstadt 1959, S. 37).

Man muss jedoch einwenden, dass der Begriff “islamisches Mittelalter” ohnehin nicht sehr verbreitet ist.

Schauen wir einmal in die Fachliteratur. Nehmen wir z.B. das Buch von Gerhard Endreß “Der Islam – Eine Einführung in seine Geschichte”, ein Standardwerk, das in mehreren Auflagen erschienen ist. Dort (2. Auflage 1991) werden unter VI. die “Perioden der islamischen Geschichte” behandelt. Die Einteilung erfolgt nach Dynastien, der Begriff “Mittelalter” kommt nicht vor.

Ebenso das Buch von Gudrun Krämer “Geschichte des Islam” (2005): Die Hauptkapitel tragen Titel wie “Goldene Zeiten? Die frühen Abbasiden”, “Neue Horizonte” oder “Reichsgründungen”. Auch hier taucht im Inhaltsverzeichnis das Wort “Mittelalter” nicht auf. 

Nehmen wir ein älteres Standardwerk zur Hand, Carl Brockelmanns “Geschichte der islamischen Völker und Staaten” von 1943 (Reprint 1977), so finden wir auch hier eine Einteilung nach Dynastien: “I. Die Araber und das Arabische Reich”, “II. Das islamische Weltreich und sein Zerfall”, “III. Die Osmanen als Vormacht des Islam” usw. Das Wort “Mittelalter” wird vermieden.

Dann wurde ich doch noch fündig: Die von Ulrich Haarmann herausgegebene “Geschichte der arabischen Welt” (5. Auflage 2004) enthält ein Kapitel des Herausgebers, das den Titel “Der arabische Osten im späten Mittelalter 1250-1517” trägt. Das war es aber auch schon. Das vorangegangene Kapitel von Heinz Halm vermeidet den Begriff “Mittelalter” und heisst schlicht “Die Ayyubiden”.

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass der Begriff “Mittelalter” im Zusammenhang mit der islamischen Geschichte eher ungebräuchlich ist. Er begegnet einem hier und dort, wird aber eigentlich ungern benutzt – und zwar aus genau dem Grund, den Bauer geltend macht. Bauer ist auch nicht der erste, der dies in seinem Fach thematisiert.

Eine Debatte über die Epocheneinteilung der islamischen Geschichte gibt es nämlich spätestens seit dem Jahr 1990. Damals hatte der Arabist Reinhard Schulze in der Welt des Islams einen Aufsatz mit dem Titel “Das islamische 18. Jahrhundert” veröffentlicht. Anders als Bauer wollte Schulze zwar zeigen, dass alle Errungenschaften, die sich die Europäer auf die Fahne schreiben, irgendwie auch und sogar zeitgleich im Islam zu finden seien, aber daraus wurde dann eine Debatte über Epochengrenzen, die sich jahrelang hinzog und u.a. in der Welt des Islams ausgetragen wurde. 

Seitdem scheint der Begriff “islamisches Mittelalter” auch nicht gerade an Popularität gewonnen zu haben. Eine Suchanfrage bei “google books” ergibt lediglich eine überschaubare Anzahl an Treffern, angeführt von Bauers eigenem Buch. Schon auf der dritten Trefferseite tauchen überwiegend Titel auf, in denen es gar nicht mehr um den Islam geht.

Bauer rennt gegen Windmühlen an, wenn er einen Begriff bekämpft, der in der islamwissenschaftlichen Fachwelt kaum in Gebrauch ist.


Mossadegh

Zum Thema Mossadegh habe ich mich an verschiedenen Stellen geäussert (u.a. hier). Zur Erinnerung: Mossadegh hiess der iranische Premierminister, der 1953 einem Coup der CIA zum Opfer gefallen sein soll. Der Nahost-Publizist Michael Lüders hat daraus eine Ursünde der USA im Nahen Osten konstruiert, die am Anfang einer verhängnisvollen Kette von Ereignissen stehen soll, die den Nahen Osten ins Unglück gestürzt hat.

Dazu muss man sagen, dass in der Forschung die Erzählung vom Sturz durch die CIA bestenfalls umstritten, manche sagen: widerlegt ist. Einer, der dennoch daran festhält, ist Christopher de Bellaigue, ein britischer Auslandskorrespondent, der jahrelang im Iran gelebt hat und Persisch spricht. An de Bellaigues Objektivität sind Zweifel angebracht, denn in seinem – an sich sehr lesenswerten – Buch “Im Rosengarten der Märtyrer” (2006) outet er sich als Sympathisant der Islamischen Revolution, wenn er schreibt, die Islamische Republik habe sich die “Freiheit [erkämpft], wichtige Entscheidungen zu treffen, ohne eine Supermacht um Erlaubnis fragen zu müssen” (S. 308) oder behauptet, dass es den Armen besser ginge als vorher (S. 333)

Dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man seine Biographie über Mohammed Mossadegh (“Patriot of Persia”, 2013). liest. Schon die Quellenangaben machen misstrauisch, denn die wichtige Mossadegh-Biographie von Jalal Matini findet keine Erwähnung. Mossadegh, heute eine Symbolfigur der antiamerikanischen Internationale, kommt im grossen und ganzen sehr gut weg, auch wenn de Bellaigue einräumen muss: „But the prime minister was exploiting his personal magnetism at the expense of democracy‟ (S. 227).

Das Buch ist nicht mehr ganz druckfrisch und schon vor fünf Jahren erschienen. Aber nun gibt es eine Rezension, die sich gewaschen hat. Sie stammt von dem ehemaligen Chefredakteur der iranischen Tageszeitung “Kayhan”, deren Redaktion nach der Revolution nach London übersiedelte (heute gibt es noch eine zweite Kayhan, die in Teheran produziert wird und als Sprachrohr der Hardliner gilt.) Mit einiger Verspätung schreibt Taheri, heute ein bekannter Kommentator und Analyst der iranischen Politik, in ebenjener (Londoner) “Kayhan”, warum de Bellaigue hier von A bis Z falsch liegt. 

