Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, ein Buch über hartnäckige Falschbehauptungen über den Islam zu schreiben. Nicht, dass ich den Anspruch hätte, den wahren Islam zu kennen oder alles über den Islam zu wissen, doch lassen sich in der öffentlichen Debatte über den Islam Behauptungen ausfindig machen, die einfach nicht haltbar sind.

Eine dieser Falschbehauptungen ist die, dass so viele Islame wie Muslime existierten, dass also Aussagen über den Islam unmöglich seien, weil es “den” Islam gar nicht gebe. Die Intention hinter dieser Behauptung ist allzu deutlich: Der Islam (den es nicht gibt), soll gegen jede Kritik abgeschirmt werden, die dann als Essentialismus geschmäht und mit dem Diskursausschluss geahndet wird.

Dies ist aus drei Gründen falsch.

Erstens gibt es das in keiner Religion, dass die Anzahl ihrer Deutungen der Anzahl ihrer Glaubensmitglieder entspricht. Vielmehr haben wir es meist mit mehreren Konfessionen zu tun, in denen es dann noch einmal konkurrierende Strömungen gibt. Im Christentum sind das Katholizismus, Protestantismus und Orthodoxie, die ihrerseits meist in eine konservative und eine progressive Strömung gespalten sind. Ähnlich ist es im Judentum, dass sich im wesentlichen in orthodoxes, konservatives und Reformjudentum aufspaltet, innerhalb derer es dann noch Unterformen geben mag.

Auch im Islam ist das so. Hier haben wir es im grossen und ganzen mit einem sunnitischen und einem schiitischen Islam zu tun, wobei etwa 85% der Muslime weltweit dem Sunnitentum zugehören. Eine gibt eine gewisse Bandbreite innerhalb des sunnitischen Islam, doch darf man nicht übersehen, dass alle Offenbarungsreligionen eine formative Phase durchgemacht haben, in der theologisch die Spreu vom Weizen getrennt wurde. Denn jede Religionsgemeinschaft ist genau dies: Gemeinschaft. Als solche steht sie einer vollständigen Individualisierung (nicht zu verwechseln mit Verinnerlichung) entgegen.

Muslimische Juristen haben auf Grundlage der Offenbarung eine Systematik erstellt, die Willkür in der Exegese vermeiden sollte. Somit ist eine Tradition des Rechtswesens entstanden, innerhalb derer der Spielraum für exegetische Abenteuer recht stark eingeschränkt ist. Natürlich kann man sich über die Tradition hinwegsetzen und den Koran frei interpretieren, aber auch hierbei sollte man sich im Klaren darüber sein, dass es “Grenzen der Interpretation” (so der Titel eines Buches von Umberto Eco) gibt. Der Koran mag manchen Deutungsspielraum erlauben, aber wie andere Texte auch lässt sich in ihn nicht alles hineinlesen, will man Inkohärenz nach Möglichkeit vermeiden.

Zweitens müssten alle “Islame” etwas gemeinsam haben, um unter einem Begriff zu firmieren. In dieser Schnittmenge würden sich sicherlich die beiden Maximen der Schadaha wiederfinden und mindestens der Bezug auf die Offenbarung. D.h. selbst wenn es so viele Islame wie Muslime gäbe, dürften die Gemeinsamkeiten in den meisten Fällen grösser sein als die Unterschiede. (Nur am Rande: Im Arabischen heisst es al-Islām “der Islam”. Wie hiesse eigentlich “Islame” auf Arabisch: asālīm? islāmāt?)

Drittens, und das ist der wichtigste Einwand, dürfte nur eine Minderheit der Muslime selbst glauben, dass es eine Vielzahl von “Islamen” geben soll. Dazu muss man wissen, dass Islamapologetik in einem westlichen Land wie Deutschland tendentiell anders funktioniert als in mehrheitlich muslimischen Ländern. Wenn hierzulande jemand etwas Positives über Angehörige anderer Konfessionen sagen will, dann tut er dies meist mit einem Verweis auf den Reichtum, der in der Vielfalt steckt. Anders in muslimischen Ländern: Will ein Muslim etwas Positives über Christen oder über Europäer sagen, dann wird er mit Sicherheit das Einssein betonen. “Wir sind doch eins” heisst es dann, oder: “Zwischen uns gibt es keinen Unterschied.”

