Gibt es eine Kontinuität des Antisemitismus bis auf die Antike? Oder muss der Judenhass in seiner modernen Form ganz grundsätzlich vom vormodernen Antijudaismus unterschieden werden? Ein Arbeitspapier des Philosophen Sven Ellmers will dem nachgehen.
Der vormoderne Judenhass, könnte man argumentieren, bezieht sich auf die Juden als Minderheit, die sich von der Mehrheit unterscheidet und sie deswegen ablehnt. Der moderne Antisemitismus sieht Juden hingegen als «kosmisches Übel» (Bernard Lewis) und Feind der Menschheit.
Das sind unterschiedliche Konzepte, aber in der Tat muss man fragen, ob der vormoderne Judenhass wirklich so ganz anders war als der moderne Antisemitismus und Juden nur wegen ihres Andersseins hasste. Denn auch Ellmers, wie so viele Antisemitismusforscher, kennt die Gnosis-Theorie nicht.
Die Gnosis-Theorie besagt, dass der Antisemitismus das Judentum vor allem als Projektionsfläche für eine Hinwendung zur Welt sieht und zwar mitsamt den Konsequenzen, die sich daraus ergeben (Kulturoptimismus, Fortschrittsidee, Individualismus, Globalisierung, politische Mässigung).
Ich habe das ausführlich in meinem Buch ZWISCHEN RELIGION UND POLITIK (2016) dargelegt und die relevante Forschung zu diesem Thema zusammengefasst. Tatsächlich lässt sich belegen, dass zentrale Elemente der antiken Gnosis bis in die Gegenwart einschliesslich dem Nationalsozialismus fortleben:
Der Gnostiker fühlt sich von der Welt entfremdet und steigert sich in einen Rausch aus Grössenwahn und Rachedurst, um sich mit dem Göttlichen, seinem Ursprung, zu vereinigen, und jenes zugleich von dem Makel zu erlösen, eine verdorbene Welt hervorgebracht zu haben. Getrieben von Rache und Grössenwahn will der Gnostiker die Welt durch das Feuer reinigen.

Der Theologe Karlmann Beyschlag hat die Gnosis wegen der Selbstvergöttlichung ihrer Subjekte ganz treffend eine „irreligiöse Religion‟ genannt. Zum gnostischen Modell gehören nach Umberto Eco ausserdem die Syndrome des Mysteriösen und des Komplotts, wie sie z.B. in den „Protokollen der Weisen von Zion‟ manifest werden.
Der im alten Ägypten in Gestalt eines Wasserdrachens auftretende Dämon Apophis (so die griechische Bezeichnung des äg. Apep), der die Feinde Pharaos und damit das kosmische Böse repräsentierte, dürfte hier Pate gestanden haben, denn ebenfalls in ägyptischen Quellen sind es die Juden, die mit den aus Palästina eingewanderten leprakranken Hyksos identifiziert werden.
Anschuldigungen gegen Juden, rituelle Morde zu begehen, lassen sich bereits im Ägypten des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts nachweisen. Das Narrativ von den „gottlosen Asiaten‟ und dem „religiösen Feind‟, der Hyksos, die im 16. Jahrhundert v. Chr. aus Ägypten vertrieben worden waren, wurde von der hellenistischen Geschichtsschreibung aufgenommen und weitergeführt.
Im hellenistischen Kontext hat auch die Gnosis ihren Ursprung, und zwar in der Philosophie Plotins, wie Hans Jonas vermutet, und damit in einer Umdeutung der Platon’schen Philosophie im Sinen einer Entfremdung alles Irdischen von seinem göttlichen Ursprung. Eine ideologische Konstante bildete dabei das Motiv des Aussatzes.
Es wirken daher mind. vier Mythenkomplexe ineinander: 1. Der Seth(/Re)-Apophis-Komplex, 2. die Drachentöter-Legende um den Erzengel Michael und den Hl. Georg, 3. die Ahasver-Legende (und ähnliche Mythen wie die von Sisyphos oder vom Fliegenden Holländer), und 4. Brunnenvergifter-Erzählungen, die zum Teil durch das Lepra/ Pest-Motiv zusammengehalten werden.
Hinter eine Diskussion über diese Theorie sollte ein Papier über die Ursprünge des Antisemitismus also nicht zurückfallen, doch leider ist dies auch in dem Arbeitspapier «Kulturelle Konstante oder Bruch Judenfeindschaft vor und in der Moderne» einmal mehr der Fall.
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