Ein Filmbeitrag der “Deutschen Welle” zur Neuordnung das Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg wiederholt alte Mythen und bedarf deshalb der Richtigstellung. Hier geht es um zwei Behauptungen: 1) Dass mit dem Sykes-Picot-Abkommen Briten und Franzosen das Vertrauen der arabischen Völker ausgebeutet haben, 2.) dass der Nahe Osten bis heute unter willkürlich gezogen Grenzen zu leiden habe. 

Zu beiden Mythen habe ich mich ausführlich in meiner Monographie Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) geäussert. Bevor ich hier auf Details eingehe, noch etwas zur Vorgehensweise: Zum einen habe ich den aktuellen Stand der englischsprachigen Forschung mit den zum Teil älteren Erkenntnissen deutschsprachiger Provenienz verknüpft, zum anderen habe ich Quellen aus den National Archives in London ausgewertet. Das Buch insgesamt greift eine Reihe von Aspekten der Neuordnung des Nahen Ostens auf, wofür ich auch arabischsprachige Quellen verwendet habe. Folgende Ausführungen habe ich meinem Buch (S. 199-201 und 209-13) entnommen, für das Internet sprachlich leicht überarbeitet und gekürzt, sowie die Endnoten entfernt. 

Ad 1. 

Das Sykes-Picot-Abkommen wird heute gerne als Ausdruck westlicher Doppelmoral gesehen, da es im Widerspruch zu den vermeintlichen Versprechungen McMahons stünde. Die Fakten sprechen  jedoch eine andere Sprache. Die Korrespondenz zwischen dem Scherifen Ḥusayn und dem britischen Hochkommissar McMahon beinhaltet nämlich keinerlei Versprechen von britischer Seite, einen grossarabischen Staat zu errichten, der auch Syrien mit einschlösse. Diese Lesart entstand erst später.

Vor allem die Forschung von Elie Kedourie hat hier mit groben Missverständnissen aufgeräumt. Aber schon Carl Brockelmann hat 1943 (!) darauf hingewiesen, dass Ḥusayn von McMahon niemals „bindende Versprechungen, die mit dem Hinweis auf die Interessen Frankreichs abgelehnt wurden“, erhalten hat. Im Schlussschreiben vom 30. Januar 1916, so Brockelmann, zeigte McMahon lediglich die Bereitschaft, dass man dieZukunft des Vilayets Bagdad zu gegebener Zeit erörtern werde.

Zwar wurde der Wunsch nach einem Grossreich anerkannt, einen Vertrag gab es jedoch nicht, er ist eine Fiktion Ḥusayns. Zu recht wurde im übrigen darauf hingewiesen, dass Ḥusayn und sein Sohn es waren, die in täuschender Absicht Verhandlungen aufnahmen, indem sie vorgaben, die gesamte arabische Nation zu repräsentieren. Zudem hatten sie Geheimverhandlungen mit den Osmanen geführt, während sie den Briten signalisierten, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Was das Sykes-Picot-Abkommen betrifft, so stand es in keinem Widerspruch zur Ḥusayn-McMahon-Korrespondenz. Es geht über die Korrespondenz sogar noch hinaus, nämlich so weit, zum ersten Mal in der Geschichte das arabische Recht aufSelbstbestimmung durch westliche Mächte anzuerkennen. Zu der Behauptung, dass die arabische Fassung aufgrund eines fehlenden Kommas (!) im englischen Text falsch übersetzt worden sei und so Ḥusayn glauben machte, man habe ihm ein grossarabisches Reich vertraglich zugesichert, hat ebenfalls schon Brockelmann das Nötige gesagt, als er bezweifelte, dass der in der Zeitung al-Manār abgedruckte arabische Text überhaupt als ein ratifizierter Vertrag anzusehen sei.

Ad 2.

Häufig wird behauptet, dass die Grenzen der heutigen arabischen Länder das Produkt kolonialistischer Willkür seien. Bei näherem Hinsehen bietet sich ein komplexeres Bild. Nicht nur, dass der Nahe Osten arm an natürlichen Grenzen ist, anhand derer man sich hätte orientieren können, vielmehr hatte Grossbritannien sehr viel Sorgfalt darauf verwandt, die Grenzen so zu ziehen, dass sich möglichst wenig Konfliktpotential zwischen den neuen Staaten bilden sollte.

So zeigen britische Protokolle aus der Zeit der Friedenskonferenz ein intensives Bemühen um den besten Verlauf der künftigen ägyptischen Westgrenze. Demnach gab es den Vorschlag, die Oase Sīwa mitsamt einem entsprechenden Wüstenstreifen bei Ägypten zu belassen, während die Oase Jaghbūb und der Hafen Sallūm möglicherweise der italienischen Zone zugeschlagen werden könnten. Der weitere Verlauf der Grenze sollte entlang eines Steilhanges erfolgen, der das Gebiet zwischen ägyptischen und westlichen Beduinen aufteilt. Beide Gruppen seien sinnvollerweise zu trennen, da zwischen ihnen böses Blut herrsche. Sie auseinanderzuhalten sei ohnehin längst tägliche Praxis der lokalen Behörden.

