Als Orientalist/ Islamwissenschaftler gilt mein Forschungsinteresse natürlich vor allem dem Nahen Osten und den Mittelmeerraum, aber das sagt nichts über meine Methodik aus, die unter Fachvertretern eine breite Streuung aufweist. Bei mir ist das seit jeher die Ideengeschichte, über die mich auch als Politikwissenschaftler identifiziere.

Mich hat immer fasziniert, wie gerade im Mittelmeerraum westliche Ideen aufgenommen und an die eigene Kultur angepasst wurden, wobei die Inspiration noch in der Neuzeit zuweilen auch in umgelehrter Richtung verlief. Gerade die Ideengeschichte aber fristet an deutschen Universitäten ein Schattendasein und ist allgemein wenig angesagt, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Diese Beobachtung liegt einem Aufsatz des Berliner Historikers Paul Nolte von 2014 zugrunde, der nach den Ursachen für diese Entwicklung fragt und für eine Wiederbelebung der Ideengeschichte plädiert und ihre Möglichkeiten auslotet. Darin heisst es gleich zu Beginn1:

In der gegenwärtigen Diskussion über die Chancen einer “Kulturgeschichte” und ihr Verhältnis zur Sozialgeschichte in Deutschland gibt es bisher […] eine auffällige Blindstelle: Ideengeschichte, in gleich welchem Sinne, scheint weder in der Theorie noch in der Forschungspraxis einen Platz zu beanspruchen, ja überhaupt auf irgendwelches Interesse zu stoßen. […] Sie fehlt nicht nur im Zusammenhang von Sozial- oder Kulturgeschichte; es gibt sie nicht einmal als isolierte Randdisziplin und auch nicht, als politische Ideengeschichte, innerhalb der Politikgeschichte […].

Ich habe den Aufsatz erst jetzt entdeckt und finde ihn überaus lesenswert, stelle jedoch fest, dass etwas entscheidendes darin fehlt. Dazu gleich mehr. Nolte jedenfalls lotet die Möglichkeiten einer Ideengeschichte aus und fragt nach den Ursachen dafür, warum in Deutschland im Gegensatz zur angelsächsischen Welt praktisch keine Ideengeschichte betrieben wird. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn in den Islamwissenschaften war die Ideengeschichte nie tot.

Natürlich gibt es auch eine politische Theorie, die aber meist weniger historisch als mehr philosophisch angelegt ist. Eine der wenigen Ausnahmen bildet der Politikwissenschaftler Peter Nitschke. Immerhin gibt es seit 2007 mit Idee eine Zeitschrift für Ideengeschichte und seit 2010 einen Sammelband zur Cambridge-Schule der politischen Ideengeschichte.2 Das ist Nolte wohl entgangen.

Ein Jahr nach dem Aufsatz von Nolte hat der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn den Versuch gemacht, eine Geschichte des politischen Denkens zu schreiben, die nicht personen- oder problem-, sondern kontextorientiert ist. Seinen Anspruch konnte er aber nicht einlösen, weil er das selbstgesteckte Ziel, “eine historische Rekonstruktion der politischen und sozialen Bedingungen, die zur Entstehung und Veränderung von politischen Theorien geführt haben[,] als Kontext der politischen Theorienbildung selbst mit in den Blick zu nehmen“, aus den Augen verlor und letztlich wieder nur eine problemorientierte Darstellung ablieferte.3

Aber das sind Ausnahmen und man kann sagen, dass Ideengeschichte hierzulande allgemein noch immer als so etwas wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert angesehen wird. Nolte ist daher grundsätzlich recht zu geben. Seine Erklärung für den Niedergang der einst auch in Deutschland akademisch beheimateten Ideengeschichte ist gewunden und läuft darauf hinaus, dass sie der Sozialgeschichte unterlegen war. Aber warum? Dafür gibt es möglicherweise eine einfache Erklärung, die Nolte als Nicht-Politologe jedoch entgangen ist. Sie stammt von Eric Voegelin, der vor bald sechzig Jahren derselben Frage nachgegangen war, als er die tieferen Ursachen des Nationalsozialismus erforschte.

