Es ist bekannt, dass im Mittelalter (vor allem im Bagdad des 8.-10. Jhds.) arabische Gelehrte einen erheblichen Teil der griechischen wissenschaftlichen Literatur der Antike ins Arabische übersetzt haben, zum Teil anhand älterer Übersetzungen ins Syrische. Die Poesie hatte man damals ausgespart, weil sie einer paganen Lebenswelt entsprang, aber auch, weil Poesie als kaum übersetzbar galt.

Die poetischen Werke der griechischen Antike zu übersetzen wurde später, im 19. Jahrhundert, zu einem der wichtigsten Anliegen der sog. Nahḍa, d.h. der arabischen kulturellen Erneuerungsbewegung. Die Rezeption der griechischen Antike durch arabische Intellektuelle des 19. und 20. Jahrhunderts bildet einen der Schwerpunkte meiner Forschung (s. z.B  meine Aufsätze “Sulaymān al-Bustānīs Arabische Ilias” (2004) und “The Greek Classics in Modern Middle Eastern Thought” (2011) oder meine Monographie Arabischer Humanismus in der Neuzeit (2007).)

Höhepunkt der Übersetzungstätigkeit war die Ilias des Homer in einer arabischen Version, deren Verfasser Sulaymān al-Bustānī nicht nur Altgriechisch beherrschte, sondern auch diverse europäische Sprachen, sodass er auch den damaligen Stand der Homerforschung erarbeiten konnte. Im Vorwort seiner Übersetzung vermittelt er seiner Leserschaft Wissenswertes rund um die Ilias, wozu im weiteren Sinne auch die Frage gehört, ob die arabische Literaturgeschichte überhaupt so etwas wie epische Poesie, wozu auch die Ilias gehört, kennt.

Bustānīs Übertragung der Ilias ist ein herausragendes Werk der neueren arabischen Literaturgeschichte. Angeblich soll zuvor im arabischen Raum allein der im 8. Jahrhundert lebende Theophilos von Edessa die Ilias wie auch die Odyssee übertragen haben, wie der syrische Gelehrte Bar Hebraeus behauptete, jedoch nicht ins Arabische, sondern ins Syrische. Wenn es diese Übersetzungen jemals gegeben haben sollte, so sind sie heute verschollen.

Nun hat die British Library verschiedene Manuskripte der Ilias und der Odyssee digitalisiert und online zugänglich gemacht. Darunter befindet sich auch eine syrische Fassung. Die lange und vielfältige Wirkungsgeschichte der Homerischen Epen weiss auch heute noch zu faszinieren.

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