michael kreutz

Wissenschaftler & Publizist

Kategorie: Lektüren

Lee Smith: The Strong Horse

Von Journalisten verfasste Bücher über den Nahen Osten basieren üblicherweise auf persönlichen Begegnungen und Eindrücken, die dann mit historischem Hintergrundwissen angereichert werden. Nicht so das Buch „The Strong Horse“ des amerikanischen Journalisten Lee Smith, der sich das ehrgeizige Ziel vorgenommen hat, den kulturellen Ursachen der eruptiven Gewalt, von der die Arabische Welt geprägt ist, auf den Grund zu gehen, um so weit mehr als eine Momentaufnahme der Arabischen Welt zu geben.

Smith wartet mit einer starken These auf. Gewalt ist tief in der arabischen Kultur und Geschichte verankert, auch der Nahostkonflikt ist nur Ausdruck desselben Problems, von dem die gesamte Region befallen ist. Weil die Verankerung von Gewalt in dieser Gegend der Weltgeschichte organischer Natur sei, werden Machtkämpfe selten friedlich ausgetragen und autoritäres Gebaren allzu häufig mit grosser Popularität belohnt: Die Massen reiten lieber auf dem Rücken des „starken Pferdes“ („strong horse“) anstatt auf dem des lahmen Gauls.

Nicht, dass die Menschen in dern Ländern der Arabischen Welt nur Gewalt verstünden, behauptet Smith, wohl aber, dass Gewalt zentral für die Art und Weise sei, in der man in der Arabischen Welt Politik verstehe. Den „Kreislauf der Gewalt im Nahen Osten“ führt Smith auf eine Tradition zurück, die älter ist als der Islam. Tatsächlich bildete der Kampf bereits im vorislamischen Arabien einen essentiellen Bestandteil tribalistischer Lebensform, bevor er mit dem Islam zu einem „hochangesetzten religiösen Verdienst sublimiert“ (Albrecht Noth) wurde.

In seinem Gang durch die arabische Geistesgeschichte macht Smith deutlich, dass es zwar immer wieder Ansätze fortschrittlichen, von Toleranz geprägten Denkens gegeben hat, dieses es letztlich aber nicht vermochte, den vorherrschenden Wertekanon der arabischen Gesellschaften entscheidend zu prägen: Namen wie Sati’ al-Husri und Michel Aflaq, al-Afghani und Muhammad Abduh, Qasim Amin und Taha Hussein usw. sind sattsam bekannt. Immerhin, dass er auch einen so ungewöhnlichen mitelalterlichen Philosophen und Dichters wie al-Ma’arri kennt und mit den Begriffen Pharaonismus und Phönizismus etwas anfangen kann, zeigt, dass er sich schon etwas eingehender mit der arabischen Geschichte befasst hat.

Dass der arabische Nationalismus keine säkulare Doktrin sei, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis, zumal auch die Nationalismen in der übrigen Islamischen Welt stark auf den Islam rekurrieren. Bestes Beispiel hierfür ist die türkische Spielart des Nationalismus, die ebenfalls eng mit der Sunna verflochten ist. Auch wenn es gerade im arabischen Raum häufig christliche Intellektuelle waren, die nationalistische Ideen vorantrieben, so haben auch sie – und nicht nur Edward Said, wie Smith glaubt – gerne mit Verweis auf den Islam als Erbe aller Araber argumentiert.

Das Buch liest sich streckenweise, als sei es eine zeitnahe Antwort auf die Ereignisse in Syrien. Tatsächlich erschien es erstmalig 2010 und damit recht kurz vor Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges. Nach wie vor zutreffend ist aber Smiths Kritik an der im Westen gängigen, aber dennoch falschen Einschätzung, dass Syrien wegen seiner Alawitenherrschaft und des relativ säkularen, nationalistischen Charakters wenig geneigt sein soll, Dschihadisten zu unterstützen, weswegen es potentieller Partner der USA sein müsse.

Die zahlreichen Besuche amerikanischer Aussenminister in Damaskus geben ein beredtes Zeugnis von der Hartnäckigkeit dieses Irrglaubens ab, obwohl Damaskus immer ein Einfallstor für Dschihadisten aus aller Herren Länder war.  Nicht zuletzt hat das syrische Regime ausländische Dschihadisten zum Teil „umzudrehen“ und so für sich zu instrumentalisieren gewusst, was sich jetzt gegen das Regime richtet, wenn Dschihadisten aus dem Irak wieder zurück nach Syrien strömen, um dort auf Seiten der Rebellen zu kämpfen.

