Er ist nicht nur als ein Kritiker des Islam bekannt, sondern auch als einer der Islamwissenschaften. Die Rede ist von Bassam Tibi, der in vielem recht hat, in anderem nicht, dessen Texte aber immer lesenswert sind. Dass ein Querkopf wie Tibi umstritten ist, bleibt natürlich nicht aus. Ganz unschuldig ist er daran nicht. Zum einen will er sich als Begründer als “Islamologie” von den etablierten Islamwissenschaften absetzen – wobei erstere eher politikwissenschaftlich, letztere eher philologisch orientiert sind –, andererseits sucht er die Anerkennung durch die Vertreter der von ihm gescholtenen Islamwissenschaften. Beides geht natürlich nicht.

Dennoch sind seine Texte, wie gesagt, immer einer Lektüre wert. Kürzlich teilte er in der NZZ wieder einmal kräftig aus, als er den Islamwissenschaftlern “Islamophilie” vorwarf und versuchte, dies mit der Geschichte des Faches zu erklären. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, die vielfache Verstrickungen mit dem Kolonialismus aufweist, habe dazu geführt, dass in den Islamwissenschaften das Pendel gewissermassen in die entgegengesetzte Richtung ausgeschlagen hat und die kolonialistische Sicht einer antikolonialistischen und islamophilen gewichen ist. Soweit Tibi.

Natürlich ist das eine starke These. Aber aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: Tibi hat recht. Zwar wird an deutschen islamwissenschaftlichen Instituten immer noch erstklassige Forschung betrieben und opfern junge Nachwuchswissenschaftler oft fünf oder mehr Jahre einem anspruchsvollen Dissertationsthema, arbeiten sich an mittelalterlichen Quellen ab oder durchforsten die Archive nach Material. Das alles verdient hohen Respekt. Aber sobald es um eine Einordnung der Fakten in grössere Zusammenhänge geht, gibt es nur noch eine einzige Denkschule: Die des Postkolonialismus, die dem Islam gegenüber völlig unkritisch ist.

Der Säulenheilige des Postkolonialismus ist Edward Said, dem Tibi eine zentrale Schuld an der unheilvollen Entwicklung des Faches zuweist. Said hatte freilich nicht nur den vermeintlichen Eurozentrismus der Islamwissenschaftler seiner Zeit kritisiert, sondern dafür, dass sie eine Linie vertreten, die „opposed to native Arab or Islamic nationalism“ stehe.1 Said, darüber sollte man sich im Klaren sein, wollte also nicht nur Vorurteile bekämpfen, sondern eine entgegengesetzte Islamwissenschaft kreieren, die ganz im Dienste eines “native Arab or Islamic nationalism” steht!

Das ist heute in den universitären Islamwissenschaften etabliert. Die Betonung liegt dabei auf “universitär”: Ausserhalb der deutschsprachigen Universitäten, z.B. bei den Sicherheitsbehörden, findet man Vertreter einer Islamwissenschaft, die weitaus kritischer mit ihrem Gegenstand verfährt. Manche dieser Vertreter sind selbst Muslime. Tibis zutreffender Befund beschreibt eine Entwicklung, die noch gar nicht alt ist. Jede geisteswissenschaftliche Disziplin sollte ein gewisses Mass an kritischer Herangehensweise gegenüber ihrem Forschungsgegenstand haben und dies war in den Islamwissenschaften bis vor etwas zwanzig Jahren noch der Fall.

Man lese nur, was Gelehrte wie Johann Christoph Bürgel, Fritz Meier, Michael Cook, Ira M. Lapidus, Gotthard Strohmaier und andere seinerzeit geschrieben haben und was heute keineswegs veraltet ist, sondern gerade im Lichte neuer Forschungskenntnisse von ungebrochener Aktualität wäre. Diese Fachvertreter hatten Respekt vor dem Islam, sahen sich aber nie als dessen Verteidiger. In den Islamwissenschaften, soweit ich dies beobachte, wird diese Generation von Islamwissenschaftlern, Orientalisten und Arabisten aber kaum noch rezipiert. Das Problem heutiger islamwissenschaftlicher Institute ist daher gar nicht einmal so sehr, dass dort Islamophobie herrscht, sondern, dass es dort nichts anderes gibt.

So blieb nicht aus, dass zwei Islamwissenschaftler, Anke von Kügelgen und Ulrich Rudolph, sich anschickten, eine Replik auf Tibi zu verfassen, die ebenfalls in der NZZ erschien. Darin werfen ihre Verfasser Tibi vor, “Zerrbilder” zu konstruieren und legen ansonsten in ihrer Argumentation eine Hilflosigkeit an den Tag, die etwas Rührendes hat. Jedenfalls haben sie Tibi gar nicht verstanden, sonst wäre ihnen klar gewesen, dass er der heutigen Islamwissenschaft nicht ihre koloniale Vergangenheit vorwirft, sondern nur zu erklären versucht, woher ihr heutiger Zustand rührt: Nämlich aus einer Abwehr ebenjener Vergangenheit.

Sicher, Tibi hat seiner These von der Islamophilie der heutigen Islamwissenschaften noch ein paar weitere, überaus steile Thesen an die Seite gestellt, die leicht zu widerlegen sind. Das war nicht sehr klug. Aber die zentrale These wird in der Replik gar nicht angegangen – und zwar aus gutem Grund. Dabei wäre es so einfach: Wäre Tibi im Unrecht, hätten unsere beiden Replikschreiber einfach auf aktuelle Beispiele verweisen können, in denen sich deutschsprachige universitäre Islamwissenschaftler kritisch mit ihrem Gegenstand befassen.

Solche Beispiele freilich dürften sich kaum finden lassen. Das ist das Problem, das Tibi benannt hat.

(Geringfügig überarbeitet am 02..02.2018)

  1. Edward Said: Culture and Imperialism. London: Vintage 1994, S. 315.