Orientalist & Writer

Category: Europa und der Nahe Osten Page 1 of 2

Grossrazzia in Österreich

Ein Hintergrundbericht der “Wiener Zeitung” über die jüngste Grossrazzia in Österreich gegen Muslimbrüder und Hamas enthält auch einige Statements von mir.

Der Bericht ist ohne Bezahlschranke frei zugänglich.

Die Neuordnung des Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg

Ein Filmbeitrag der “Deutschen Welle” zur Neuordnung das Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg wiederholt alte Mythen und bedarf deshalb der Richtigstellung. Hier geht es um zwei Behauptungen: 1) Dass mit dem Sykes-Picot-Abkommen Briten und Franzosen das Vertrauen der arabischen Völker ausgebeutet haben, 2.) dass der Nahe Osten bis heute unter willkürlich gezogen Grenzen zu leiden habe. 

Islamische Aufklärung?

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es in verschiedenen Teilen der islamischen Welt kulturelle Erneuerungsbewegungen, vor allem auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches, einschliesslich des südöstlichen Europa. Hintergrund für diese kulturelle Erneuerung war der Geist des Nationalismus, der die Gemüter erfasst hatte, wobei Nationalismus hier nicht als dumpf-xenophobe Bewegung zu verstehen ist, sondern das Bestreben nach einem Nationalstaat meint, der zugleich ein konstitutionalistischer sein sollte. Vorbild war vor allem Frankreich, daneben England.

Sie wollen einfach nur den Islam verteidigen

Alexander Dobrindt (CSU) mag ein Populist sein, aber er hat recht, wenn er sagt, dass kein islamisches Land auf der ganzen Welt eine vergleichbare demokratische Kultur entwickelt habe, wie wir dies aus christlichen Ländern kennen. Hat dieser Umstand etwas mit dem Islam zu tun? Die Bejahung dieser Antwort liegt nahe, denn einzelne Aspekte der Religionen sind immer auch in die Kultur eingegangen und waren an der Herausbildung eines Ethos, eines Weltbilds beteiligt, deren religiöse Ursprünge sich die Menschen häufig nicht mehr bewusst sind.

Von Denkern und Institutionen

Schon 400 Jahre vor Adam Smith hat, man höre und staune, ein anderer in einem anderen Winkel der Welt ganz ähnliche Ideen entwickelt. Das dürfte in der Menschheitsgeschichte einige Male vorgekommen sein, dass nämlich ein Denker mit einer Theorie berühmt wird, die vielleicht schon ein anderer vor ihm aufgestellt hat, von dem er aber nichts wusste und noch nicht einmal wissen konnte.

Eine Geschichte wird daraus auch nur, weil dieser andere Denker, der da 400 Jahre vor dem Schotten Adam Smith ähnliche Ausführungen gemacht haben soll, ein Araber war, und zwar keine randständige Figur, sondern der grosse Ibn Khaldun.

Ob das so stimmt oder nicht, ist dabei nicht das entscheidende. Was viele Verteidiger der arabisch-islamischen Kultur völlig verkennen, ist die Tatsache, dass es eine Sache ist, eine Idee zu entwickeln, eine völlig andere aber, ob und gegebenenfalls wie diese Idee zur gesellschaftlichen Umgestaltung führt.

Arabisch-islamische Denker, Forscher und Philosophen haben enorme intellektuelle Leistungen vollbracht – entfaltet haben sich ihre Theorien oft aber erst in Europa. Der Graeco-Arabist Gotthard Strohmaier hat zu recht kritisiert, dass die politischen und sozialen Konstellationen bei der Verbreitung intellektueller Leistungen von Apologeten der arabisch-islamischen Kultur gerne ausser acht gelassen werden.[1.  Gotthard Strohmaier, „Was Europa dem Islam verdankt‟, in: ders., Hellas im Islam, Interdisziplinäre Studien zur Ikonographie, Wissenschaft und Religionsgeschichte, Wiesbaden 2003, 1-27, hier 25-6.]

