Autor, Wissenschaftler, Fachjournalist

Schlagwort: Wissenschaftsgeschichte

Von Denkern und Institutionen

Schon 400 Jahre vor Adam Smith hat, man höre und staune, ein anderer in einem anderen Winkel der Welt ganz ähnliche Ideen entwickelt. Das dürfte in der Menschheitsgeschichte einige Male vorgekommen sein, dass nämlich ein Denker mit einer Theorie berühmt wird, die vielleicht schon ein anderer vor ihm aufgestellt hat, von dem er aber nichts wusste und noch nicht einmal wissen konnte.

Eine Geschichte wird daraus auch nur, weil dieser andere Denker, der da 400 Jahre vor dem Schotten Adam Smith ähnliche Ausführungen gemacht haben soll, ein Araber war, und zwar keine randständige Figur, sondern der grosse Ibn Khaldun.

Ob das so stimmt oder nicht, ist dabei nicht das entscheidende. Was viele Verteidiger der arabisch-islamischen Kultur völlig verkennen, ist die Tatsache, dass es eine Sache ist, eine Idee zu entwickeln, eine völlig andere aber, ob und gegebenenfalls wie diese Idee zur gesellschaftlichen Umgestaltung führt.

Arabisch-islamische Denker, Forscher und Philosophen haben enorme intellektuelle Leistungen vollbracht – entfaltet haben sich ihre Theorien oft aber erst in Europa. Der Graeco-Arabist Gotthard Strohmaier hat zu recht kritisiert, dass die politischen und sozialen Konstellationen bei der Verbreitung intellektueller Leistungen von Apologeten der arabisch-islamischen Kultur gerne ausser acht gelassen werden.1

Als vor hundert Jahren der deutsch-österreichische Jurist Georg Jellink in seinem Abriss über die Entstehung der Menschen- und Bürgerrechte letztere auf die Amerikanische Revolution zurückzuführte, hielt man ihm entgegen, dass die zugrundeliegenden Ideen doch viel älter seien und bis auf die Antike zurückgingen. Jellinek hat dazu im Vorwort der zweiten Auflage seines Buches wie folgt Stellung genommen:2

„Die Literatur für sich ist niemals produktiv, wenn sie nicht in den historischen und sozialen Verhältnissen einen für ihre Wirkungen vorbereiteten Boden findet. Wenn man den literarischen Ursprung einer Idee aufweist, hat man damit keineswegs auch die Geschichte ihrer praktischen Bedeutung erkannt. Die Geschichte der Politik ist heute noch viel zu viel Literaturgeschichte, viel zu wenig Geschichte der Institutionen selbst. Die Zahl neuer politischer Ideen ist sehr gering, die meisten sind, im Keime wenigstens, bereits der antiken Staatslehre bekannt gewesen. Die Institutionen aber sind in steter Veränderung begriffen und wollen überall in ihrer eigentümlichen geschichtlichen Ausgestaltung begriffen werden.‟

Nicht allein auf die Denker kommt es an, sondern wir müssen, wenn wir die unterschiedlichen Entwicklungspfade des Westens und der Islamischen Welt (oder Teilen der Islamischen Welt) verstehen wollen, zur Kenntnis nehmen, dass Ideen an einem Ort zu einer Zeit auf fruchtbaren Boden gefallen sein mögen, an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit aber nicht. Die Ursachen dafür zu ergründen, nennt man Forschung. Alles andere ist blosse Heldenverehrung.

  1.   Gotthard Strohmaier, „Was Europa dem Islam verdankt‟, in: ders., Hellas im Islam, Interdisziplinäre Studien zur Ikonographie, Wissenschaft und Religionsgeschichte, Wiesbaden 2003, 1-27, hier 25-6.
  2.   Georg Jellinek, Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, München und Leipzig 1919, S. 41-2.

Wer waren die Übersetzer?

In der Debatte zum Thema Islam und Moderne werden häufig die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen zur Sprache gebracht, die im Mittelalter eine so bedeutende Rolle für die kulturelle Entwicklung auf beiden Seiten des Mittelmeers spielten. Doch wer waren die Übersetzer?

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