michael kreutz

Wissenschaftler & Publizist

Kategorie: Geschichte und Gegenwart

Der WDR hat sein eigenes kleines Antisemitismusproblem

Als vor einigen Jahren der amerikanisch-israelische Theatermann Tuvia Tenenbom für sein Buch über Antisemitismus in Deutschland recherchierte, gab es noch die sog. “Kölner Klagemauer”, eine antiisraelische Ausstellung unter freiem Himmel, verantwortet von einem Mann namens Walter Herrmann.

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Die Blamage des WDR

Es gibt so einiges, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft, das nicht den allerhöchsten Standards entspricht und selbst ernste Themen werden zuweilen flapsig abgehandelt, man denke hier nur an die Reportage “Europas Muslime”: Gespräche hier und dort, hauptsächlich in Deutschland und Frankreich, dazu ein paar Expertenmeinungen und etwas Hintergrundwissen, fertig!

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China eine Gründung von Ägyptern?

Ein chinesischer Wissenschaftler sammelt Belege dafür, dass Ägypter am Beginn der chinesischen Zivilisation stehen könnten, wie “Foreign Policy” berichtet. Das ist freilich eine reichlich gewagte These, die sich vielleicht niemals beweisen lassen wird. Aber angenommen, dies wäre der Fall, dann käme dieser Theorie zufolge den sog. Hyksos die Schlüsselrolle zu.

Die Hyksos aber, und das steht nicht im “Foreign Policy”-Artikel, werden seit der Antike mit den Juden in Verbindung gebracht. Die Quellen berichten, dass es sich hierbei um Leprakranke aus Palästina gehandelt haben soll, die später aus Ägypten vertrieben wurden.[note] Mehr dazu in meinem Buch Zwischen Religion und Politik, S. 143-4.[/note] (In diesem Kontext dürften auch die Ursprünge des Antisemitismus zu verorten sein, an die die hellenistische Geschichtsschreibung später daran anknüpfen wird. Doch das ist eine andere Geschichte.)

Die chinesische Zivilisation wäre demnach eine jüdische Gründung. Und das ist die Pointe.


 

ISIS oder ISIL?

Heisst die Terrorgruppe, die derzeit die syrisch-irakische Grenzregion unsicher macht, nun ISIS oder ISIL? Letztlich ist das Haarspalterei, aber wenn man schon Haare spaltet, dann bitte richtig.

Das AP-Blog hat eine Stellungnahme zum Hausgebrauch veröffentlicht. Darin wird argumentiert, dass aš-Šām in der Eigenbezeichnung der Gruppe als “Der Islamische Staat in Irak und aš-Šām” (arab. ad-dawla al-Islāmīya fī al-ʿIrāq wa-š-Šām, abgekürzt Dāʿiš) am besten mit “Levante” statt mit “Syrien” zu übersetzen sei.

Doch genau das ist keine gute Übersetzung. Der Begriff “Levante”, für den es im Arabischen keine Entsprechung gibt, bezeichnete ursprünglich das gesamte östliche Mittelmeergebiet, wie man zahlreichen Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts entnehmen kann.((Vgl. mein Buch Das Ende des Levantinischen Zeitalters, Hamburg 2013, Fn. 21 S. 306.)) Die Levante meint aber nicht nur eine Region, sondern ist eng mit einer Epoche verbunden, die vom Aufstieg der Hafenstädte und damit von kultureller Vielfalt und Kosmopolitismus gekennzeichnet war.

Mit der späteren Transformation der Region in eine nationalstaatliche Ordnung wurden einstmals ethnisch und kulturell so gemischte Städte wie Izmir (Smyrna) oder Alexandria homogenisiert, die Epoche vor der nationalstaatlichen Transformation fortan verächtlich als “Levantinismus” geschmäht. Lediglich in Beirut und überhaupt im Libanon hat sich eine Ahnung dieses alten “Levantinismus” erhalten, sodass heute, wenn von Levante die Rede ist, damit meist der Libanon und zuweilen Syrien assoziiert werden.

Dagegen ist aš-Šām die alte Bezeichnung sowohl für Damaskus als auch für Syrien, wobei Syrien als Idee ursprünglich auch Palästina und Libanon einschloss, d.h. aš-Šām ist eine Teilmenge dessen, was historisch die Levante war.