“Iran war damals keine Demokratie, sondern ein monarchischer Verfassungsstaat.”

Taheri hatte Kermit Roosevelt, den CIA-Mitarbeiter, der massgeblich hinter dem angeblichen Coup stand, 1977 persönlich kennengelernt. Er beschreibt ihn als jemanden, der erst in späteren Jahren auf die Idee verfallen sei, sich selbst in einem Buch als Held einer CIA-Operation darzustellen und Taheri kritisiert, dass de Bellaigue Roosevelts Erzählung kritiklos übernimmt. So ist de Bellaigues Darstellung derer, die gegen Mossadegh auf die Strasse gingen, von Rossevelts Sichtweise geprägt, wenn er sie als Aufrührer und Unruhestifter beschreibt. Dass ganz normale Iraner gegen Mossadegh sein könnten, kommt ihm nicht in den Sinn.

Verworfen wird von Taheri auch die Behauptung, mit dem Sturz Mossadeghs sei die iranische Demokratie vernichtet worden. Taheri weist darauf hin, dass Iran damals keine Demokratie war, sondern ein monarchischer Verfassungsstaat, innerhalb dessen es dem Schah oblag, Premierminister nach Belieben abzusetzen, was auch häufig geschah. Mossadegh selbst war zuvor schon einmal abgesetzt und dann erneut ins Amt eingeführt worden. Niemals zuvor ist die Entlassung eines iranisches Premiers als “Coup” bezeichnet worden. 

Auch der Versuch de Bellaigues, Mossadegh als einen “Liberalen” zu porträtieren, vermag nicht zu überzeugen. Vielmehr hat sich Mossadegh während seiner gesamten Amtszeit als autoritäre Persönlichkeit herausgestellt, der Kabinettssitzungen abgebrochen, Wahlen ignoriert und so ziemlich alle Freunde und Verbündete gegen sich aufgebracht. Hunderte seiner Gegner liess er ins Gefängnis werfen. 

Mossadeghs Name ist vor allem mit der Verstaatlichung der Ölproduktion verbunden. Aber, so Taheri, Mossadegh gehörte dem Parlament, das die Verstaatlichung betrieb, gar nicht an. Der Plan wurde vielmehr von fünf Parlamentariern ausgearbeitet, die erst nach Mossadegh an die Macht kommen sollten. Schliesslich war es der Schah, der Mossadegh den Auftrag erteilte, die Ölproduktion zu verstaatlichen, was jedoch fehlschlug. 

Taheri kritisiert auch de Bellaigues Darstellung der Ereignisse als einen Zusammenstoss zwischen britischem Imperialismus und iranischem Nationalismus. Dies ist allein schon deshalb unglaubwürdig, so Taheri, weil Iran niemals eine britische Kolonie war. Briten gab es kaum welche in Iran und iranische und britische Ölgesellschaften existierten nur in fünf abgelegenen Provinzen. Angesichts der geringen britischen Präsenz ist ein “Zusammenstoss” eine merkwürdige Vorstellung. 

Merkwürdig ist auch de Bellaigues Behauptung, dass durch den Putsch die Herrschaft des Schahs wiederhergestellt werden sollte, denn tatsächlich war der Schah weder auf der Flucht noch abgesetzt oder das monarchische System überhaupt infrage gestellt. Mossadegh selbst hat nie das Ende der Monarchie verkündet und sich selbst zum Chef einer Republik ernannt. 

“Mossadegh selbst hat niemals und nirgendwo behauptet, die Amerikaner hätten eine Rolle bei seiner Absetzung als Premierminister gespielt.”

Auch die Ziele der Amerikaner, so Taheri, schätze de Bellaigue falsch ein, der viele Namen falsch schreibe und die Massen an persischsprachiger Literatur zum Thema ignoriere. Was 1953 im Iran geschah, so Taheri, war kein Coup, sondern Chaos, das Mossadegh selbst gestiftet hat, indem er alle gegeneinander aufbrachte. Mossadegh selbst hat niemals behauptet, von den Amerikanern gestürzt worden zu sein.

Bei dieser Gelegenheit teilt Taheri auch kräftig gegen Arvan Abrahamian aus, einen iranisch-amerikanischen Wissenschaftler und Verfasser eines Buches über den vermeintlichen Coup. Abrahamian habe kürzlich zugegeben, “vierzig Jahre lang” sich bemüht zu haben, den Namen des Schahs und seines Vaters zu zerstören und müsse jetzt zusehen, wie die Demonstranten, die aktuell gegen das Regime auf die Strasse gehen, davon nichts wissen wollen.

Soweit die Rezension von Amir Taheri. Eigentlich schade, dass sie auf Persisch verfasst ist. Es bleibt zu wünschen, dass sie demnächst auch auf Englisch erscheint und grösstmögliche Verbreitung findet.


Nachtrag 23.08.2018
Die Rezension von Taheri gibt es jetzt auch auf Englisch.

Der Fall Özil

Wenn ein Fussballer wie Mesut Özil zum Objekt von Rassismus wird, ist das scharf zu verurteilen. Hier kann er voll und ganz auf meine Solidarität zählen. Was jedoch den ganzen Rest seiner aktuellen Stellungnahme angeht, die er anlässlich der sich zuspitzenden Kontroverse um seinen Besuch beim türkischen Präsidenten Erdogan abgegeben hat, so vermag sie nicht zu überzeugen.

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