Seit mindestens achthundert Jahren, seit Averroes nämlich, versuchen islamische Intellektuelle, das traditionelle Denken ihrer Zeit für neue Gedanken zu öffnen. Noch jedesmal sind sie gescheitert und daran sind sie selbst nicht ganz unschuldig. Denn die Autorität der Religion über alles, was die Gesellschaft betrifft, haben sie so gut wie nie hinterfragt. Averroes wollte Philosophie und Logik aus dem Koran heraus legitimieren, am Ende geriet er unter erheblichen Rechtfertigungsdruck durch die Almohaden-Herrscher.

Was damals galt, gilt auch heute noch: Solange sich die Gesellschaften nicht aus der Umklammerung durch die Religion lösen, ist Moderne nicht möglich. Der kanadische Politologe Charles Taylor hat einmal von der “Religion als Option” gesprochen: Im Westen kann man religiös sein und religiös argumentieren – oder aben auch nicht. Davon ist die Islamische Welt noch meilenweit entfernt, zumindest was das politische Denken angeht. Hier findet jegliche intellektuelle Auseinandersetzung um die Moderne im Medium der Religion statt, an der vorbei zu argumentieren nicht gewagt wird.

Wie also begründet der Demokrat seine Überzeugung? Mit dem Islam, habe doch der Prophet schon die Grundlagen der Demokratie gelegt. Wie begründet der Säkularist seine Überzeugung? Mit dem Islam, denn schon der Prophet habe sich für eine Trennung von Religion und Staat ausgesprochen. Wie begründet die Feministin ihre Überzeugung? Mit dem Islam, habe doch der Prophet als erster den Status der Frau verbessert, usw. usf. Selbst Nicht-Muslime argumentieren mit dem Islam.

Als die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi einmal im Gespräch mit einem Lebensmittelhändler über die Rolle der Frau in der Politik von diesem zu hören bekam, dass einem Ausspruch des Propheten zufolge “niemals ein Volk zu Wohlstand gelangen wird, das seine Geschäfte einer Frau anvertraut” – da reagierte sie wie? Etwa, indem sie ihrem Gesprächspartner deutlich machte, sich von der Religion nichts vorschreiben zu lassen? Nein, sie gab sich geschlagen und musste die Echtheit des Ausspruches erst einmal überprüfen – um dann mit besseren, wiederum islamisch untermauerten Argumenten die Arena der Diskussion erneut zu betreten!

Die andauernde Argumentation mit dem Islam, der immer nur aufs Neue interpretiert wird, stärkt immer nur dessen absoluten Wahrheitsanspruch. Ohne, dass es etwas nützte. Denn jeder, der den Islam abseits traditioneller Gewohnheiten zu interpretieren versucht, wird vom Establishment verketzert, sodass der einzige Ausweg des Reformdenkers, seine Position zu halten, darin besteht, die Konformität seiner Gedanken mit der Tradition zu betonen. Der Münsteraner Theologe Mouhanad Khorchide ist nur der jüngste in einer Kette von Fällen. Am Ende ist nichts als ein Scheinsieg errungen, die Vormachtstellung der Religion robuster denn je.

Auch in Deutschland war nach dem Krieg der Pluralismus noch längst nicht in den Köpfen verankert. Der deutsch-jüdische Politologe Ernst Fraenkel, der vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, versuchte ab den 50er Jahren, dem Bewusstsein der Deutschen durch Publizität und Lehre eine neue Richtung zu geben. Es war die Zeit der Reeducation, als solche Nachhilfe in Sachen Demokratie, die mehr ist als regelmässig abgehaltene Wahlen und etwas anderes als ein vermeintlicher Gemeinwille, den es nur umzusetzen gelte, dringend geboten war.

Wesentlich für eine funktionierende westliche Demokratie, so Fraenkel, ist die Existenz von Interessengruppen und die Akzeptanz eines Naturrechts. In den angelsächsischen Ländern war es die grosse Leistung Lockes, die Vorstellung von einem naturrechtlich begründeten Gesellschaftsvertrag legitimiert zu haben. Dem stand in Deutschland lange eine weitverbreitete Ablehnung, gar “Aversion” (E. Fraenkel) gegenüber, fürchtete man doch, durch Einzel- und Gruppeninteressen werde das Gemeinwesen zerfasern und letztlich zerfallen, anstatt zu begreifen, dass die Wertfundamente des Gemeinwesens für sich genommen tragfähig genug sein können, wenn eine genügend grosser Teil der Bevölkerung sie nur verinnerlicht hat.

Diesen Schritt hat die arabisch-islamische Welt bislang noch vor sich. Hier gilt es anzusetzen. Anstatt dem der Moderne gegenüber sich widerspenstig verhaltenden Islam mit einer dauernden Abfolge von Reformansätzen beikommen zu wollen, die die Vereinbarkeit von Islam und Moderne betonen, ohne wirklich mit Tabus zu brechen, müsste es vielmehr eine Debatte über die naturrechtliche Begründung eines pluralen Gemeinwesens geben, in dem die Religion eine Option bleibt, aber eben nicht mehr. Diese Debatte hat noch nicht einmal begonnen.

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