michael kreutz

Wissenschaftler & Publizist

Kategorie: Europa und der Nahe Osten Seite 1 von 2

Die Neuordnung des Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg

Ein Filmbeitrag der “Deutschen Welle” zur Neuordnung das Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg wiederholt alte Mythen und bedarf deshalb der Richtigstellung. Hier geht es um zwei Behauptungen: 1) Dass mit dem Sykes-Picot-Abkommen Briten und Franzosen das Vertrauen der arabischen Völker ausgebeutet haben, 2.) dass der Nahe Osten bis heute unter willkürlich gezogen Grenzen zu leiden habe. 

Zu beiden Mythen habe ich mich ausführlich in meiner Monographie Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) geäussert. Bevor ich hier auf Details eingehe, noch etwas zur Vorgehensweise: Zum einen habe ich den aktuellen Stand der englischsprachigen Forschung mit den zum Teil älteren Erkenntnissen deutschsprachiger Provenienz verknüpft, zum anderen habe ich Quellen aus den National Archives in London ausgewertet. Das Buch insgesamt greift eine Reihe von Aspekten der Neuordnung des Nahen Ostens auf, wofür ich auch arabischsprachige Quellen verwendet habe. Folgende Ausführungen habe ich meinem Buch (S. 199-201 und 209-13) entnommen, für das Internet sprachlich leicht überarbeitet und gekürzt, sowie die Endnoten entfernt. 

Ad 1. 

Das Sykes-Picot-Abkommen wird heute gerne als Ausdruck westlicher Doppelmoral gesehen, da es im Widerspruch zu den vermeintlichen Versprechungen McMahons stünde. Die Fakten sprechen  jedoch eine andere Sprache. Die Korrespondenz zwischen dem Scherifen Ḥusayn und dem britischen Hochkommissar McMahon beinhaltet nämlich keinerlei Versprechen von britischer Seite, einen grossarabischen Staat zu errichten, der auch Syrien mit einschlösse. Diese Lesart entstand erst später.

Vor allem die Forschung von Elie Kedourie hat hier mit groben Missverständnissen aufgeräumt. Aber schon Carl Brockelmann hat 1943 (!) darauf hingewiesen, dass Ḥusayn von McMahon niemals „bindende Versprechungen, die mit dem Hinweis auf die Interessen Frankreichs abgelehnt wurden“, erhalten hat. Im Schlussschreiben vom 30. Januar 1916, so Brockelmann, zeigte McMahon lediglich die Bereitschaft, dass man dieZukunft des Vilayets Bagdad zu gegebener Zeit erörtern werde.

Zwar wurde der Wunsch nach einem Grossreich anerkannt, einen Vertrag gab es jedoch nicht, er ist eine Fiktion Ḥusayns. Zu recht wurde im übrigen darauf hingewiesen, dass Ḥusayn und sein Sohn es waren, die in täuschender Absicht Verhandlungen aufnahmen, indem sie vorgaben, die gesamte arabische Nation zu repräsentieren. Zudem hatten sie Geheimverhandlungen mit den Osmanen geführt, während sie den Briten signalisierten, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Was das Sykes-Picot-Abkommen betrifft, so stand es in keinem Widerspruch zur Ḥusayn-McMahon-Korrespondenz. Es geht über die Korrespondenz sogar noch hinaus, nämlich so weit, zum ersten Mal in der Geschichte das arabische Recht aufSelbstbestimmung durch westliche Mächte anzuerkennen. Zu der Behauptung, dass die arabische Fassung aufgrund eines fehlenden Kommas (!) im englischen Text falsch übersetzt worden sei und so Ḥusayn glauben machte, man habe ihm ein grossarabisches Reich vertraglich zugesichert, hat ebenfalls schon Brockelmann das Nötige gesagt, als er bezweifelte, dass der in der Zeitung al-Manār abgedruckte arabische Text überhaupt als ein ratifizierter Vertrag anzusehen sei.

