Autor, Wissenschaftler, Fachjournalist

Schlagwort: Moderne

Beitrag auf “Cicero Online”

Manch einer unterschätzt, wie gross die Kräfte der Beharrung in den muslimischen Gesellschaften doch sind. Für “Cicero Online” habe ich das Problem einmal knapp umrissen. Unter dem Titel “Die Reislamisierung von unten” finden Sie meinen Beitrag barrierefrei unter diesem Link.

Auszug: “Seit dem Untergang des rationalistischen Islam haben wir es in den muslimischen Ländern mit einer Gemengelage von Religion und Politik zu tun. Dass die Scharia von einem sehr weltlichen Charakter ist und Vorschriften zum Familien-, Vertrags- und Verwaltungsrecht umfasst, lässt die Sphären der Religion und der Politik nur noch weiter verschwimmen.”


Nachtrag 18. August 2020

Vorgestern, am Sonntag, hat Mouhanad Khorchide mit einer Replik reagiert, die unter dem Titel “Top-down oder Bottom-up?” ebenfalls auf “Cicero Online” erschienen ist.

Nicht, dass ich inhaltlich einverstanden wäre, aber ich schätze es doch überaus, dass Mouhanad Khorchide sich der Debatte stellt und nicht, wie so viele, die ich an der Uni kennengelernt habe, andere Meinungen einfach ignoriert.

Religionssoziologie auf Abwegen

Max Weber wollte verstehen, warum unterschiedliche Zivilisationen unterschiedliche Entwicklungspfade eingeschlagen haben und warum das, was wir „Moderne‟ nennen, eine Erfindung des Abendlandes ist. Einer der zentralen Begriffe in diesem Zusammenhang ist der der „Entzauberung‟, den der Soziologe Hans Joas in seinem Buch Die Macht des Heiligen einer gründlichen Kritik unterzieht. Darin will Joas einerseits den Weberschen Ansatz überwinden, Weber andererseits neu deuten.

Woher kommt die Krise des Islam?

Die islamische Welt befindet sich in keinem guten Zustand. Warum das so ist, darüber hat sich schon mancher den Kopf zerbrochen. Der Religionswissenschaftler Michael Blume drängt in seinem Buch Islam in der Krise mit eigenen Thesen auf den Büchermarkt, die zwar nicht ganz zu überzeugen vermögen, sein Buch aber auch so zu einer durchaus angenehmen Lektüre machen.

Weltbeziehungen

Religionen befassen sich nicht nur mit transzendenten Dingen, mit Ethik und Ritualen, sondern bringen in diesen Dingen wie auch darüberhinaus ein jeweils spezifisches Verhältnis zur Welt voraus, die ihrerseits dem Wandel der Zeit unterliegt.

Damit werden die Religionen relevant für die Politik und in diesem Spannungsfeld zwischen Religion und Politik entsteht das, was wir die Moderne nennen. Dieser Prozess ist kein stetig forschreitender, sondern unterliegt Rückschlägen sowie gegenseitigen Beeinflussungen und Irritationen. Das ist Thema meines Buches Zwischen Religion und Politik, wie es in der Beschreibung heisst:

Die Moderne zeichnet sich ab, als der Himmel aufhört, Projektionsfläche menschlicher Heilserwartung zu sein und sich die kulturelle Wahrnehmung auf das „kosmisch Unerhebliche‟ (Hans Blumenberg) verschiebt. […] Politisch findet die Moderne ihren Ausdruck im liberalen Konstitutionalismus und steht in einem ambivalenten Verhältnis zu den Religionen, die selbst ein spezifisches Verhältnis zur Welt entwickelt haben.

Vor diesem Hintergrund erscheint es erfreulich, dass dieser Tage die Universitäten Erfurt und Graz ein Graduiertenkolleg zum Thema “Weltbeziehungen” initiiert haben, die sich genau diesem Thema widmet:

Die Beschaffenheit von Weltbeziehungen sagt viel über die jeweilige Kultur aus, die diese prägen. Sie kann uns einerseits Aufschluss geben über unser kulturelles Erbe wie auch andererseits uns über unsere eigenen Praktiken zur Schaffung resonanter – also antwortender – Beziehungen zur Welt aufklären.

Das klingt vielversprechend. Unverkennbar spielt hier der Einfluss des Soziologen Hartmut Rosa hinein, Leiter des Erfurter Max-Weber-Kollegs, und so wird man gespannt sein, ob das Konzept der Resonanz auf diesem Gebiet eine fruchtbare Wirkung zu entfalten vermag.

 

Die Debatte um die Moderne hat noch nicht begonnen

Seit mindestens achthundert Jahren, seit Averroes nämlich, versuchen islamische Intellektuelle, das traditionelle Denken ihrer Zeit für neue Gedanken zu öffnen. Noch jedesmal sind sie gescheitert und daran sind sie selbst nicht ganz unschuldig. Denn die Autorität der Religion über alles, was die Gesellschaft betrifft, haben sie so gut wie nie hinterfragt. Averroes wollte Philosophie und Logik aus dem Koran heraus legitimieren, am Ende geriet er unter erheblichen Rechtfertigungsdruck durch die Almohaden-Herrscher.