Mag sein, dass die Terroristen des “Islamischen Staats in Irak und aš-Šām” auch Kleinasien und Griechenland beanspruchen, aber das dürfte kaum gemeint sein, wenn bei ihnen von aš-Šām die Rede ist. Denn die Stossrichtung ist eine andere und die heisst: Palästina. Deswegen vermeiden sie die Bezeichnung “Syrien” (Sūrīya, Sūriyā), weil sie ihre Aktivitäten nicht auf das Gebiet des heutigen syrischen Staates begrenzen wollen, sondern die Abschaffung des Libanon und Israels anstreben. Diese gelten als Teil von Grosssyrien – aš-Šām.

Fazit: Es geht nicht um die Levante, es geht um Grosssyrien – und damit ist ISIS die bessere Abkürzung.

(Dank an Andreas A. aus Bremen für den Hinweis auf die AP-Stellungnahme.)

Jetzt erst recht

Egal, was in der Türkei passiert oder nicht passiert: Für Politiker wie Ruprecht Polenz (CDU) und Claudia Roth (Grüne) ist alles immer nur ein Grund, das Land jetzt erst recht in die EU aufzunehmen.

Gibt es Reformen, muss die Türkei dafür natürlich belohnt werden. Gibt es keine, muss man verhindern, dass sich das Land weiter vom Westen entfremdet. Jetzt erst recht!, findet Claudia Roth nach den Ereignissen um den Gezi-Park. Jetzt erst recht!, findet auch Ruprecht Polenz.

Gibt es eigentlich irgendetwas etwas, was geschehen müsste, um die Aussetzung von Beitrittsgesprächen zu empfehlen? In Wahrheit dürften nicht nur diese, sondern der Beitritt selbst schon längst beschlossene Sache der EU sein.

Wer das nicht glaubt, der schaue auf Kroatien, ein Land, das ganz offensichtlich gar nicht reif für die EU ist und dennoch aufgenommen wurde. Die Türkei aber wird sich weitaus schwieriger in die EU eingliedern lassen.

Lee Smith: The Strong Horse

Von Journalisten verfasste Bücher über den Nahen Osten basieren üblicherweise auf persönlichen Begegnungen und Eindrücken, die dann mit historischem Hintergrundwissen angereichert werden. Nicht so das Buch „The Strong Horse“ des amerikanischen Journalisten Lee Smith, der sich das ehrgeizige Ziel vorgenommen hat, den kulturellen Ursachen der eruptiven Gewalt, von der die Arabische Welt geprägt ist, auf den Grund zu gehen, um so weit mehr als eine Momentaufnahme der Arabischen Welt zu geben.

Smith wartet mit einer starken These auf. Gewalt ist tief in der arabischen Kultur und Geschichte verankert, auch der Nahostkonflikt ist nur Ausdruck desselben Problems, von dem die gesamte Region befallen ist. Weil die Verankerung von Gewalt in dieser Gegend der Weltgeschichte organischer Natur sei, werden Machtkämpfe selten friedlich ausgetragen und autoritäres Gebaren allzu häufig mit grosser Popularität belohnt: Die Massen reiten lieber auf dem Rücken des „starken Pferdes“ („strong horse“) anstatt auf dem des lahmen Gauls.

Nicht, dass die Menschen in dern Ländern der Arabischen Welt nur Gewalt verstünden, behauptet Smith, wohl aber, dass Gewalt zentral für die Art und Weise sei, in der man in der Arabischen Welt Politik verstehe. Den „Kreislauf der Gewalt im Nahen Osten“ führt Smith auf eine Tradition zurück, die älter ist als der Islam. Tatsächlich bildete der Kampf bereits im vorislamischen Arabien einen essentiellen Bestandteil tribalistischer Lebensform, bevor er mit dem Islam zu einem „hochangesetzten religiösen Verdienst sublimiert“ (Albrecht Noth) wurde.

In seinem Gang durch die arabische Geistesgeschichte macht Smith deutlich, dass es zwar immer wieder Ansätze fortschrittlichen, von Toleranz geprägten Denkens gegeben hat, dieses es letztlich aber nicht vermochte, den vorherrschenden Wertekanon der arabischen Gesellschaften entscheidend zu prägen: Namen wie Sati’ al-Husri und Michel Aflaq, al-Afghani und Muhammad Abduh, Qasim Amin und Taha Hussein usw. sind sattsam bekannt. Immerhin, dass er auch einen so ungewöhnlichen mitelalterlichen Philosophen und Dichters wie al-Ma’arri kennt und mit den Begriffen Pharaonismus und Phönizismus etwas anfangen kann, zeigt, dass er sich schon etwas eingehender mit der arabischen Geschichte befasst hat.

Dass der arabische Nationalismus keine säkulare Doktrin sei, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis, zumal auch die Nationalismen in der übrigen Islamischen Welt stark auf den Islam rekurrieren. Bestes Beispiel hierfür ist die türkische Spielart des Nationalismus, die ebenfalls eng mit der Sunna verflochten ist. Auch wenn es gerade im arabischen Raum häufig christliche Intellektuelle waren, die nationalistische Ideen vorantrieben, so haben auch sie – und nicht nur Edward Said, wie Smith glaubt – gerne mit Verweis auf den Islam als Erbe aller Araber argumentiert.

Das Buch liest sich streckenweise, als sei es eine zeitnahe Antwort auf die Ereignisse in Syrien. Tatsächlich erschien es erstmalig 2010 und damit recht kurz vor Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges. Nach wie vor zutreffend ist aber Smiths Kritik an der im Westen gängigen, aber dennoch falschen Einschätzung, dass Syrien wegen seiner Alawitenherrschaft und des relativ säkularen, nationalistischen Charakters wenig geneigt sein soll, Dschihadisten zu unterstützen, weswegen es potentieller Partner der USA sein müsse.

Die zahlreichen Besuche amerikanischer Aussenminister in Damaskus geben ein beredtes Zeugnis von der Hartnäckigkeit dieses Irrglaubens ab, obwohl Damaskus immer ein Einfallstor für Dschihadisten aus aller Herren Länder war.  Nicht zuletzt hat das syrische Regime ausländische Dschihadisten zum Teil „umzudrehen“ und so für sich zu instrumentalisieren gewusst, was sich jetzt gegen das Regime richtet, wenn Dschihadisten aus dem Irak wieder zurück nach Syrien strömen, um dort auf Seiten der Rebellen zu kämpfen.

In diesen Zusammenhang gibt Smith noch einen weiteren Umstand zu bedenken, nämlich dass es sich um einen Mythos handelt, Terrorgrpuppen seien lediglich staatenlose Netzwerke, die sich in einem Land einnisten, um dort, mehr geduldet als unterstützt, ihr Unwesen zu treiben. Das Gegenteil ist der Fall: Terrorgruppen sind nichts ohne einen oder mehrere Unterstützerstaaten. Daher, so Smith, ist auch die Annahme falsch, dass alles was nach Assad kommt, nämlich eine sunnitische Theokratie oder ein gescheiterter Staat, nur schlimmer sein könne als das gegenwärtige Regime.

Insgesamt zeichnet Smith ein recht abgeklärtes Bild von der Arabischen Welt und meist trifft er damit ins Schwarze, z.B. wenn er darauf hinweist, dass Islamisten über keinen Mechanismus einer friedlichen Transformation verfügen. Durch den demokratischen Prozess werden sie daher nicht gezähmt, wie viele im Westen gerne glauben möchten – ganz im Gegenteil: Radikale radikalisieren die Politik.

Dass viele vermeintliche Vorkämpfer von Toleranz und Dialog weit weniger gemässigt sind, als viele im Westen zu hoffen wagen, macht das Projekt einer arabischen Demokratie ebenfalls nicht leichter. Smith nennt hier den ägyptischen Menschenrechtsaktivist Saad Eddin Ibrahim – Träger des Jenaer Menschenrechtspreises! – der zugleich ein Apologet der Hisbollah ist, weil er deren Führer Nasrallah allein wegen dessen Popularität für gemässigt hält. Auch werden viele liberale Presseerzeugnisse in der Arabischen Welt deshalb von Saudi-Arabien finanziert, weil es so einen Diskurs steuern kann, in dem es selbst von Kritik immer ausgenommen bleibt.