Ad 2.

Häufig wird behauptet, dass die Grenzen der heutigen arabischen Länder das Produkt kolonialistischer Willkür seien. Bei näherem Hinsehen bietet sich ein komplexeres Bild. Nicht nur, dass der Nahe Osten arm an natürlichen Grenzen ist, anhand derer man sich hätte orientieren können, vielmehr hatte Grossbritannien sehr viel Sorgfalt darauf verwandt, die Grenzen so zu ziehen, dass sich möglichst wenig Konfliktpotential zwischen den neuen Staaten bilden sollte.

So zeigen britische Protokolle aus der Zeit der Friedenskonferenz ein intensives Bemühen um den besten Verlauf der künftigen ägyptischen Westgrenze. Demnach gab es den Vorschlag, die Oase Sīwa mitsamt einem entsprechenden Wüstenstreifen bei Ägypten zu belassen, während die Oase Jaghbūb und der Hafen Sallūm möglicherweise der italienischen Zone zugeschlagen werden könnten. Der weitere Verlauf der Grenze sollte entlang eines Steilhanges erfolgen, der das Gebiet zwischen ägyptischen und westlichen Beduinen aufteilt. Beide Gruppen seien sinnvollerweise zu trennen, da zwischen ihnen böses Blut herrsche. Sie auseinanderzuhalten sei ohnehin längst tägliche Praxis der lokalen Behörden.

Schwieriger gestaltete sich der geplante Verlauf der östlichen Grenze. Seit der Balfour-Deklaration von 1917, die die Schaffung „einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina“ mit Wohlwollen betrachtete, sah sich Grossbritannien gegenüber dem zionistischen Vorhaben in der Pflicht. Daher wurden mehrere Varianten diskutiert, die in unterschiedlichen Farben auf der Karte eingetragen wurden: als schwarze, blaue (die Farbe von Chatham und General Allenby), rote, rotgepunktete (der Verlauf vonCol. Lawrence) und schwarzgepunktete Linie.

Übereinstimmung bestand in dem Punkt, dass in Palästina der westliche Steilhang des Wadi Araba die östliche Grenze vom Toten Meer bis zum Golf von Akaba bilden müsse. Dies wurde als realistisch eingeschätzt. Ein Problem dagegen wurde in der nördlichen Grenze zu Ägypten gesehen. Hier wurden der blauen und roten Variante nur geringe Chancen eingeräumt. Die Wahl engte sich daher auf die Vorschläge von Cavio und Colonel Lawrence ein. Am Ende war es Allenby, der die erste von Lawrence vorgeschlagene Grenzziehung als die praktischste und vorteilhafteste erkannte. Demnach sollte Beersheva bei Palästina verbleiben, während nahezu alle Beduinen sich künftig auf ägyptischer Seite wiederfänden.

An diesem Punkt fand die Diskussion noch längst nicht ihr Ende. Die vorläufige Festlegung der palästinensischen Grenze nach Süden böten, so ein weiteres Protokoll des britischen Aussenministeriums vom 17. März 1919, eine gute Gelegenheit, die Ostgrenzen Ägyptens zu überprüfen. Man versuchte, etwaige Probleme mit Frankreich aus dem Wege zu gehen, doch hielt man eine Korrektur des Grenzverlaufs für geboten, da das Land nun zwei neue Nachbarn habe: Die Regierung in Palästina und des Königreich Hedschas unter Ḥusayn, von denen erwartet wurde, dass sie mit Ägypten ein enges Verhältnis pflegen würden.