Was damals galt, gilt auch heute noch: Solange sich die Gesellschaften nicht aus der Umklammerung durch die Religion lösen, ist Moderne nicht möglich. Der kanadische Politologe Charles Taylor hat einmal von der “Religion als Option” gesprochen: Im Westen kann man religiös sein und religiös argumentieren – oder aben auch nicht. Davon ist die Islamische Welt noch meilenweit entfernt, zumindest was das politische Denken angeht. Hier findet jegliche intellektuelle Auseinandersetzung um die Moderne im Medium der Religion statt, an der vorbei zu argumentieren nicht gewagt wird.

Wie also begründet der Demokrat seine Überzeugung? Mit dem Islam, habe doch der Prophet schon die Grundlagen der Demokratie gelegt. Wie begründet der Säkularist seine Überzeugung? Mit dem Islam, denn schon der Prophet habe sich für eine Trennung von Religion und Staat ausgesprochen. Wie begründet die Feministin ihre Überzeugung? Mit dem Islam, habe doch der Prophet als erster den Status der Frau verbessert, usw. usf. Selbst Nicht-Muslime argumentieren mit dem Islam.

Als die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi einmal im Gespräch mit einem Lebensmittelhändler über die Rolle der Frau in der Politik von diesem zu hören bekam, dass einem Ausspruch des Propheten zufolge “niemals ein Volk zu Wohlstand gelangen wird, das seine Geschäfte einer Frau anvertraut” – da reagierte sie wie? Etwa, indem sie ihrem Gesprächspartner deutlich machte, sich von der Religion nichts vorschreiben zu lassen? Nein, sie gab sich geschlagen und musste die Echtheit des Ausspruches erst einmal überprüfen – um dann mit besseren, wiederum islamisch untermauerten Argumenten die Arena der Diskussion erneut zu betreten!

Die andauernde Argumentation mit dem Islam, der immer nur aufs Neue interpretiert wird, stärkt immer nur dessen absoluten Wahrheitsanspruch. Ohne, dass es etwas nützte. Denn jeder, der den Islam abseits traditioneller Gewohnheiten zu interpretieren versucht, wird vom Establishment verketzert, sodass der einzige Ausweg des Reformdenkers, seine Position zu halten, darin besteht, die Konformität seiner Gedanken mit der Tradition zu betonen. Der Münsteraner Theologe Mouhanad Khorchide ist nur der jüngste in einer Kette von Fällen. Am Ende ist nichts als ein Scheinsieg errungen, die Vormachtstellung der Religion robuster denn je.

Auch in Deutschland war nach dem Krieg der Pluralismus noch längst nicht in den Köpfen verankert. Der deutsch-jüdische Politologe Ernst Fraenkel, der vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, versuchte ab den 50er Jahren, dem Bewusstsein der Deutschen durch Publizität und Lehre eine neue Richtung zu geben. Es war die Zeit der Reeducation, als solche Nachhilfe in Sachen Demokratie, die mehr ist als regelmässig abgehaltene Wahlen und etwas anderes als ein vermeintlicher Gemeinwille, den es nur umzusetzen gelte, dringend geboten war.

Wesentlich für eine funktionierende westliche Demokratie, so Fraenkel, ist die Existenz von Interessengruppen und die Akzeptanz eines Naturrechts. In den angelsächsischen Ländern war es die grosse Leistung Lockes, die Vorstellung von einem naturrechtlich begründeten Gesellschaftsvertrag legitimiert zu haben. Dem stand in Deutschland lange eine weitverbreitete Ablehnung, gar “Aversion” (E. Fraenkel) gegenüber, fürchtete man doch, durch Einzel- und Gruppeninteressen werde das Gemeinwesen zerfasern und letztlich zerfallen, anstatt zu begreifen, dass die Wertfundamente des Gemeinwesens für sich genommen tragfähig genug sein können, wenn eine genügend grosser Teil der Bevölkerung sie nur verinnerlicht hat.

Diesen Schritt hat die arabisch-islamische Welt bislang noch vor sich. Hier gilt es anzusetzen. Anstatt dem der Moderne gegenüber sich widerspenstig verhaltenden Islam mit einer dauernden Abfolge von Reformansätzen beikommen zu wollen, die die Vereinbarkeit von Islam und Moderne betonen, ohne wirklich mit Tabus zu brechen, müsste es vielmehr eine Debatte über die naturrechtliche Begründung eines pluralen Gemeinwesens geben, in dem die Religion eine Option bleibt, aber eben nicht mehr. Diese Debatte hat noch nicht einmal begonnen.

Nachgefragte Arabisten

Was hier Robert D. Kaplan, Chief Geopolitical Analyst des Thinktanks Stratfor schreibt, geht doch mal runter wie Öl:

The more that 21st century geopolitics becomes fraught with both internal rebellions and regional clashes, the more that area expertise will be necessary inside the foreign ministries around the world. The 21st century, in other words, demands individuals with a 19th century sense of the world: people who think in terms of geography, indigenous cultures and local traditions.

In der Tat liegen die Probleme vieler Staaten der Region im 19. Jahrhundert verborgen. Informationen in Hülle und Fülle zu diesem Thema bietet mein Buch “Das Ende des levantinischen Zeitalters” (2013).

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