Max Weber wollte verstehen, warum unterschiedliche Zivilisationen unterschiedliche Entwicklungspfade eingeschlagen haben und warum das, was wir „Moderne‟ nennen, eine Erfindung des Abendlandes ist. Einer der zentralen Begriffe in diesem Zusammenhang ist der der „Entzauberung‟, den der Soziologe Hans Joas in seinem Buch Die Macht des Heiligen einer gründlichen Kritik unterzieht. Darin will Joas einerseits den Weberschen Ansatz überwinden, Weber andererseits neu deuten.

Um es vorwegzunehmen: Joas macht hier denselben Fehler, den er schon in seinem Buch über Die Sakralität der Person (2011) gemacht hat, als er versuchte, die Frage, wie die Idee der Menschenrechte in die Welt gekommen ist, über eine Handlungstheorie zu beantworten, was – wie ich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016) erläutert habe – gar nicht funktionieren kann, denn keine Handlungstheorie der Welt ist in der Lage, das Wann oder Wie spezifischer historischer Erscheinungen zu erklären, sondern vermag allein das Warum zu beantworten, in welchen Situationen Menschen in vergleichbaren Situationen zu dieser oder jener Handlung neigen.

Will man die Frage beantworten, wann die Idee der Menschenrechte in die Welt gekommen ist, so geht dies nur über Quellenforschung, womit Joas, obgleich er neben seiner soziologischen auch eine historische Ausbildung durchlaufen hat, wiederum ein ganz grundsätzliches Problem hat, wie man an seinem aktuellen Buch sehen kann, wo er Eric Voegelins Forschung – die ich in meinem erwähnten Buch ebenfalls gewürdigt habe – als nach blosser Ideengeschichte klingend abkanzelt, so als ob diese keinerlei Erkenntnisgewinn bereithielte. Das rechtfertigt jedoch nicht die implizite Unterstellung, derlei Ansätze nähmen notwendigerweise eine historische Notwendigkeit oder Unvermeidlichkeit von Säkularisierung an.

Abgesehen davon, dass dies heutzutage wohl kein Wissenschaftler eine Kontingenz der Geschichte mehr bestreiten dürfte, schliesst dies die Möglichkeit nicht aus, dass manche Gesellschaften über kulturelle Ressourcen verfügen, die gewisse Entwicklungen wahrscheinlicher machen als andere. Genau für diese Fragestellung, welche gesellschaftliche Entwicklung von welchen Ressourcen zehrt, ist Webers Forschung so wertvoll, was Joas in seiner Fixierung auf Handlungstheorie aber völlig entgeht.1

Was ist nun Joas’ Kritik an Max Weber? Diese besteht zum einen darin, dass Webers „Entzauberung‟ eigentlich drei Dinge meine, nämlich Entmagisierung, Entsakralisierung, und Enttranszendentalisierung; zum anderen stösst sie sich, wie eigangs erwähnt, an der vermeintlichen Annahme einer fortschreitenden Säkularisierung, wo doch manche Historiker die Epoche zwischen 1500 und 1650 sogar als „super-enchantment‟ bezeichnen, wie überhaupt Webers Einschätzung der Reformation nicht ganz den Fakten standhalte. Deswegen müsse ein veränderter theoretischer Rahmen her.

Es geht also auch hier wieder nicht so sehr um Details der Geschichte, an der Weber sehr interessiert war, weswegen er innerhalb der Soziologie eine Ausnahmestellung innehat (die er mit Émile Durkheim teilt, doch dazu später mehr), sondern um das grosse Ganze. Auch bemängelt Joas, dass Weber die Moderne als disruptives Geschehnis betrachtet habe, obwohl die Moderne schon in ihrer zeitlichen Eingrenzung nur schwer fassbar sei.

Nun wäre es die Aufgabe des Wissenschaftlers gewesen, dem eine brauchbare Definition entgegenzusetzen, solange es nur Gründe gibt, am Moderne-Begriff festzuhalten. Über die Begriffsbildung in den Geisteswissenschaften habe ich mich ebenfalls in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016: 40) geäussert. Joas aber kann mit dem Moderne-Begriff nichts anfangen, weil dieser sich nicht im Sinne einer Handlungstheorie operationalisieren lässt. Sein Interesse gilt hierbei den „vorreflexiven Gegebenheiten unserer alltäglich erfahrenen Welt‟, was ein spannendes Thema ist und doch sehr an Hans Blumenberg Blumenbergs Forschungen über den Mythos und die absolute Metapher erinnert, die Joas jedoch nicht kennt.

Stattdessen greift er mit Émile Durkheim auf den Begriff des „Heiligen‟ zurück, der, als „den Alltag überschreitende Erfahrungsqualität‟ verstanden, auch am Anfang säkularer Ideale stehen soll. Durkheim hat, ausgehend von der Annahme, dass sich das „Heilige‟ nur in kollektiven Praktiken herausbilden könne, eine eigene Theorie des Rituals formuliert hat. Hier steht die Entstehung neuer Werte und Normen im Mittelpunkt, ähnlich wie bei Ernst Troeltsch die Idealbildung. Beide Ansätze hält Joas für produktiver als den Weber’schen, der sich an der Ökonomie orientiert, womit er im Strom der Abneigung gegen das Denkmodell des homo oeconomicus schwimmt, der in den Geisteswissenschaften schon seit geraumer Zeit an Fahrt gewonnen hat.

Mit Durkheim und Troeltsch im Gepäck sucht Joas nunmehr Anschluss an die Achsenzeitforschung, die im Gegensatz zu Weber nicht länger nach der Entstehung eines „okzidentalen Rationalismus‟ fragt, sondern andere Formen des moralischen Universalismus, der Reflexivität oder des Transzendenzbezugs in aussereuropäischen Kulturen sucht. Damit ist eine Kritik an Weber und seiner „Entzauberung‟ vorformuliert, die Joas nur noch aufzugreifen braucht und die er in die Formel von der „immerwährenden Tendenz zur kollektiven Selbstsakralisierung‟ fasst.

Joas aber kann mit dem Moderne-Begriff nichts anfangen, weil dieser sich nicht im Sinne einer Handlungstheorie operationalisieren lässt.

Diese Formel freilich ist problematisch, schliesst sie doch einen möglichen Fortschritt in der Geschichte – gleich unter welchem Aspekt – a priori aus, denn wo immerwährende Tendenzen im Spiel sind, lassen sich gesellschaftliche Unterschiede in Zeit und Raum gar nicht mehr beleuchten. Aber darum geht es auch gar nicht, denn jetzt ist die Katze aus dem Sack: Es geht um den Kampf gegen einen vermeintlichen Eurozentrismus in der Soziologie, oder, wie Joas es nennt, gegen ein „okzidentalozentrischen Weltbild‟ und den „Fetisch‟ einer homogenen Moderne. Da passt auch der unterschwellige Antiökonomismus bestens ins Bild, sind es doch nicht zuletzt die ökonomischen Bedingungen, die den Okzident zumindest zeitweilig von anderen Regionen der Erde heraushoben.

Joas Kritik an Weber zielt daher ins Leere, denn Weber wollte verstehen, warum die abendländische Welt eine so ganz andere Entwicklung genommen hat als z.B. die islamische, wozu er die unterschiedlichsten kulturellen Ressourcen ins Blickfeld rückte und eben kein starres Schema annahm. Schon Ernst Cassirer hat gegen die Weber-Kritiker seiner Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass es gar nicht Webers Absicht war, den Calvinismus als alleinige Ursache des Kapitalismus zu identifizieren, sondern dass er in beider struktureller Ähnlichkeit das theoretische Rüstzeug gefunden hat, mit dem er gerade den „Kausal-Monismus‟ der materialistischen Geschichtsphilosophie zu überwinden vermochte.2

Joas’ eigenes Interesse an der soziologischen Theorie krankt genau daran: Sie ist kaum in der Sozialgeschichte geerdet, die sie doch eigentlich erklären soll, und daher gar nicht imstande, Unterschiede in der gesellschaftlichen Entwicklung der Kulturen zu erklären. Wie wenig Ahnung Joas von der Wissenschaftsgeschichte hat, beweist er am Ende seines Buches, wonach sich leicht zeigen liesse, dass die Biologie von Menschenbildern beeinflusst sei, die dem Wandel der Zeit unterliegen, weswegen „grundlegende Bestimmungen des Menschenbildes keineswegs einfach den Vertretern des Faches überantwortet werden‟ können. Dass die moderne Biologie ihren Anfang im 19. Jahrhundert nimmt und die neuzeitlichen Naturwissenschaften nicht mit dem zu verwechseln ist, was im Mittelalter unter dem Begriff verstanden wurde, scheint Joas nicht klar zu sein. Überhaupt nimmt er die Befunde der Wissenschaftsgeschichte, die viel zum Verständnis der Entzauberung beigetragen haben, nicht zur Kenntnis.

Nun will Joas, der jahrelang das nach Max Weber benannte Forschungszentrum in Erfurt geleitet hat, Weber aber nicht nur demontieren, sondern ihn zugleich retten. So hat Weber in seiner sog. „Zwischenbetrachtung: Theorie der Stufen und Richtungen religiöser Weltablehnung‟ Konflikte als Probleme der Individuen und Kollektive sowie als Balanceakte der Institutionen beschrieben, „ohne einen übergeschichtlichen Richtungspfeil in Richtung Entzauberung oder fortschreitende Differenzierung‟ zu unterstellen, wie Joas formuliert, der glaubt, eine Alternative zur Geschichte der Entzauberung lasse sich mit Weber zusätzlich rechtfertigen. Dass in Wirklichkeit damit nur eine der Grundannahmen von Joas hinfällig wird, derzufolge Weber eine historische Notwendigkeit der Säkularisierung angenommen habe, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

Die Frage, wie das Abendland wurde was es ist und warum z.B. die islamische Welt bis heute nicht zu Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand gefunden hat, lässt sich mit Webers Modell – bei allen Mängeln, die es haben mag – erklären, mit dem von Joas hingegen nicht. Allein, weil Joas hierzulande mit akademischen Ehrungen überhäuft wird und mittlerweile als public intellectual gilt, haben wir uns hier so ausführlich mit seinem Buch beschäftigt, das den vorläufigen Tiefpunkt der Soziologie markiert.

Joas, der nach eigenen Angaben sein Leben lang politisch immer links gewesen ist,3 hat sich hier folgerichtig dem Postkolonialismus (das Wort kommt bei Joas nicht vor) verschrieben, der aktuell mächtigsten „linken‟ Denkschule, die an den geisteswissenschaftlichen Instituten westlicher Universitäten andere Denkschulen weitgehend verdrängt habend einem Kulturrelativismus huldigt, der im Kampf gegen einen vermeintlichen Eurozentrismus oder „Okzidentalozentrismus‟ den Fortschritt aus der Geschichte gestrichen hat.

Hans Joas, Die Macht des Heiligen: Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung. Berlin 2017. 527 Seiten, Euro 35,00.

(Abb. Schaufensterauslage in Paris 2010. Foto: Michael Kreutz)

  1. Seine eigene Theorie von der “Kreativität des Handelns”, die im wesentlichen besagt, dass Intentionen, Motive, Werte nicht reine Bestandteile der Innenwelt sind, sondern sich von der Aussenwelt gar nicht trennen lassen, entspricht übrigens im Kern derjenigen von Norbert Elias, die Joas aber nicht zu kennen scheint. Im Literaturverzeichnis seines aktuellen Buches jedenfalls findet sich von Elias nur ein Aufsatz von 1983. An anderer Stelle heisst es bei Elias: „Fragt man sich, wie und warum sich der Aufbau des Menschengeflechts und der Aufbau des Individuums zugleich in bestimmter Weise wandeln (…), verliert sich die Vision einer unaufhebbaren Mauer zwischen dem einen Menschen und allen anderen, zwischen einer Innen- und Außenwelt, und an ihre Stelle tritt die Vision einer beständigen und unaufhebbaren Verflechtung von Einzelwesen (…).‟ Norbert Elias, Die Gesellschaft der Individuen, hrsg. von Michael Schröter, Frankfurt/ Main 1991, S. 53-4).
  2. Ernst Cassirer, Nachgelassene Manuskripte und Texte, hrsg. von Klaus Christian Köhnke, John Michael Krois und Oswald Schwemmer, Band 3: Geschichte. Mythos. Mit Beilagen: Biologie, Ethik, Form, Kategorienlehre, Kunst, Organologie, Sinn, Sprache, Zeit, hrsg. von Klaus Christian Köhnke, Herbert Kopp-Oberstebrink und Rüdiger Kramme, Hamburg 2002, S. 71-2.
  3. “Den Dialog befreien/ BZ-INTERVIEW: Der Soziologe Hans Joas über Wissenschaft und Glauben”, Samstag, 2. Juni 2012. http://www.badische-zeitung.de/freiburg/den-dialog-befreien—60169410.htm.