Autor, Wissenschaftler, Fachjournalist

Schlagwort: Antisemitismus

Mitteilungen aus dem Denklabor (2) – Antisemitismus als Problem der Ideengeschichte

Vor einiger Zeit hatte ich das Buch “Globaler Antisemitismus” des Sozialwissenschaftlers Samuel Salzborn auf meinem Schreibtisch liegen und doch eine Menge darin gefunden, das die Lektüre zu einer angenehmen machte. Salzborn argumentiert recht unideologisch. Zwar steht er der Frankfurter Schule nahe, aber er vermeidet es, die Verbrechen der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft der bürgerlichen Gesellschaft ans Bein zu binden.

Mit Hannah Arendt und Franz L. Neumann weist er darauf hin, dass völkische Vorstellungen auf die Herstellung einer homogenen Ordnung und gegen die bürgerlichen Nationalstaaten gerichtet waren, und attestiert dem (linken) Antiimperialismus und ihren Vordenkern Lenin und Mao, ein „völkisches Weltbild‟ zu haben und „im Kern ein antiemanzipatorisches Projekt‟ zu sein, das „objektiv mehr Gemeinsamkeiten mit rechten Weltbildern aufweist‟. Teile der postkolonialen Bewegung sind daher, wie Salzborn zutreffend festhält, zu Anhängern einer ethnopluralistischen Ideologie degeneriert, die sich darin mit der extremen Rechten trifft. (Soviel zum Thema Hufeisen-Theorie.)

Zuzustimmen ist Salzborn in seinem Urteil, dass Nationalismus nicht den Kern des Nationalsozialismus ausmacht, war dieser doch nicht national, sondern völkisch ausgerichtet, „so dass der antiimperialistische Antinationalismus letztlich dem Grundanliegen des nationalsozialistischen Antinationalismus entsprach: die modernen, liberalen Institutionen des Nationalstaates gering zu achten ihr die vormoderne Phantasie von Ethnien oder Völkern entgegenzustellen.‟ Zutreffend ist auch seine Feststellung, dass das moderne Prinzip der Staatsgrenze nicht nur ausgrenzende, sondern „im demokratischen Staat zu allererst eine emanzipative, integrative und freiheitliche Funktion‟ hat.

Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung eines Wissenschaftlers, der von ganz links kommt und sich heute klar und deutlich im bürgerlichen Lager positioniert. Ich will hier nicht im einzelnen auf das Buch eingehen, das soll hier keine Rezension werden, auch kleinere Mängel liessen sich nennen. Einen Kritikpunkt aber will ich erwähnen, weil er mir schon in anderen Publikationen des Autors aufgefallen ist.

Denn mag Salzborn auch im bürgerlichen Lager angekommen sein, so bedient er sich doch, wie oben angesprochen, für die Deutung des Antisemitismus immer noch aus dem Arsenal der Frankfurter Schule, obwohl seine eigenen Erkenntnis mit einer ganz anderen Theorie kompatibel wäre, die er aber nicht zu kennen scheint.

Die Frage ist doch: Warum gerade die Juden? Warum suchen sich Verschwörungstheoretiker nicht eine andere Gruppe als Objekt ihres Wahns? Man kann alle möglichen soziologischen oder psychologischen Theorien bemühen, aber die Frage: Warum gerade die Juden?, können sie nicht beantworten. Man kann die Frage überhaupt nur schwer beantworten, will man dem Antisemitismus nicht auf den Leim gehen, indem man sich seine Prämissen zu eigen macht.

Die Antwort liefert Eric Voegelin, der im Antisemitismus das gnostische Element herausisoliert hat, womit er überzeugend erklären kann, warum gerade die Juden zum Objekt so zählebiger Verschwörungstheorien werden konnten. Voegelin, von Hause aus Politikwissenschaftler, wird bis heute zuvörderst mit dem Schlagwort von den “politischen Religionen” in Verbindung gebracht und das tut auch Salzborn in seinem älteren Buch “Kampf der Ideen”. Es ist der Voegelin-Rezeption bis heute weitgehend entgangen, dass jener sich in einer späteren Phase seiner wissenschaftlichen Tätigkeit vom Deutungsmuster der “politischen Religionen” verabschiedet hat, um sich der Erforschung der Gnosis in der Geschichte zu widmen.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, so schreibt Voegelin, sei Ideenhistorikern immer klar gewesen, dass es ein gnostisches Kontinuum von der Antike bis in die Gegenwart gibt, woraus sich die Frage ergibt, warum dieser Forschungsstrang Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen ist. Voegelin erklärt dies mit dem Siegeszug der Natur- und Ingenieur- und mathematischen Wissenschaften während der Industriellen Revolution, der die Geisteswissenschaften dazu gebracht habe, sich methodisch diesen Wissenschaften anzunähern. Fortan kam es zu einem Aufstieg der empirischen Sozialforschung auf Kosten ideengeschichtlicher Forschung, was Voegelin für einen Irrweg hält.