Als vor hundert Jahren der deutsch-österreichische Jurist Georg Jellink in seinem Abriss über die Entstehung der Menschen- und Bürgerrechte letztere auf die Amerikanische Revolution zurückzuführte, hielt man ihm entgegen, dass die zugrundeliegenden Ideen doch viel älter seien und bis auf die Antike zurückgingen. Jellinek hat dazu im Vorwort der zweiten Auflage seines Buches wie folgt Stellung genommen:[2.  Georg Jellinek, Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, München und Leipzig 1919, S. 41-2.]

„Die Literatur für sich ist niemals produktiv, wenn sie nicht in den historischen und sozialen Verhältnissen einen für ihre Wirkungen vorbereiteten Boden findet. Wenn man den literarischen Ursprung einer Idee aufweist, hat man damit keineswegs auch die Geschichte ihrer praktischen Bedeutung erkannt. Die Geschichte der Politik ist heute noch viel zu viel Literaturgeschichte, viel zu wenig Geschichte der Institutionen selbst. Die Zahl neuer politischer Ideen ist sehr gering, die meisten sind, im Keime wenigstens, bereits der antiken Staatslehre bekannt gewesen. Die Institutionen aber sind in steter Veränderung begriffen und wollen überall in ihrer eigentümlichen geschichtlichen Ausgestaltung begriffen werden.‟

Nicht allein auf die Denker kommt es an, sondern wir müssen, wenn wir die unterschiedlichen Entwicklungspfade des Westens und der Islamischen Welt (oder Teilen der Islamischen Welt) verstehen wollen, zur Kenntnis nehmen, dass Ideen an einem Ort zu einer Zeit auf fruchtbaren Boden gefallen sein mögen, an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit aber nicht. Die Ursachen dafür zu ergründen, nennt man Forschung. Alles andere ist blosse Heldenverehrung.

Brunnen oder Wasser?

Anlässlich der WDR-Diskussion über eine folgenschwere Dokumentation: Hat der palästinensische Präsident Abbas davon gesprochen, israelische Rabbiner riefen zur Vergiftung palästinensischer “Brunnen” auf – oder hat er von palästinensischem “Wasser” gesprochen?

Der Faktencheck ergibt: Abbas hat tatsächlich von “Wasser” gesprochen, so wird er jedenfalls von arabischen Medien zitiert, z.B. hier, wo auch vermeldet wird, dass Abbas sich für seine Äusserung entschuldigt haben soll.

Für die Dokumentation ist das dennoch nicht relevant, denn es geht nicht um Abbas, sondern um EU-Parlamentarier, die eine Rede beklatschen, in der ein uraltes antisemitisches Klischee bedient wird.

Neues aus dem Web

Ein paar Fundstücke aus dem Netz.

• Seit kurzem online ist das Jihadi Document Repository der Universität Oslo. Die Dokumentation der dschihadistischen Ideologie bildet einen seiner Schwerpunkte.

• Ebenfalls vor einigen Tagen ist der Arab Human Development Report 2016 erschienen. Darin heisst es z.B.:

Gender inequality is likewise associated with more respect for authority and less support for democracy. Values supporting gender equality are highest in Algeria, Lebanon, Morocco and Tunisia and lowest in Egypt, Jordan and Yemen.

• Der britische “Telegraph” hat eine Bildergalerie mit den schönsten Moscheen der Welt zusammengestellt. Besonders eindrucksvoll ist die Sheikh Zayed Grand Mosque in Abu Dhabi.

Wie man Scharia-Regeln los wird

Wie man Scharia-Regeln los wird? Das ist manchmal ganz leicht, da die Scharia im Islam immer aufs Neue gedeutet werden kann und hierzu einen grossen Spielraum bietet. Beispiele nennt ein lesenswerter Beitrag auf dem Blog “Lesewerk Arabisch und Islam.”

Die Spitzfindigkeit, vermeintlich eindeutige Vorschriften der Scharia zu umgehen, hat ein eigenes islamisches Rechtsgenre hervorgebracht, die sog. maḫāriǧ bzw. ḥiyal, also “Rechtskniffe”. Die sind in der Tat sehr trickreich, wie man das am Kitāb al-ḥiial fil-fiqh (Buch der Rechtskniffe) des Maḥmūd ibn al-Ḥasan abū Ḥātim al-Qazuīnī sehen kann, das Joseph Schach 1924 ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen hat.