Die Untertanten im Königreich Hedschas neigten nicht nur zur Aufsässigkeit, sondern legten auch eine völlige Missachtung der Grenzen an den Tag. Man hätte über die Grenzüberschreitungen der Beduinen freilich hinwegsehen können, wären diese nicht bewaffnet und häufig auf Plünderungen aus gewesen. Vor allem die Bewohner der Grenzgebiete waren ihnen ausgeliefert. Die Grenzziehungen sollten daher in einer Weise erfolgen, dass stammesverwandte Gruppen innerhalb eines Gebietes zusammenblieben. Für Ägypten bedeutete dies, dass unter den Bedingungen der modernen Kriegsführung keine Grenze jemals gut genug sein würde. Der bisherige Plan wurde somit umgeworfen, als Gaza und Beersheva nun doch zu Ägypten gehören sollten.

Ein weiteres Memorandum beschäftigte sich mit den strategischen Grenzen Ägyptens nördlich des Suezkanals. Der Generalstab war daran interessiert, Palästina so stark wir nur möglich zu machen, weswegen der jüdischen Bevölkerung jede Möglichkeit an die Hand gegeben werden sollte, ihr Land aufzubauen. Eine Landesentwicklung im Süden sollte, so die Hoffnung, stabilisierende Wirkung auf Ägypten haben, ohne durch die „unzivilisierten und nomadischen Beduinen“ behelligt zu werden. Zu diesem Zwecke wurde es als wünschenswert gesehen, dass die Juden, sofern möglich, auch Zugang zum Golf von Akaba bekämen. Der Generalstab drückte damit seine Empfehlung aus, dass die südwestliche Grenze des jüdischen Palästina entlang der alten Grenze zwischen dem Sinai und dem Osmanischen Reich verlaufen möge.


Die heutigen Länder und Grenzen sind Produkte unterschiedlicher Kräfte und keineswegs willkürlich von britischer und französischer Seite der Region übergestülpt. Häufig wird dabei ausser Acht gelassen, dass praktisch alle Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches, also auch die auf der anderen Seite des Mittelmeeres, in irgendeiner Weise versuchten, die westlichen Mächte für ihre Sache gegen die konkurrierenden Ansprüche anderer Nationalbewegungen einzuspannen. Das gilt auch für die türkische Nationalbewegung, die entstand, als der Zerfall des Osmanischen Reiches nicht mehr aufzuhalten war. Die Briten waren in der Frager der Grenzziehung wiederum bemüht, sich an örtlichen Begebenheiten zu orientieren, wie historische Dokumente beweisen.

Aber manche Mythen sterben nie. 

Islamische Aufklärung?

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es in verschiedenen Teilen der islamischen Welt kulturelle Erneuerungsbewegungen, vor allem auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches, einschliesslich des südöstlichen Europa. Hintergrund für diese kulturelle Erneuerung war der Geist des Nationalismus, der die Gemüter erfasst hatte, wobei Nationalismus hier nicht als dumpf-xenophobe Bewegung zu verstehen ist, sondern das Bestreben nach einem Nationalstaat meint, der zugleich ein konstitutionalistischer sein sollte. Vorbild war vor allem Frankreich, daneben England.

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Sie wollen einfach nur den Islam verteidigen

Alexander Dobrindt (CSU) mag ein Populist sein, aber er hat recht, wenn er sagt, dass kein islamisches Land auf der ganzen Welt eine vergleichbare demokratische Kultur entwickelt habe, wie wir dies aus christlichen Ländern kennen. Hat dieser Umstand etwas mit dem Islam zu tun? Die Bejahung dieser Antwort liegt nahe, denn einzelne Aspekte der Religionen sind immer auch in die Kultur eingegangen und waren an der Herausbildung eines Ethos, eines Weltbilds beteiligt, deren religiöse Ursprünge sich die Menschen häufig nicht mehr bewusst sind.

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Von Denkern und Institutionen

Schon 400 Jahre vor Adam Smith hat, man höre und staune, ein anderer in einem anderen Winkel der Welt ganz ähnliche Ideen entwickelt. Das dürfte in der Menschheitsgeschichte einige Male vorgekommen sein, dass nämlich ein Denker mit einer Theorie berühmt wird, die vielleicht schon ein anderer vor ihm aufgestellt hat, von dem er aber nichts wusste und noch nicht einmal wissen konnte.

