In der Debatte zum Thema Islam und Moderne werden häufig die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen zur Sprache gebracht, die im Mittelalter eine so bedeutende Rolle für die kulturelle Entwicklung auf beiden Seiten des Mittelmeers spielten. Doch wer waren die Übersetzer?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es keine Übersetzerschulen im eigentlichen Sinne gab, sondern eher ein Patronagesystem, das einzelne Übersetzer in ihrer Arbeit unterstützte.[note]Medieval Science, Technology, and Medicine: An Encyclopedia, ed. by Thomas F. Glick, Steven Livesey, Faith Wallis. New York and Oxon 2014, Lemma “Gundisalvo” S. 209.[/note] Die kulturelle Vermittlung verlief auch nur geographisch eingeschränkt:

„Sowohl die Übertragung arabischer Wissenschaft […] als auch die Einflüsse arabischer Literatur auf das europäische Mittelalter vollzogen sich allein in Gebieten und an Orten, die der islamischen Herrschaft entrissen worden waren und christlichen Fürsten unterstanden. Nirgendwo konstatieren wie die Weitergabe islamischer Gelehrsamkeit an Ungläubige auf muslimischem Territorium.‟[note]Hans-Rudolf Singer: „Der Maghreb und die Pyrenäenhalbinsel‟, in: Geschichte der Arabischen Welt, hrsg. von Heinz Halm. München 2004, S. 293.[/note]

resümiert Hans-Rudolf Singer. Bei der Übertragung arabischer Texte ins Spanische wiederum spielten Muttersprachler eine wichtige Mittlerrolle. Das waren zum Teil Muslime, aber vor allem Juden.[note]Georg Bossong: Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur. München 1 2016, S. 78-9; Medieval Science…, a,a.O., Lemma “John of Seville”, S. 293; “Translation Norms and Practice”, S. 486-7; Lemma “Translation Norms and Practice”, a.a.O., S. 487; Ira M. Lapidus: A history of Islamic Societies. New York 1 2014, S. 310-1; Yom Tov Assis: “The Judeo-Arabic Tradition in Christian Spain”, in: The Jews of medieval Islam. Community, Society, and Identity. Ed. by Daniel Frank. Leiden 1995, S. 111-25, hier 116.[/note]

Ansonsten waren es fast ausschliesslich Christen, die antike griechische Texte ins Syrische und dann ins Arabische übertrugen.[note]Darío Fernández-Morera: The Myth of the Andalusian Paradise. Muslims, Christians, and Jews under Islamic Rule in Medieval Spain. Wilmington/Delaware 2016 , S. 65-6, 73.[/note] In Bagdad waren an der Übersetzung griechischer und syrischer Texte ins Arabische zum Teil auch heidnische Sabier beteiligt.[note]Dimitri Gutas: Greek Thought, Arabic Culture. The Graeco-Arabic Translation Movement in Baghdad and Early ʻAbbāsid Society (2nd–4th / 8th–10th centuries). London und New York 1999, S. 136.[/note] Das Muslime hier keine Rolle spielten, überrascht nicht, da es keine – im modernen Sinne – Universitäten gab, an denen Griechisch hätte studiert werden können. Die islamischen Hochschulen des Mittelalters dienten dem Studium religiöser Texte und Gesetze und führten erst durch den Kontakt mit den Lehrinstitutionen der oströmischen Reiches auch andere Fächer ein.[note]Fernández-Morera, a.a.O., S. 65-6.[/note]

Aus diesem Grund blieb auch der muslimische Platondiskurs, wie er sich seit dem 9. Jahrhundert entfaltete, immer einer ohne Platon, zumal er sich von dessen Philosophie schon sehr früh weit entfernt hatte. Eine Übersetzung des “Staats” ins Arabische hat es zwar gegeben, sie war jedoch ebenfalls das Werk eines nestorianischen Christen, nämlich des in Bagdad wirkenden Ḥunayn b. Isḥāq (gest. ca. 873) und gilt ansonsten als verschollen. Eine Platon-Renaissance, wie sie das westliche Europa durch Marsilio Ficino und Nikolaus von Kues (1401-64) erlebte, als man sich um ein authentischeres Verständnis des Philosophen bemühte, hat es in der Islamischen Welt jedenfalls nicht gegeben.[note]Rüdiger Arnzen: Platonische Ideen in der arabischen Philosophie. Texte und Materialien zur Begriffsgeschichte von ṣuwar aflāṭūniyya und muthul aflāṭūniyya. Berlin und Boston 2011, S. 211. Vgl. Michael Kreutz: Zwischen Religion und Politik. Die verschlungenen Pfade der Moderne. Bochum 2016, S. 82.[/note]

Davon unbenommen bleibt die Tatsache, dass Muslime am philosophischen Diskurs beteiligt waren und erhebliche Leistungen auf diesem Gebiet vorzuweisen haben.


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