Gängigen Argumenten, warum die Demokratie in der Arabischen Welt es so schwer hat – aus Mangel an Bildung der Massen und der Gefahr islamistischer Legitimierung –, setzt Smith entgegen, dass es überhaupt fragwürdig ist, ob die Massen überhaupt Interesse an Demokratie haben. Nicht Imperialismus, Kolonialismus, Zionismus oder USA sind das Problem der Arabischen Welt, sondern die Abwesenheit von Individualismus und Pluralismus. Dem ist zuzustimmen, was jedoch auch heisst, dass aus genau diesem Grund Bushs Freiheitsdoktrin zum Scheitern verurteilt war, wie Smith selbst sagt.

Mit seinem Buch leistet Smith einen überzeugenden Beitrag zur Debatte um die arabische Dauerkrise. Letztlich verortet er die Ursachen der Probleme dort, wo sie zutage treten, nämlich in der der Arabischen Welt selbst. Wenn sich dort etwas ändern und die Kultur der Gewalt überwunden werden soll, müssen entsprechende Anstrengungen auch dort ihren Ausgang nehmen. Individualismus und Pluralismus in der Gesellschaft zu verwirklichen war schliesslich auch einmal Teil eines Programms, das im europäischen Kontext „Aufklärung“ genannt wurde.

Lee Smith: The Strong Horse: Power, Politics, and the Clash of Arab Civilizations. New York, NY: Anchor Books, 2011. € 11,50.

(Geringfügig überarbeitet am 6.7.2013.)

Nachgefragte Arabisten

Was hier Robert D. Kaplan, Chief Geopolitical Analyst des Thinktanks Stratfor schreibt, geht doch mal runter wie Öl:

The more that 21st century geopolitics becomes fraught with both internal rebellions and regional clashes, the more that area expertise will be necessary inside the foreign ministries around the world. The 21st century, in other words, demands individuals with a 19th century sense of the world: people who think in terms of geography, indigenous cultures and local traditions.

In der Tat liegen die Probleme vieler Staaten der Region im 19. Jahrhundert verborgen. Informationen in Hülle und Fülle zu diesem Thema bietet mein Buch “Das Ende des levantinischen Zeitalters” (2013).

Ethnoplantat

Mit einiger Verspätung habe ich Niall Fergusons Empire gelesen und manches denkenswerte darin gefunden. So war die englische Besiedelung Irlands nach Ferguson nicht die Ursache für den späteren, bis heute andauernden Konflikt, sondern als dessen Lösung gedacht. Hintergrund war die Furcht Englands, das katholische Spanien könnte über Irland auf Britannien zugreifen.

Zuerst wurden konfiszierte Ländereien an englische Siedler übergeben, bevor ab 1569 eine systematische Besiedlungspolitik betrieben wurde. Damals sprach man von “plantation”: Die Siedler als Weizen, die Einheimischen als Spreu – faktisch nichts anderes als ethnische Säuberung, meint Ferguson, obwohl das übetrieben sein mag.

Entscheidend aber ist: Irland wurde das Labor für die britische Kolonisierungspolitik, in dem gezeigt werden sollte, dass ein Imperium nicht nur auf Handel und Eroberung gebaut werden konnte, wie es z.B. die Spanier praktizierten, sondern ebenso auf Wanderung und Umsiedlung. Die Herausforderung war nun, dieses Modell jenseits den Atlantiks Wirklichkeit werden zu lassen. (55-7) Darin zeigt sich ein wesentlicher Zug des britischen Imperialismus, nämlich der massive Export von Kapital und Menschen. (379)

Zwar sprach der deutsch-jüdische Ökonomen Moritz Bonn vom Paradoxon, dass die USA die Wiege des modernen Antiimperialismus seien, zugleich aber ein mächtiges Imperium errichtet hätten. (352.) Dass die USA das britische Modell dennoch nie übernommen haben, vielmehr ihr Selbstverständnis auf der Vorstellung gründeten, eine Nation zu sein, die aus dem Kampf für Freiheit gegen ein bösartiges Imperium entstanden ist (85), bildet indes den tieferen Grund dafür, dass sie, so Ferguson, wohl immer eine Abneigung haben werden, über andere Völker zu herrschen. (379-80)

Niall Ferguson: Empire: How Britain Made the Modern World. London: Penguin, 2004.

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