In diesen Zusammenhang gibt Smith noch einen weiteren Umstand zu bedenken, nämlich dass es sich um einen Mythos handelt, Terrorgrpuppen seien lediglich staatenlose Netzwerke, die sich in einem Land einnisten, um dort, mehr geduldet als unterstützt, ihr Unwesen zu treiben. Das Gegenteil ist der Fall: Terrorgruppen sind nichts ohne einen oder mehrere Unterstützerstaaten. Daher, so Smith, ist auch die Annahme falsch, dass alles was nach Assad kommt, nämlich eine sunnitische Theokratie oder ein gescheiterter Staat, nur schlimmer sein könne als das gegenwärtige Regime.

Insgesamt zeichnet Smith ein recht abgeklärtes Bild von der Arabischen Welt und meist trifft er damit ins Schwarze, z.B. wenn er darauf hinweist, dass Islamisten über keinen Mechanismus einer friedlichen Transformation verfügen. Durch den demokratischen Prozess werden sie daher nicht gezähmt, wie viele im Westen gerne glauben möchten – ganz im Gegenteil: Radikale radikalisieren die Politik.

Dass viele vermeintliche Vorkämpfer von Toleranz und Dialog weit weniger gemässigt sind, als viele im Westen zu hoffen wagen, macht das Projekt einer arabischen Demokratie ebenfalls nicht leichter. Smith nennt hier den ägyptischen Menschenrechtsaktivist Saad Eddin Ibrahim – Träger des Jenaer Menschenrechtspreises! – der zugleich ein Apologet der Hisbollah ist, weil er deren Führer Nasrallah allein wegen dessen Popularität für gemässigt hält. Auch werden viele liberale Presseerzeugnisse in der Arabischen Welt deshalb von Saudi-Arabien finanziert, weil es so einen Diskurs steuern kann, in dem es selbst von Kritik immer ausgenommen bleibt.

Gängigen Argumenten, warum die Demokratie in der Arabischen Welt es so schwer hat – aus Mangel an Bildung der Massen und der Gefahr islamistischer Legitimierung –, setzt Smith entgegen, dass es überhaupt fragwürdig ist, ob die Massen überhaupt Interesse an Demokratie haben. Nicht Imperialismus, Kolonialismus, Zionismus oder USA sind das Problem der Arabischen Welt, sondern die Abwesenheit von Individualismus und Pluralismus. Dem ist zuzustimmen, was jedoch auch heisst, dass aus genau diesem Grund Bushs Freiheitsdoktrin zum Scheitern verurteilt war, wie Smith selbst sagt.

Mit seinem Buch leistet Smith einen überzeugenden Beitrag zur Debatte um die arabische Dauerkrise. Letztlich verortet er die Ursachen der Probleme dort, wo sie zutage treten, nämlich in der der Arabischen Welt selbst. Wenn sich dort etwas ändern und die Kultur der Gewalt überwunden werden soll, müssen entsprechende Anstrengungen auch dort ihren Ausgang nehmen. Individualismus und Pluralismus in der Gesellschaft zu verwirklichen war schliesslich auch einmal Teil eines Programms, das im europäischen Kontext „Aufklärung“ genannt wurde.

Lee Smith: The Strong Horse: Power, Politics, and the Clash of Arab Civilizations. New York, NY: Anchor Books, 2011. € 11,50.

(Geringfügig überarbeitet am 6.7.2013.)

Ethnoplantat

Mit einiger Verspätung habe ich Niall Fergusons Empire gelesen und manches denkenswerte darin gefunden. So war die englische Besiedelung Irlands nach Ferguson nicht die Ursache für den späteren, bis heute andauernden Konflikt, sondern als dessen Lösung gedacht. Hintergrund war die Furcht Englands, das katholische Spanien könnte über Irland auf Britannien zugreifen.

Zuerst wurden konfiszierte Ländereien an englische Siedler übergeben, bevor ab 1569 eine systematische Besiedlungspolitik betrieben wurde. Damals sprach man von “plantation”: Die Siedler als Weizen, die Einheimischen als Spreu – faktisch nichts anderes als ethnische Säuberung, meint Ferguson, obwohl das übetrieben sein mag.