Eine Geschichte wird daraus auch nur, weil dieser andere Denker, der da 400 Jahre vor dem Schotten Adam Smith ähnliche Ausführungen gemacht haben soll, ein Araber war, und zwar keine randständige Figur, sondern der grosse Ibn Khaldun.

Ob das so stimmt oder nicht, ist dabei nicht das entscheidende. Was viele Verteidiger der arabisch-islamischen Kultur völlig verkennen, ist die Tatsache, dass es eine Sache ist, eine Idee zu entwickeln, eine völlig andere aber, ob und gegebenenfalls wie diese Idee zur gesellschaftlichen Umgestaltung führt.

Arabisch-islamische Denker, Forscher und Philosophen haben enorme intellektuelle Leistungen vollbracht – entfaltet haben sich ihre Theorien oft aber erst in Europa. Der Graeco-Arabist Gotthard Strohmaier hat zu recht kritisiert, dass die politischen und sozialen Konstellationen bei der Verbreitung intellektueller Leistungen von Apologeten der arabisch-islamischen Kultur gerne ausser acht gelassen werden.1

Als vor hundert Jahren der deutsch-österreichische Jurist Georg Jellink in seinem Abriss über die Entstehung der Menschen- und Bürgerrechte letztere auf die Amerikanische Revolution zurückzuführte, hielt man ihm entgegen, dass die zugrundeliegenden Ideen doch viel älter seien und bis auf die Antike zurückgingen. Jellinek hat dazu im Vorwort der zweiten Auflage seines Buches wie folgt Stellung genommen:2

„Die Literatur für sich ist niemals produktiv, wenn sie nicht in den historischen und sozialen Verhältnissen einen für ihre Wirkungen vorbereiteten Boden findet. Wenn man den literarischen Ursprung einer Idee aufweist, hat man damit keineswegs auch die Geschichte ihrer praktischen Bedeutung erkannt. Die Geschichte der Politik ist heute noch viel zu viel Literaturgeschichte, viel zu wenig Geschichte der Institutionen selbst. Die Zahl neuer politischer Ideen ist sehr gering, die meisten sind, im Keime wenigstens, bereits der antiken Staatslehre bekannt gewesen. Die Institutionen aber sind in steter Veränderung begriffen und wollen überall in ihrer eigentümlichen geschichtlichen Ausgestaltung begriffen werden.‟

Nicht allein auf die Denker kommt es an, sondern wir müssen, wenn wir die unterschiedlichen Entwicklungspfade des Westens und der Islamischen Welt (oder Teilen der Islamischen Welt) verstehen wollen, zur Kenntnis nehmen, dass Ideen an einem Ort zu einer Zeit auf fruchtbaren Boden gefallen sein mögen, an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit aber nicht. Die Ursachen dafür zu ergründen, nennt man Forschung. Alles andere ist blosse Heldenverehrung.

  1.   Gotthard Strohmaier, „Was Europa dem Islam verdankt‟, in: ders., Hellas im Islam, Interdisziplinäre Studien zur Ikonographie, Wissenschaft und Religionsgeschichte, Wiesbaden 2003, 1-27, hier 25-6.
  2.   Georg Jellinek, Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, München und Leipzig 1919, S. 41-2.

Brunnen oder Wasser?

Anlässlich der WDR-Diskussion über eine folgenschwere Dokumentation: Hat der palästinensische Präsident Abbas davon gesprochen, israelische Rabbiner riefen zur Vergiftung palästinensischer “Brunnen” auf oder hat er von palästinensischem “Wasser” gesprochen?

Der Faktencheck ergibt: Abbas hat tatsächlich von “Wasser” gesprochen, so wird er jedenfalls von arabischen Medien zitiert, z.B. hier, wo auch vermeldet wird, dass Abbas sich für seine Äusserung entschuldigt haben soll.