Innerhalb seines Faches ist Voegelin vor allem für seine Abhandlungen zur „politischen Religion‟ bekannt, aber in seinem späteren Stadium seiner Laufbahn ist er zu diesem Konzept auf Distanz gegangen, was heutzutage bei der Erwähnung seines Namens regelmässig nicht zur Kenntnis genommen wird (u.a. von dem erwähnten Samuel Salzborn4). In meinem Buch Zwischen Religion und Politik habe ich dieses Bild ein wenig geradegerückt.5

Voegelin nannte seine Abhandlung über die politischen Religionen eine „Verlegenheitslösung“ zur Erklärung der Totalitarismen seiner Zeit, da Europa noch nicht die „Denkwerkzeuge“ hatte, „um das Furchtbare, das sich ereignete, zu erfassen.“ Er hatte entdeckt, dass das Konzept der Gnosis einen viel besseren Ansatz bot, den Aufstieg des Nationalsozialismus zu begreifen. Er konnte sich dabei auf eine umfangreiche ältere Forschung zum Thema berufen, die jedoch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgerissen und zu einem grossen Teil in Vergessenheit geraten war.

Voegelin erklärte dies damit, dass im 19. Jahrhundert der industrielle Fortschritt Mathematik und Naturwissenschaften zu akademischen Leitdisziplinen gemacht haben, womit sich Geisteswissenschaftler intellektuell herausgefordert sahen. Ihre Reaktion auf diese Entwicklung habe dann in einer Neuorientierung bestand: Fortan sollten die Geisteswissenschaften mathematische Methoden anwenden, um sich gegenüber den Naturwissenschaften zu behaupten. Diese neue, “positivistische Geistes- und Gesellschaftswissenschaft” habe dann die alte Ideengeschichte verdrängt.6 Das ist eine plausible Antwort auf Noltes Problemstellung.

Voegelin hat die “positivistische Geistes- und Gesellschaftswissenschaft” übrigens zwar geschmäht, aber keineswegs für unwissenschaftlich erklärt. Die Erkenntnisse, die sie zutage fördert, sah er aber als in einem schlechten Verhältnis zum Aufwand stehend, mit dem sie betrieben wird. Warum aber hat Voegelins Erkenntnis nicht auf die deutsche Politik- und Geschichtswissenschaft zurückgewirkt?

Nun, Voegelin war Ende der dreissiger Jahre aus Österreich in die USA emigriert und sollte vor allem dort seinen Einfluss entfalten. In Deutschland hat man ihn erst spät entdeckt; hierzulande gibt es immerhin seit 1990 ein Eric-Voegelin-Archiv, das bis heute damit beschäftigt ist, seinen Nachlass zu erschliessen. Diese erhebliche Zeitverzögerung spiegelt die zurückhaltende Rezeption der Ideengeschichte in Deutschland wider, deren Wiederbelebung in der Breite sich wohl in Deutschland so bald nicht einstellen wird.

  1. Paul Nolte: „Sozialgeschichte und Ideengeschichte. Plädoyer für eine deutsche ‚Intellectual History‛‟, in: ders.: Transatlantische Ambivalenzen: Studien zur Sozial- und Ideengeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts. München 2014, S. 391-414, hier 391-2.
  2. Die Cambridge School der politischen Ideengeschichte, hrsg. von Martin Mulsow und Andreas Mahler. Berlin 2010, passim.
  3. Samuel Salzborn: Kampf der Ideen: Die Geschichte politischer Theorien im Kontext. Baden-Baden 2015, S. 7-8.
  4. Ebd., S. 88
  5. Michael Kreutz: Zwischen Religion und Politik: Die verschlungenen Pfade der Moderne. Bochum 2016, S. 142-3.
  6. Eric Voegelin: Wissenschaft, Politik und Gnosis. München 1959, S. 10-1.