Seitdem Samuel P. Huntington 1996 sein Buch “The Clash of Civilizations” veröffentlichte[note]Voller Titel: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1996.[/note] arbeiten sich Menschen an dem Buch ab, von denen viele es offenbar nicht gelesen haben. Wie sonst wäre zu erklären, dass Huntington Thesen unterstellt werden, die gar nicht Thema seines Buches sind oder zumindest nicht im Zentrum stehen?

Zunächst einmal hat Huntington keineswegs Kulturen als ontologische Gegensätze oder eine “heterogene Einteilung der Welt” konstruiert, sagt er doch explizit:

“Civilizations have no clear-cut boundaries and no precise beginnings and endings. People can and do redefine their identities and, as a result, the composition and shapes of civilizations change over time. The cultures of peoples interact and overlap. … While civilizations endure, they also evolve. They are dynamic; they rise and fall; they merge and divide …”[note]Huntington, a.a.O., 43-4.[/note]

Zivilisationen haben also keine festen Grenzen, mehr noch: sie vermengen sich oder erzeugen neue Zivilisationen durch die Teilung alter. Vor allem aber überschneiden sie sich. Es kann keine Rede davon sein, dass Huntington Zivilisationen (Kulturen) als “in sich geschlossene Gebilde” sieht! So glaubt Huntington, dass zur westlichen Zivilisation neben Europa auch Lateinamerika gehöre, andererseits bilde die christlich-orthodoxe Welt, die zu einem erheblichen Teil in Europa angesiedelt ist, eine eigene Zivilisation.[note]Huntington, a.a.O., 47; s. dazu auch mein Buch “Das Ende des levantinischen Zeitalters”, Hamburg 2013, S. 300.[/note] 

Für Huntington sind Zivilisationen pulsierende Gebilde, die sich zudem überschneiden.

Worum also geht es ihm also? Huntington spricht davon, dass sich die Konflikte der Zukunft anders legitimieren als die der Vergangenheit. Immer seltener wird im Namen der einen Nation gegen eine andere Krieg geführt, sondern es sind umfassendere Kategorien, die politisch wirkmächtig werden, wenn z.B. vorgegeben wird, asiatische oder westliche Werte zu verteidigen oder für die Islamische Welt zu sprechen. Konfligierende Einstellungen oder Politiken finden ihre Legitimation immer häufiger in einer höheren Begründungssphäre.

Letztlich hat Huntington ein Buch über die Globalisierung in der Politik geschrieben. Menschen ändern ihre Selbstwahrnehmung in ganz alltäglichen Zusammenhängen, je nachdem, mit wem sie es zu tun haben. Dies schlägt sich auch in der Politik wieder:

“Two Europeans, one German and one French, interacting with each other will identify each other as German and French. Two Europeans, one German and one French, interacting with two Arabs, one Saudi and one Egyptian, will define themselves as Europeans and Arabs.”[note]Huntington, a.a.O., 67.[/note]

Ich will nicht verhehlen, dass ich selbst auch Kritik an Huntington übe, so z.B. wenn er die friedensstiftende Wirkung des Freihandels bestreitet. (Huntington, ebd.) Kritikwürdig scheint er mir auch dort, wo er sich gegen Ende seines Buches in eindzeitlich anmutende Beschwörungen verirrt (“In the clash of civilizations, Europe and America will hang together or hang separately.”)[note]Huntington, a.a.O., 321.[/note]

Doch vielleicht müssen noch einmal zwanzig Jahre verstreichen, damit der Weg frei wird für einen unverstellten Blick auf Huntington und um ohne Zorn oder Eifer das zu würdigen, was sich als zutreffend herausgestellt hat, und das zu verwerfen, worin er fehlging.