Für die Dokumentation ist das dennoch nicht relevant, denn es geht nicht um Abbas, sondern um EU-Parlamentarier, die eine Rede beklatschen, in der ein uraltes antisemitisches Klischee bedient wird.

Neues aus dem Web

Ein paar Fundstücke aus dem Netz.

• Seit kurzem online ist das Jihadi Document Repository der Universität Oslo. Die Dokumentation der dschihadistischen Ideologie bildet einen seiner Schwerpunkte.

• Ebenfalls vor einigen Tagen ist der Arab Human Development Report 2016 erschienen. Darin heisst es z.B.:

Gender inequality is likewise associated with more respect for authority and less support for democracy. Values supporting gender equality are highest in Algeria, Lebanon, Morocco and Tunisia and lowest in Egypt, Jordan and Yemen.

• Der britische “Telegraph” hat eine Bildergalerie mit den schönsten Moscheen der Welt zusammengestellt. Besonders eindrucksvoll ist die Sheikh Zayed Grand Mosque in Abu Dhabi.

Wie man Scharia-Regeln los wird

Wie man Scharia-Regeln los wird? Das ist manchmal ganz leicht, da die Scharia im Islam immer aufs Neue gedeutet werden kann und hierzu einen grossen Spielraum bietet. Beispiele nennt ein lesenswerter Beitrag auf dem Blog “Lesewerk Arabisch und Islam.”

Die Spitzfindigkeit, vermeintlich eindeutige Vorschriften der Scharia zu umgehen, hat ein eigenes islamisches Rechtsgenre hervorgebracht, die sog. maḫāriǧ bzw. ḥiyal, also “Rechtskniffe”. Die sind in der Tat sehr trickreich, wie man das am Kitāb al-ḥiial fil-fiqh (Buch der Rechtskniffe) des Maḥmūd ibn al-Ḥasan abū Ḥātim al-Qazuīnī sehen kann, das Joseph Schach 1924 ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen hat.

Islamapologeten nehmen die Flexibilität der Scharia gerne als Beweis dafür, dass man alles und nichts in sie hineininterpretieren und sie deshalb auch einer gesellschaftlichen Modernisierung nicht im Wege stehen könne. Der Islamwissenschaftler Michael Cook hat aber darauf hingewiesen, dass die Flexibilität der Scharia und die Findigkeit der muslimischen Juristen, wenn es um ihre Interpretation geht, auch ein ganz grundsätzliches Problem darstellen können.

Diese nämlich müssen auch als Ausdruck der Tatsache gewertet werde, dass die Juristen das Monopol der Scharia nie anzutasten wagten. (Mehr dazu in meinem Buch ZWISCHEN RELIGION UND POLITIK, wo ich diese Problematik im Exkurs “Die Freude am Widerspruch” erörtere, der sich kritisch mit den Thesen des Arabisten Thomas Bauer auseinandersetzt).

Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zum lateinischen Europa, wo das Christentum das Rechtswesen nie zu monopolisieren versucht, sondern mit dem römischen Recht koexistiert hat. Eine solche Koexistenz mit dem Islam war nicht möglich, weil das islamische Recht, die Scharia, einen „überwölbenden moralischen Apparat‟ und ein „hegemonisches moralisches System‟ (W. Hallaq) bildet. Während die grossen römischen Juristen eigene Grundlagentexte erstellt haben, waren die grossen muslimischen Juristen wesentlich Exegeten, weswegen es nie einen muslimischen Justinian gegeben hat.

Die Flexibilität und Findigkeit muslimischer Juristen sollte man also nicht nur positiv sehen, ist doch das unhinterfragte Rechtsmonopol der Scharia der Hauptgrund für den Mangel an säkularen, rechtsstaatlichen Strukturen in der Islamischen Welt. Natürlich hat es Versuche autoritärer Modernisierer gegeben, der Gesellschaft weltliche Gesetze aufzuoktroyieren, doch standen diese immer unter dem Rechtfertigungsdruck der Scharia, weswegen sie irgendwann wieder abgeschafft oder abgeschwächt wurden.