Islamapologeten nehmen die Flexibilität der Scharia gerne als Beweis dafür, dass man alles und nichts in sie hineininterpretieren und sie deshalb auch einer gesellschaftlichen Modernisierung nicht im Wege stehen könne. Der Islamwissenschaftler Michael Cook hat aber darauf hingewiesen, dass die Flexibilität der Scharia und die Findigkeit der muslimischen Juristen, wenn es um ihre Interpretation geht, auch ein ganz grundsätzliches Problem darstellen können.

Diese nämlich müssen auch als Ausdruck der Tatsache gewertet werde, dass die Juristen das Monopol der Scharia nie anzutasten wagten. (Mehr dazu in meinem Buch ZWISCHEN RELIGION UND POLITIK, wo ich diese Problematik im Exkurs “Die Freude am Widerspruch” erörtere, der sich kritisch mit den Thesen des Arabisten Thomas Bauer auseinandersetzt).

Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zum lateinischen Europa, wo das Christentum das Rechtswesen nie zu monopolisieren versucht, sondern mit dem römischen Recht koexistiert hat. Eine solche Koexistenz mit dem Islam war nicht möglich, weil das islamische Recht, die Scharia, einen „überwölbenden moralischen Apparat‟ und ein „hegemonisches moralisches System‟ (W. Hallaq) bildet. Während die grossen römischen Juristen eigene Grundlagentexte erstellt haben, waren die grossen muslimischen Juristen wesentlich Exegeten, weswegen es nie einen muslimischen Justinian gegeben hat.

Die Flexibilität und Findigkeit muslimischer Juristen sollte man also nicht nur positiv sehen, ist doch das unhinterfragte Rechtsmonopol der Scharia der Hauptgrund für den Mangel an säkularen, rechtsstaatlichen Strukturen in der Islamischen Welt. Natürlich hat es Versuche autoritärer Modernisierer gegeben, der Gesellschaft weltliche Gesetze aufzuoktroyieren, doch standen diese immer unter dem Rechtfertigungsdruck der Scharia, weswegen sie irgendwann wieder abgeschafft oder abgeschwächt wurden.

So wurde in der Türkei mit der Ausrufung der türkischen Republik 1923 zunächst das Sultanat, im Jahr darauf auch das Kalifat abgeschafft und kam es zu einer Säkularisierung des Bildungswesens. Seit 1928 ist der Islam nicht länger Staatsreligion, 1937 wurde der Laizismus in der Verfassung verankert. Die Säkularisierungspolitik wurde aber seit den 1950ern jedoch allmählich wieder aufgeweicht und 1961 der Islam faktisch wieder zur Staatsreligion unter Aufsicht des Präsidiums für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Reisliği).

Ähnlich in Ägypten: Nachdem im 19. Jahrhundert französisches Recht in das ägyptische Rechtswesen eingedrungen und es ab 1875 zu gemischten Gerichtshöfe gekommen war, die für die Scharia in Personenstands- und Erbrechtsfragen sowie für den Code Napoléon in den übrigen Rechtsangelegenheiten zuständig waren, wurden jene 1956 ganz abgeschafft und das Rechtswesen 1979 durch ein entsprechendes Familiengesetz weiter säkularisiert. Der Säkularisierungsprozess kam jedoch bereits im Folgejahr zum Erliegen, als die Scharia zur Hauptquelle der Rechtsprechung erhoben und einige Jahre später das Familiengesetz entsprechend angepasst wurde.

So mag man einzelne Scharia-Regeln loswerden – aber nicht die Scharia.


Anm. 27.10.16

Kollege M.R. weist mich darauf hin, dass hier eine Erwähnung des Juristen ‘Abd al-Razzāq al-Sanhūrī (1895-1971) nicht fehlen darf, der als Vater des ägyptischen Zivilrechts von 1948 gilt. Dieses Recht war dazu gedacht, islamische Rechtsgrundsätze zu verwirklichen.

Wer waren die Übersetzer?

In der Debatte zum Thema Islam und Moderne werden häufig die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen zur Sprache gebracht, die im Mittelalter eine so bedeutende Rolle für die kulturelle Entwicklung auf beiden Seiten des Mittelmeers spielten. Doch wer waren die Übersetzer?

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