Entscheidend aber ist: Irland wurde das Labor für die britische Kolonisierungspolitik, in dem gezeigt werden sollte, dass ein Imperium nicht nur auf Handel und Eroberung gebaut werden konnte, wie es z.B. die Spanier praktizierten, sondern ebenso auf Wanderung und Umsiedlung. Die Herausforderung war nun, dieses Modell jenseits den Atlantiks Wirklichkeit werden zu lassen. (55-7) Darin zeigt sich ein wesentlicher Zug des britischen Imperialismus, nämlich der massive Export von Kapital und Menschen. (379)

Zwar sprach der deutsch-jüdische Ökonomen Moritz Bonn vom Paradoxon, dass die USA die Wiege des modernen Antiimperialismus seien, zugleich aber ein mächtiges Imperium errichtet hätten. (352.) Dass die USA das britische Modell dennoch nie übernommen haben, vielmehr ihr Selbstverständnis auf der Vorstellung gründeten, eine Nation zu sein, die aus dem Kampf für Freiheit gegen ein bösartiges Imperium entstanden ist (85), bildet indes den tieferen Grund dafür, dass sie, so Ferguson, wohl immer eine Abneigung haben werden, über andere Völker zu herrschen. (379-80)

Niall Ferguson: Empire: How Britain Made the Modern World. London: Penguin, 2004.

Alles nur Übungssache!

Wenn es so etwas wie Religion nicht gibt, wie Peter Sloterdijk meint, sondern nur Übung, “Anthropotechnik”, was müsste dann vorhanden sein, um sagen zu können, es gebe Religion? „Die effektivste Weise, zu zeigen, daß es Religion nicht gibt, besteht darin, selbst eine in die Welt zu setzen.“ Das ist witzig formuliert, sagt aber nichts aus.

Sloterdijks These ist letztlich nicht falsifizierbar, weil sie nirgendwo konkret wird, wenn es um eine schlüssige Definition von Religion geht. Wie denn auch, so der logische Zirkelschluss, es ist doch alles nur Übung, „Komplexe von innen und äußeren Handlungen, symbolische Übungssysteme und Protokolle zur Regelung des Verkehrs mit höheren Stressoren und ‚transzendenten‘ Mächten – mit einem Wort Anthropotechnik im impliziten Modus.“ Und was nicht vorhanden ist, kann auch nicht definiert werden.

Das wirft eine weitere Frage auf: Kann man sich eine Welt vorstellen, die ohne Übung, also ohne geregelte Abläufe auskommt, die einen erheblichen Teil unseres Lebens strukturieren? Wohl kaum. Die Moderne ist eben keine “Hyperscholastik”, weil in der Vormoderne das Leben des einzelnen sehr viel stärker geregelten Abläufen, Übungen also, unterworfen gewesen sein dürfte, als es heute der Fall ist.

Weil Spiridion Louys, Sieger des Marathonlaufs der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 das Wort Training bis dahin kaum gehört haben dürfte, wertet Sloterdijk dies als Beleg für seine These, „daß sich der größte Teil allen Übungsverhaltens in der Form von nicht-deklarierten Thesen vollzieht.“ Diese auf einer blossen Vermutung ruhende Schlussfolgerung aber ist fragwürdig: Das Wort Training mag unser Marathonläufer nicht gekannt haben, aber möglicherweise das entsprechende neugriechische Wort (προπόνηση).

Wo Empirie und Logik ins Hintertreffen geraten, wird der Weg frei für eine konservative Kulturkritik, so, wenn es heisst, dass der Beseelung der Maschine “strikt proportional” die “Entseelung des Menschen” entspreche. In Maschinen etwas anderes zu sehen als Maschinen, scheint vielen Kulturkritikern nicht möglich zu sein. Hier schlägt die Leugnung der Existenz von Religionen selbst in ein metaphysisches Weltbild um, wozu auch die Halluzination gehört, dass sich die Völker im „Weltvolk des Internets“ aufhöben, um sich in „Medienfitness” zu üben.

Doch das muss nicht bleiben, denn: „Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig gewachsene Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann.“ Eine andere Welt ist machbar. Ihr müsst nur fleissig üben.

Peter Sloterdijk: “Du mußt Dein Leben ändern”: Über Anthropotechnik. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.

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