Schwieriger gestaltete sich der geplante Verlauf der östlichen Grenze. Seit der Balfour-Deklaration von 1917, die die Schaffung „einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina“ mit Wohlwollen betrachtete, sah sich Grossbritannien gegenüber dem zionistischen Vorhaben in der Pflicht. Daher wurden mehrere Varianten diskutiert, die in unterschiedlichen Farben auf der Karte eingetragen wurden: als schwarze, blaue (die Farbe von Chatham und General Allenby), rote, rotgepunktete (der Verlauf vonCol. Lawrence) und schwarzgepunktete Linie.

Übereinstimmung bestand in dem Punkt, dass in Palästina der westliche Steilhang des Wadi Araba die östliche Grenze vom Toten Meer bis zum Golf von Akaba bilden müsse. Dies wurde als realistisch eingeschätzt. Ein Problem dagegen wurde in der nördlichen Grenze zu Ägypten gesehen. Hier wurden der blauen und roten Variante nur geringe Chancen eingeräumt. Die Wahl engte sich daher auf die Vorschläge von Cavio und Colonel Lawrence ein. Am Ende war es Allenby, der die erste von Lawrence vorgeschlagene Grenzziehung als die praktischste und vorteilhafteste erkannte. Demnach sollte Beersheva bei Palästina verbleiben, während nahezu alle Beduinen sich künftig auf ägyptischer Seite wiederfänden.

An diesem Punkt fand die Diskussion noch längst nicht ihr Ende. Die vorläufige Festlegung der palästinensischen Grenze nach Süden böten, so ein weiteres Protokoll des britischen Aussenministeriums vom 17. März 1919, eine gute Gelegenheit, die Ostgrenzen Ägyptens zu überprüfen. Man versuchte, etwaige Probleme mit Frankreich aus dem Wege zu gehen, doch hielt man eine Korrektur des Grenzverlaufs für geboten, da das Land nun zwei neue Nachbarn habe: Die Regierung in Palästina und des Königreich Hedschas unter Ḥusayn, von denen erwartet wurde, dass sie mit Ägypten ein enges Verhältnis pflegen würden.

Die Untertanten im Königreich Hedschas neigten nicht nur zur Aufsässigkeit, sondern legten auch eine völlige Missachtung der Grenzen an den Tag. Man hätte über die Grenzüberschreitungen der Beduinen freilich hinwegsehen können, wären diese nicht bewaffnet und häufig auf Plünderungen aus gewesen. Vor allem die Bewohner der Grenzgebiete waren ihnen ausgeliefert. Die Grenzziehungen sollten daher in einer Weise erfolgen, dass stammesverwandte Gruppen innerhalb eines Gebietes zusammenblieben. Für Ägypten bedeutete dies, dass unter den Bedingungen der modernen Kriegsführung keine Grenze jemals gut genug sein würde. Der bisherige Plan wurde somit umgeworfen, als Gaza und Beersheva nun doch zu Ägypten gehören sollten.

Ein weiteres Memorandum beschäftigte sich mit den strategischen Grenzen Ägyptens nördlich des Suezkanals. Der Generalstab war daran interessiert, Palästina so stark wir nur möglich zu machen, weswegen der jüdischen Bevölkerung jede Möglichkeit an die Hand gegeben werden sollte, ihr Land aufzubauen. Eine Landesentwicklung im Süden sollte, so die Hoffnung, stabilisierende Wirkung auf Ägypten haben, ohne durch die „unzivilisierten und nomadischen Beduinen“ behelligt zu werden. Zu diesem Zwecke wurde es als wünschenswert gesehen, dass die Juden, sofern möglich, auch Zugang zum Golf von Akaba bekämen. Der Generalstab drückte damit seine Empfehlung aus, dass die südwestliche Grenze des jüdischen Palästina entlang der alten Grenze zwischen dem Sinai und dem Osmanischen Reich verlaufen möge.


Die heutigen Länder und Grenzen sind Produkte unterschiedlicher Kräfte und keineswegs willkürlich von britischer und französischer Seite der Region übergestülpt. Häufig wird dabei ausser Acht gelassen, dass praktisch alle Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches, also auch die auf der anderen Seite des Mittelmeeres, in irgendeiner Weise versuchten, die westlichen Mächte für ihre Sache gegen die konkurrierenden Ansprüche anderer Nationalbewegungen einzuspannen. Das gilt auch für die türkische Nationalbewegung, die entstand, als der Zerfall des Osmanischen Reiches nicht mehr aufzuhalten war. Die Briten waren in der Frager der Grenzziehung wiederum bemüht, sich an örtlichen Begebenheiten zu orientieren, wie historische Dokumente beweisen.

Aber manche Mythen sterben nie.