michael kreutz

Wissenschaftler & Publizist

Schlagwort: Debatten

Eine verschmitzte Endnote

Jan Assmann, Heidelberger Ägyptologe und in der zweiten Phase seines publizistischen Schaffens  Kulturwissenschaftler, ist u.a. für seine These von der (wie er sie nennt) “Mosaischen Unterscheidung” bekanntgeworden, die freilich viel Kritik auf sich gezogen hat und über die ich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (S. 60) schrieb:

… derzufolge die „Mosaische Unterscheidung‟ zwischen wahrer und falscher Religion einen eigenen Typ von Wahrheit begründet. Mag Guy Stroumsa dieser These auch Plausibilität zubilligen, so bleibt der Vorwurf bestehen, dass sie den Monotheismus insgesamt in Misskredit bringt. Assmann weist diesen Vorwurf zurück, da er in der genannten Unterscheidung eine Errungenschaft und keinen Rückschrittt sieht. Überdies bedeute eine solche Unterscheidung für das Judentum ohnehin nicht mehr als eine „Selbstausgrenzung‟ (Assmann) gegenüber seiner Umwelt, was an sich noch keine Gewalt zeitige.

Assmann geht in der Verteidigung seiner These schliesslich so weit zu behaupten, dass die „Mosaische Unterscheidung‟ Toleranz überhaupt erst möglich gemacht habe, insofern als diese nur gegenüber etwas gewährt werden könne, was der eigenen Auffassung widerspricht. Der antike Polytheismus hingegen habe keine Toleranz praktizieren können, weil die eigenen Götter gar nicht im Konflikt mit anderen Göttern gestanden haben. Das ist ein wenig um die Ecke gedacht, denn genausogut könnte man im Mangel an Konflikt einen Ausdruck von Toleranz sehen. Im Grunde aber befindet sich Assmann hier in guter Gesellschaft mit John Selden (1584-1654), der lange zuvor die Ansicht vertrat, dass nach rabbinischer Auffassung für Nichtjuden gar keine Veranlassung besteht, das mosaische Gesetz zu befolgen, folglich Gewalt um der Bekehrung willen keinen Anreiz im Judentum findet.

Ich bin jetzt erst dazu gekommen, Assmann Buch Exodus zu lesen, das ein Jahr zuvor erschienen ist. Dort schreibt Assmann ganz richtig, dass besagte These schon älter ist und führt sie auf David Hume (1711-1776) zurück, was uns hier aber nicht weiter interessieren soll.

Die Pointe liegt in Assmanns verschmitzter Endnote. Dort schreibt er mit Bezug auf die “Mosaische Unterscheidung”:

“Seltsamerweise wird sie in unserer geschichtsvergessenen Gegenwart als die umstrittene These eines Heidelberger Ägyptologen diskutiert.”

Herzig.

Islamismus und Islam

Ein Historiker beklagt sich im “National Interest” über die einseitigen Wahrnehmungen des Islam im Weissen Haus. Während die Trump-Regierung ein generelles Misstrauen gegenüber dem Islam hegt, habe Obama das krasse Gegenteil geglaubt:

In 2011, for example, Tibi’s very important Islamism and Islam was published by Yale University Press, but it received scant attention in the general-interest reviews, in public discussion, or within the Obama administration. Yet whether Obama knew better or whether he was so much a product of the politically correct academy that he actually thought that the Islamic State had nothing to do with Islam …

Der Autor, Jeffrey Herf, bezieht sich in seinem Artikel mehrfach zustimmend auf Bassam Tibis “Islamism and Islam”, das von der amerikanischen Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen worden sei. Da mag er recht haben. Allerdings scheint er selbst das Buch nicht gelesen zu haben. Tibi selbst sagt nämlich explizit, dass Islamismus nicht Islam sei, so der Titel eines seiner Kapitel („Why Islamism is not Islam‟)! Darin heisst es:

In the case of Islamism, the religionization of politics means the promotion of a political order that is believed to emanate from the will of Allah and is not based on popular sovereignty. Islam itself does not do this. As a faith, cult, and ethical framework, it implies certain political values but does not presuppose a particular order of government.

Ähnlich hat er auch in anderen seiner Bücher argumentiert (z.B. in “Islam’s Predicament”). Ob man dem zustimmt oder nicht – Obama lag hier ganz auf einer Linie mit Tibi.

Huntington und seine Leser

Seitdem Samuel P. Huntington 1996 sein Buch “The Clash of Civilizations” veröffentlichte[note]Voller Titel: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1996.[/note] arbeiten sich Menschen an dem Buch ab, von denen viele es offenbar nicht gelesen haben. Wie sonst wäre zu erklären, dass Huntington Thesen unterstellt werden, die gar nicht Thema seines Buches sind oder zumindest nicht im Zentrum stehen?

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