So wurde in der Türkei mit der Ausrufung der türkischen Republik 1923 zunächst das Sultanat, im Jahr darauf auch das Kalifat abgeschafft und kam es zu einer Säkularisierung des Bildungswesens. Seit 1928 ist der Islam nicht länger Staatsreligion, 1937 wurde der Laizismus in der Verfassung verankert. Die Säkularisierungspolitik wurde aber seit den 1950ern jedoch allmählich wieder aufgeweicht und 1961 der Islam faktisch wieder zur Staatsreligion unter Aufsicht des Präsidiums für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Reisliği).

Ähnlich in Ägypten: Nachdem im 19. Jahrhundert französisches Recht in das ägyptische Rechtswesen eingedrungen und es ab 1875 zu gemischten Gerichtshöfe gekommen war, die für die Scharia in Personenstands- und Erbrechtsfragen sowie für den Code Napoléon in den übrigen Rechtsangelegenheiten zuständig waren, wurden jene 1956 ganz abgeschafft und das Rechtswesen 1979 durch ein entsprechendes Familiengesetz weiter säkularisiert. Der Säkularisierungsprozess kam jedoch bereits im Folgejahr zum Erliegen, als die Scharia zur Hauptquelle der Rechtsprechung erhoben und einige Jahre später das Familiengesetz entsprechend angepasst wurde.

So mag man einzelne Scharia-Regeln loswerden – aber nicht die Scharia.


Anm. 27.10.16

Kollege M.R. weist mich darauf hin, dass hier eine Erwähnung des Juristen ‘Abd al-Razzāq al-Sanhūrī (1895-1971) nicht fehlen darf, der als Vater des ägyptischen Zivilrechts von 1948 gilt. Dieses Recht war dazu gedacht, islamische Rechtsgrundsätze zu verwirklichen.

Wer waren die Übersetzer?

In der Debatte zum Thema Islam und Moderne werden häufig die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen zur Sprache gebracht, die im Mittelalter eine so bedeutende Rolle für die kulturelle Entwicklung auf beiden Seiten des Mittelmeers spielten. Doch wer waren die Übersetzer?

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From Said to Salaita

Martin Kramer cites Steven Salaita, the self-styled expert on why Palestinians are the native Americans of the 21st century as saying:

“My mother and grandmother’s blood connects me to the same place that binds us all—ancestor and descendant—together…. I am a devoted advocate of Palestinian nationalism.”

… on which Kramer comments as following: “Apparently it’s ‘progressive’ when a Palestinian professes blood-and-soil nationalism, and ‘regressive’ when an Israeli Jew does it.” Of course, Kramer is right but something is missing here and that’s how closely Salaita follows in the tracks of Edward Said.

In his book “Culture and Imperialism” Said praises the transformation of the once conservative MESA towards an organization supposedly more open to contemporary issues which he assumed “had formerly been occluded or minimized” by scholars such as Bernard Lewis or Daniel Pipes.[ref]Edward Said: Culture and Imperialism (London et al. 1994), 315.[/ref]

Underscoring his allegations already made in his previous book “Orientalism,” Said in his “Culture and Imperialism” lashes out against the above-mentioned scholars for advocating in their scholarly work “a policy line opposed to native Arab or Islamic nationalism” which allegedly had had “dominated” the professional discussion.[ref]Ibid.[/ref]

Yes, Edward Said was a nationalist. Since then, dealing with contemporary issues in Middle Eastern Studies (Germany in no way exempted) is less about facts, sources or expertise. Above all it’s about enforcing a post-colonial and nationalist narrative while not even discussing the obvious assumption that so much in the Arab World can be better explained by a failed modernization process.

Against this background, Salaita is Said’s legitimate heir (and he’d better get a job in Native American studies than in any Middle Eastern department).

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