Da in unserer Kultur Vielfalt und Pluralismus positiv konnotiert sind, neigen hierzulande sozialisierte Muslime dazu, dem Islam Vielfalt und Pluralismus als zentrale Eigenschaften zuzusprechen. Daher hören wir immer wieder die Behauptung, “den” Islam gebe es doch gar nicht, dies sei doch nur Essentialismus, dem Islamkritiker wie Islamisten gleichermassen aufsässen. Tendentiell anders dagegen argumentieren Muslime, die in einem muslimischen Land sozialisiert wurden. Da in muslimischen Ländern Pluralismus und Vielfalt eher negativ konnotiert sind, weil beide Begriffe mit Spaltung und Schwächung in Verbindung gebracht werden, wird die Vorstellung, dass es mehr als einen Islam geben könnte, meist deutlich zurückgewiesen. Hierzu zwei Beispiele:

In meinem Bekanntenkreis gibt es einen türkischen Muslim, den ich aus Studientagen kenne. Er ist in der Türkei geboren und aufgewachsen und kam als Erwachsener zum Studium nach Deutschland. Deutsch beherrscht er fliessend, aber es ist nicht seine Muttersprache. Heute arbeitet er als Islamlehrer in Deutschland. Dieser Mensch sagte mir vor einigen Jahren einmal: “Für euch Westler gibt es einen liberalen Islam, einen konservativen Islam, einen fundamentalistischen Islam usw. – aber für uns Muslime gibt es das alles nicht. Für uns gibt es nur Islam!”

Während also für die einen, meist europäisch sozialisierten Muslime, das typisch westliche Vorurteil in der Behauptung besteht, es gebe so etwas wie “den” Islam, besteht für die anderen, meist orientalisch sozialisierten Muslimen, das typisch westliche Vorurteil in dem Glauben, es gebe mehr als einen Islam! Je nachdem, mit welchen Muslimen man es zu tun hat, kann man als Westler dem Vorwurf, Vorurteile gegen den Islam zu hegen, praktisch nicht entkommen.

Beispiel zwei ist Ahmad at-Tayyeb, seines Zeichens Grossscheich der ägyptischen Azhar. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass at-Tayyeb auf Einladung des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert vor zwei Jahren zu Gast im deutschen Bundestag war. Damals durften nach seinem Vortrag auch Fragen aus dem Publikum gestellt werden und so hatte einer der Fragesteller wissen wollen, wie es um das Projekt eines europäischen Islam bestellt sei.

Grossscheich at-Tayyeb gab eine bemerkenswerte Antwort: Einen europäischen Islam könne es nicht geben und mache keinen Sinn, da der Islam auf ganz einfachen Prinzipien beruhe, die überall auf der Welt gleich seien und folglich auch in China sogar auf dem Mond. Ergo: Es gibt nur einen, nur “den” Islam.

Ahmad at-Tayyeb spricht natürlich nicht für alle Muslime und noch nicht einmal für alle Sunniten, aber er spricht sicherlich für sehr viele Muslime. Er muss noch nicht einmal recht haben, denn natürlich gibt es mindestens eine Zweiteilung in einen sunnitischen und einen schiitischen Islam, aber der Punkt ist: In seiner Weigerung, die Existenz unterschiedlicher Varianten der eigenen Religion anzuerkennen, steht er nicht als Exot da. Es ist einfach das, was die Gläubigen mehrheitlich in muslimischen Ländern glauben dürften.

Wer also behauptet, es gebe “den” Islam gar nicht, mag damit zwar recht haben, doch folgt daraus weder, dass es so viele Islame wie Muslime gibt, noch, dass eine Mehrheit der Muslime diese Meinung teilt. Daran, dass es nur einen, nur “den” Islam gibt, glauben bei weitem nicht nur Islamisten und Islamkritiker.