Autor, Wissenschaftler, Fachjournalist

Wie man Scharia-Regeln los wird

Wie man Scharia-Regeln los wird? Das ist manchmal ganz leicht, da die Scharia im Islam immer aufs Neue gedeutet werden kann und hierzu einen grossen Spielraum bietet. Beispiele nennt ein lesenswerter Beitrag auf dem Blog “Lesewerk Arabisch und Islam.”

Die Spitzfindigkeit, vermeintlich eindeutige Vorschriften der Scharia zu umgehen, hat ein eigenes islamisches Rechtsgenre hervorgebracht, die sog. maḫāriǧ bzw. ḥiyal, also “Rechtskniffe”. Die sind in der Tat sehr trickreich, wie man das am Kitāb al-ḥiial fil-fiqh (Buch der Rechtskniffe) des Maḥmūd ibn al-Ḥasan abū Ḥātim al-Qazuīnī sehen kann, das Joseph Schach 1924 ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen hat.

Islamapologeten nehmen die Flexibilität der Scharia gerne als Beweis dafür, dass man alles und nichts in sie hineininterpretieren und sie deshalb auch einer gesellschaftlichen Modernisierung nicht im Wege stehen könne. Der Islamwissenschaftler Michael Cook hat aber darauf hingewiesen, dass die Flexibilität der Scharia und die Findigkeit der muslimischen Juristen, wenn es um ihre Interpretation geht, auch ein ganz grundsätzliches Problem darstellen können.

Diese nämlich müssen auch als Ausdruck der Tatsache gewertet werde, dass die Juristen das Monopol der Scharia nie anzutasten wagten. (Mehr dazu in meinem Buch ZWISCHEN RELIGION UND POLITIK, wo ich diese Problematik im Exkurs “Die Freude am Widerspruch” erörtere, der sich kritisch mit den Thesen des Arabisten Thomas Bauer auseinandersetzt).

Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zum lateinischen Europa, wo das Christentum das Rechtswesen nie zu monopolisieren versucht, sondern mit dem römischen Recht koexistiert hat. Eine solche Koexistenz mit dem Islam war nicht möglich, weil das islamische Recht, die Scharia, einen „überwölbenden moralischen Apparat‟ und ein „hegemonisches moralisches System‟ (W. Hallaq) bildet. Während die grossen römischen Juristen eigene Grundlagentexte erstellt haben, waren die grossen muslimischen Juristen wesentlich Exegeten, weswegen es nie einen muslimischen Justinian gegeben hat.

Die Flexibilität und Findigkeit muslimischer Juristen sollte man also nicht nur positiv sehen, ist doch das unhinterfragte Rechtsmonopol der Scharia der Hauptgrund für den Mangel an säkularen, rechtsstaatlichen Strukturen in der Islamischen Welt. Natürlich hat es Versuche autoritärer Modernisierer gegeben, der Gesellschaft weltliche Gesetze aufzuoktroyieren, doch standen diese immer unter dem Rechtfertigungsdruck der Scharia, weswegen sie irgendwann wieder abgeschafft oder abgeschwächt wurden.

So wurde in der Türkei mit der Ausrufung der türkischen Republik 1923 zunächst das Sultanat, im Jahr darauf auch das Kalifat abgeschafft und kam es zu einer Säkularisierung des Bildungswesens. Seit 1928 ist der Islam nicht länger Staatsreligion, 1937 wurde der Laizismus in der Verfassung verankert. Die Säkularisierungspolitik wurde aber seit den 1950ern jedoch allmählich wieder aufgeweicht und 1961 der Islam faktisch wieder zur Staatsreligion unter Aufsicht des Präsidiums für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Reisliği).

Ähnlich in Ägypten: Nachdem im 19. Jahrhundert französisches Recht in das ägyptische Rechtswesen eingedrungen und es ab 1875 zu gemischten Gerichtshöfe gekommen war, die für die Scharia in Personenstands- und Erbrechtsfragen sowie für den Code Napoléon in den übrigen Rechtsangelegenheiten zuständig waren, wurden jene 1956 ganz abgeschafft und das Rechtswesen 1979 durch ein entsprechendes Familiengesetz weiter säkularisiert. Der Säkularisierungsprozess kam jedoch bereits im Folgejahr zum Erliegen, als die Scharia zur Hauptquelle der Rechtsprechung erhoben und einige Jahre später das Familiengesetz entsprechend angepasst wurde.

So mag man einzelne Scharia-Regeln loswerden – aber nicht die Scharia.


Anm. 27.10.16

Kollege M.R. weist mich darauf hin, dass hier eine Erwähnung des Juristen ‘Abd al-Razzāq al-Sanhūrī (1895-1971) nicht fehlen darf, der als Vater des ägyptischen Zivilrechts von 1948 gilt. Dieses Recht war dazu gedacht, islamische Rechtsgrundsätze zu verwirklichen.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Zurück

Why Qāsim Amīn was against the niqāb

Nächster Beitrag

Neues aus dem Web

1 Kommentar

  1. Wieso Mangel an säkularen, rechtsstaatlichen Strukturen in der Islamischen Welt? Neben der Scharia-Rechtsprechung gab es doch auch die „eigenen“ maẓālim-Gerichtshöfe des Kalifen. Auch der Marktmeister (muḥtasib) hatte seine eigene Domäne.

    Natürlich kann man sagen, dass die Scharia einen „überwölbenden moralischen Apparat” bildet, aber darin unterschiedet sie sich nicht von der christlichen Ethik, die zum Teil noch bis heute bei uns alles überwölbt und die noch nie welche Entwicklung auch immer verhindert hat, weil man sie einfach nicht lebt. Muslime sind auch pragmatisch genug um die Scharia zu vergessen, wenn es ihnen so passt.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén