michael kreutz

Wissenschaftler & Publizist

Schlagwort: Religion

Religionssoziologie auf Abwegen

Max Weber wollte verstehen, warum unterschiedliche Zivilisationen unterschiedliche Entwicklungspfade eingeschlagen haben und warum das, was wir „Moderne‟ nennen, eine Erfindung des Abendlandes ist. Einer der zentralen Begriffe in diesem Zusammenhang ist der der „Entzauberung‟, den der Soziologe Hans Joas in seinem Buch Die Macht des Heiligen einer gründlichen Kritik unterzieht. Darin will Joas einerseits den Weberschen Ansatz überwinden, Weber andererseits neu deuten.

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Eine verschmitzte Endnote

Jan Assmann, Heidelberger Ägyptologe und in der zweiten Phase seines publizistischen Schaffens  Kulturwissenschaftler, ist u.a. für seine These von der (wie er sie nennt) “Mosaischen Unterscheidung” bekanntgeworden, die freilich viel Kritik auf sich gezogen hat und über die ich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (S. 60) schrieb:

… derzufolge die „Mosaische Unterscheidung‟ zwischen wahrer und falscher Religion einen eigenen Typ von Wahrheit begründet. Mag Guy Stroumsa dieser These auch Plausibilität zubilligen, so bleibt der Vorwurf bestehen, dass sie den Monotheismus insgesamt in Misskredit bringt. Assmann weist diesen Vorwurf zurück, da er in der genannten Unterscheidung eine Errungenschaft und keinen Rückschrittt sieht. Überdies bedeute eine solche Unterscheidung für das Judentum ohnehin nicht mehr als eine „Selbstausgrenzung‟ (Assmann) gegenüber seiner Umwelt, was an sich noch keine Gewalt zeitige.

Assmann geht in der Verteidigung seiner These schliesslich so weit zu behaupten, dass die „Mosaische Unterscheidung‟ Toleranz überhaupt erst möglich gemacht habe, insofern als diese nur gegenüber etwas gewährt werden könne, was der eigenen Auffassung widerspricht. Der antike Polytheismus hingegen habe keine Toleranz praktizieren können, weil die eigenen Götter gar nicht im Konflikt mit anderen Göttern gestanden haben. Das ist ein wenig um die Ecke gedacht, denn genausogut könnte man im Mangel an Konflikt einen Ausdruck von Toleranz sehen. Im Grunde aber befindet sich Assmann hier in guter Gesellschaft mit John Selden (1584-1654), der lange zuvor die Ansicht vertrat, dass nach rabbinischer Auffassung für Nichtjuden gar keine Veranlassung besteht, das mosaische Gesetz zu befolgen, folglich Gewalt um der Bekehrung willen keinen Anreiz im Judentum findet.

Ich bin jetzt erst dazu gekommen, Assmann Buch Exodus zu lesen, das ein Jahr zuvor erschienen ist. Dort schreibt Assmann ganz richtig, dass besagte These schon älter ist und führt sie auf David Hume (1711-1776) zurück, was uns hier aber nicht weiter interessieren soll.

Die Pointe liegt in Assmanns verschmitzter Endnote. Dort schreibt er mit Bezug auf die “Mosaische Unterscheidung”:

“Seltsamerweise wird sie in unserer geschichtsvergessenen Gegenwart als die umstrittene These eines Heidelberger Ägyptologen diskutiert.”

Herzig.

Weltbeziehungen

Religionen befassen sich nicht nur mit transzendenten Dingen, mit Ethik und Ritualen, sondern bringen in diesen Dingen wie auch darüberhinaus ein jeweils spezifisches Verhältnis zur Welt voraus, die ihrerseits dem Wandel der Zeit unterliegt.

Damit werden die Religionen relevant für die Politik und in diesem Spannungsfeld zwischen Religion und Politik entsteht das, was wir die Moderne nennen. Dieser Prozess ist kein stetig forschreitender, sondern unterliegt Rückschlägen sowie gegenseitigen Beeinflussungen und Irritationen. Das ist Thema meines Buches Zwischen Religion und Politik, wie es in der Beschreibung heisst:

Die Moderne zeichnet sich ab, als der Himmel aufhört, Projektionsfläche menschlicher Heilserwartung zu sein und sich die kulturelle Wahrnehmung auf das „kosmisch Unerhebliche‟ (Hans Blumenberg) verschiebt. […] Politisch findet die Moderne ihren Ausdruck im liberalen Konstitutionalismus und steht in einem ambivalenten Verhältnis zu den Religionen, die selbst ein spezifisches Verhältnis zur Welt entwickelt haben.

Vor diesem Hintergrund erscheint es erfreulich, dass dieser Tage die Universitäten Erfurt und Graz ein Graduiertenkolleg zum Thema “Weltbeziehungen” initiiert haben, die sich genau diesem Thema widmet:

Die Beschaffenheit von Weltbeziehungen sagt viel über die jeweilige Kultur aus, die diese prägen. Sie kann uns einerseits Aufschluss geben über unser kulturelles Erbe wie auch andererseits uns über unsere eigenen Praktiken zur Schaffung resonanter – also antwortender – Beziehungen zur Welt aufklären.

Das klingt vielversprechend. Unverkennbar spielt hier der Einfluss des Soziologen Hartmut Rosa hinein, Leiter des Erfurter Max-Weber-Kollegs, und so wird man gespannt sein, ob das Konzept der Resonanz auf diesem Gebiet eine fruchtbare Wirkung zu entfalten vermag.

 

Trennlinie

Der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez von der Universität Erfurt widmet sich in seinem Buch „Freiheit, Gleichheit und Intoleranz“ (2013) u.a der Frage, wo die Trennlinie zwischen der berechtigen Kritik am Islam und der sog. Islamophobie verläuft:

„Die Antwort lautet, dass man ebenso wenig wie man das Judentum für die Handlungen Israels verantwortlich machen kann, den Islam als Erklärung für die Aktivitäten von Terroristen usw. heranziehen sollte.“ (S. 217)

Womit er die Existenz eines völkerrechtlichen anerkannten Staates und Terroranschläge von Islamisten für vergleichbare Phänomene erklärt.

Die Debatte um die Moderne hat noch nicht begonnen

Seit mindestens achthundert Jahren, seit Averroes nämlich, versuchen islamische Intellektuelle, das traditionelle Denken ihrer Zeit für neue Gedanken zu öffnen. Noch jedesmal sind sie gescheitert und daran sind sie selbst nicht ganz unschuldig. Denn die Autorität der Religion über alles, was die Gesellschaft betrifft, haben sie so gut wie nie hinterfragt. Averroes wollte Philosophie und Logik aus dem Koran heraus legitimieren, am Ende geriet er unter erheblichen Rechtfertigungsdruck durch die Almohaden-Herrscher.

Was damals galt, gilt auch heute noch: Solange sich die Gesellschaften nicht aus der Umklammerung durch die Religion lösen, ist Moderne nicht möglich. Der kanadische Politologe Charles Taylor hat einmal von der “Religion als Option” gesprochen: Im Westen kann man religiös sein und religiös argumentieren – oder aben auch nicht. Davon ist die Islamische Welt noch meilenweit entfernt, zumindest was das politische Denken angeht. Hier findet jegliche intellektuelle Auseinandersetzung um die Moderne im Medium der Religion statt, an der vorbei zu argumentieren nicht gewagt wird.

Wie also begründet der Demokrat seine Überzeugung? Mit dem Islam, habe doch der Prophet schon die Grundlagen der Demokratie gelegt. Wie begründet der Säkularist seine Überzeugung? Mit dem Islam, denn schon der Prophet habe sich für eine Trennung von Religion und Staat ausgesprochen. Wie begründet die Feministin ihre Überzeugung? Mit dem Islam, habe doch der Prophet als erster den Status der Frau verbessert, usw. usf. Selbst Nicht-Muslime argumentieren mit dem Islam.

Als die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi einmal im Gespräch mit einem Lebensmittelhändler über die Rolle der Frau in der Politik von diesem zu hören bekam, dass einem Ausspruch des Propheten zufolge “niemals ein Volk zu Wohlstand gelangen wird, das seine Geschäfte einer Frau anvertraut” – da reagierte sie wie? Etwa, indem sie ihrem Gesprächspartner deutlich machte, sich von der Religion nichts vorschreiben zu lassen? Nein, sie gab sich geschlagen und musste die Echtheit des Ausspruches erst einmal überprüfen – um dann mit besseren, wiederum islamisch untermauerten Argumenten die Arena der Diskussion erneut zu betreten!

Die andauernde Argumentation mit dem Islam, der immer nur aufs Neue interpretiert wird, stärkt immer nur dessen absoluten Wahrheitsanspruch. Ohne, dass es etwas nützte. Denn jeder, der den Islam abseits traditioneller Gewohnheiten zu interpretieren versucht, wird vom Establishment verketzert, sodass der einzige Ausweg des Reformdenkers, seine Position zu halten, darin besteht, die Konformität seiner Gedanken mit der Tradition zu betonen. Der Münsteraner Theologe Mouhanad Khorchide ist nur der jüngste in einer Kette von Fällen. Am Ende ist nichts als ein Scheinsieg errungen, die Vormachtstellung der Religion robuster denn je.

Auch in Deutschland war nach dem Krieg der Pluralismus noch längst nicht in den Köpfen verankert. Der deutsch-jüdische Politologe Ernst Fraenkel, der vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, versuchte ab den 50er Jahren, dem Bewusstsein der Deutschen durch Publizität und Lehre eine neue Richtung zu geben. Es war die Zeit der Reeducation, als solche Nachhilfe in Sachen Demokratie, die mehr ist als regelmässig abgehaltene Wahlen und etwas anderes als ein vermeintlicher Gemeinwille, den es nur umzusetzen gelte, dringend geboten war.

Wesentlich für eine funktionierende westliche Demokratie, so Fraenkel, ist die Existenz von Interessengruppen und die Akzeptanz eines Naturrechts. In den angelsächsischen Ländern war es die grosse Leistung Lockes, die Vorstellung von einem naturrechtlich begründeten Gesellschaftsvertrag legitimiert zu haben. Dem stand in Deutschland lange eine weitverbreitete Ablehnung, gar “Aversion” (E. Fraenkel) gegenüber, fürchtete man doch, durch Einzel- und Gruppeninteressen werde das Gemeinwesen zerfasern und letztlich zerfallen, anstatt zu begreifen, dass die Wertfundamente des Gemeinwesens für sich genommen tragfähig genug sein können, wenn eine genügend grosser Teil der Bevölkerung sie nur verinnerlicht hat.

Diesen Schritt hat die arabisch-islamische Welt bislang noch vor sich. Hier gilt es anzusetzen. Anstatt dem der Moderne gegenüber sich widerspenstig verhaltenden Islam mit einer dauernden Abfolge von Reformansätzen beikommen zu wollen, die die Vereinbarkeit von Islam und Moderne betonen, ohne wirklich mit Tabus zu brechen, müsste es vielmehr eine Debatte über die naturrechtliche Begründung eines pluralen Gemeinwesens geben, in dem die Religion eine Option bleibt, aber eben nicht mehr. Diese Debatte hat noch nicht einmal begonnen.

Feminisierung abgewendet

Wie “Middle East Online” meldet, lässt der Golfstaat Qatar männliche Schulklassen nicht länger von einer weiblichen Lehrerschaft unterrichten. Koedukativen Unterricht gibt es ohnehin nicht, aber jetzt sollen Jungen nur noch Unterricht von männlichen Lehrern bekommen.

Die Begründung: Der Unterricht durch weibliche Lehrer könne dazu führen, dass die Jungen feminine Verhaltensweisen übernehmen. Diese Auffassung wird nicht etwa durch Studien untermauert, sondern durch einen Verweis auf die Scharia. Qatarische Oppositionelle verurteilten dies als einen gesellschaftlichen Schritt zurück.

Alles nur Übungssache!

Wenn es so etwas wie Religion nicht gibt, wie Peter Sloterdijk meint, sondern nur Übung, “Anthropotechnik”, was müsste dann vorhanden sein, um sagen zu können, es gebe Religion? „Die effektivste Weise, zu zeigen, daß es Religion nicht gibt, besteht darin, selbst eine in die Welt zu setzen.“ Das ist witzig formuliert, sagt aber nichts aus.

Sloterdijks These ist letztlich nicht falsifizierbar, weil sie nirgendwo konkret wird, wenn es um eine schlüssige Definition von Religion geht. Wie denn auch, so der logische Zirkelschluss, es ist doch alles nur Übung, „Komplexe von innen und äußeren Handlungen, symbolische Übungssysteme und Protokolle zur Regelung des Verkehrs mit höheren Stressoren und ‚transzendenten‘ Mächten – mit einem Wort Anthropotechnik im impliziten Modus.“ Und was nicht vorhanden ist, kann auch nicht definiert werden.

Das wirft eine weitere Frage auf: Kann man sich eine Welt vorstellen, die ohne Übung, also ohne geregelte Abläufe auskommt, die einen erheblichen Teil unseres Lebens strukturieren? Wohl kaum. Die Moderne ist eben keine “Hyperscholastik”, weil in der Vormoderne das Leben des einzelnen sehr viel stärker geregelten Abläufen, Übungen also, unterworfen gewesen sein dürfte, als es heute der Fall ist.

Weil Spiridion Louys, Sieger des Marathonlaufs der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 das Wort Training bis dahin kaum gehört haben dürfte, wertet Sloterdijk dies als Beleg für seine These, „daß sich der größte Teil allen Übungsverhaltens in der Form von nicht-deklarierten Thesen vollzieht.“ Diese auf einer blossen Vermutung ruhende Schlussfolgerung aber ist fragwürdig: Das Wort Training mag unser Marathonläufer nicht gekannt haben, aber möglicherweise das entsprechende neugriechische Wort (προπόνηση).

Wo Empirie und Logik ins Hintertreffen geraten, wird der Weg frei für eine konservative Kulturkritik, so, wenn es heisst, dass der Beseelung der Maschine “strikt proportional” die “Entseelung des Menschen” entspreche. In Maschinen etwas anderes zu sehen als Maschinen, scheint vielen Kulturkritikern nicht möglich zu sein. Hier schlägt die Leugnung der Existenz von Religionen selbst in ein metaphysisches Weltbild um, wozu auch die Halluzination gehört, dass sich die Völker im „Weltvolk des Internets“ aufhöben, um sich in „Medienfitness” zu üben.

Doch das muss nicht bleiben, denn: „Die einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung in der aktuellen Welt ist die diffus allgegenwärtig gewachsene Einsicht, daß es so nicht weitergehen kann.“ Eine andere Welt ist machbar. Ihr müsst nur fleissig üben.

Peter Sloterdijk: “Du mußt Dein Leben ändern”: Über Anthropotechnik. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009.

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