Was also hat es mit der Gnosis auf sich? Die Gnosis, die antike Ursprünge hat, geht von einer Verschlechterung alles Irdischen aus, bedingt durch eine Entfremdung vom Göttlichen. Die Welt gilt dem Gnostiker als Ort des Verfalls und Rettung allein bringt ihm die reinigende Apokalypse, die alles Bestehende vernichtet, um seine Zukunftsvision Wirklichkeit werden zu lassen. Umberto Eco hat das Lebensgefühl des Gnostikers, dieses Hineingeworfen-Sein in eine ihm fremde Welt, trefflich beschrieben (Eco, “Die Grenzen der Interpretation”, S. 68-70).

Der Gnostiker will, sich als göttlichen Funken begreifend, zum Ursprung des Seins zurückkehren und die Welt von ihrem Grundübel befreien, das sich leicht mit dem Judentum identifizieren lässt. Schon die Hermetiker des Altertums kultivierten eine Art inneren Kampf zwischen Gut und Böse (s. Rüpke, “Pantheon”, S. 377). Das hat eine ganze Kette von Implikationen, wozu nicht zuletzt der Glaube an Verschwörungen gehört.

Hans Blumenberg hat einmal gesagt, die Gnosis habe “immer eine ganze Geschichte aus dem Keim der Metapher herausgezogen, ein ganzes System von Weiterungen und Erweiterungen, von Antworten auf Rückfragen und Nachfragen.“ (Blumenberg, “Theorie der Unbegrifflichkeit”, S. 80). Das wiederum hat der bereits erwähnte Umberto Eco literarisch in seinem Roman “Das Foucaultsche Pendel” zum Ausdruck gebracht, in dem er zeigte, wie jedes Geheimnis, gnostisch-hermetisch gedeutet, immer nur zu neuen Geheimnissen, Analogien und Querverweisen führt – eine Wahnwelt.

Um noch einmal auf Voegelin zurückzukommen: Dieser hatte die moderne Form der Gnosis vor allem in der Philosophie Hegels ausgemacht und definierte den Gnostiker als Fürsprecher eines Seins, das aus der Zukunft kommt. (“Wissenschaft, Politik und Gnosis”, S. 54, 57). Charakteristisch für die Neognostiker seiner Zeit sei ihre Neigung, Traum und Wirklichkeit zu vermischen. Anstatt in der Welt der Wirklichkeit zu handeln, griffen sie zu “magischen Operationen in der Traumwelt” (Voegelin, “Die neue Wissenschaft der Politik”, S. 234).

Wie sehr der Nationalsozialismus von der Gnosis durchdrungen war, hat der Philosoph und Religionshistoriker Harald Strohm (“Die Gnosis und der Nationalsozialismus”) gezeigt. Auch das Herrenmenschendenken ist gnostischen Ursprungs: „Die Gnosis ist nicht wie das Christentum eine Religion für die Sklaven, sondern eine Religion für die Herren”, schreibt Eco („Das Irrationale gestern und heute“, S. 20). Ich selbst habe mich dazu bzw. zum Verhältnis von Antisemitismus und Gnosis ausführlich in meinem Buch “Zwischen Religion und Politik” geäussert.

Salzborn scheint aber die gesamte Forschung zum Thema Antisemitismus und Gnosis unbekannt zu sein; jedenfalls glaube ich nicht, dass er sie nur deshalb nirgends erwähnt, weil er nichts von ihr hält. Das wäre, erstens, kein Grund, und zweitens schon deshalb nicht plausibel, weil er selbst von antisemitischen “Verschwörungsphantasien” einer vermeintlich “regredierten Welt” (S. 201) schreibt und damit eigentlich auf der richtigen Spur ist. Diese Leerstelle in seiner Publizistik ist jedenfalls recht irritierend.

So, damit ist dieser Beitrag viel länger geworden als geplant, wo ich hier doch nur einige Fundstücke und Gedanken zum Besten geben wollte! Vielleicht wird er ja dennoch goutiert.

Woher der muslimische Antisemitismus kommt

Na, das kann ja was werden, dachte ich. Diskursanalyse nach Siegried Jäger? Das ist eine von diesen neomarxistischen Theorien, die an den Universitäten schon genug Unheil angerichtet haben. Jäger glaubt, dass wir, weil die der Wirklichkeit keine Wahrheiten entnehmen können, sondern sie immer nur auf der Grundlage unseres eigenen Wissens deuten, Wissenschaft „immer schon politisch‟ sei. Kein guter Start.

Dennoch ist die Abschlussdokumentation des Projekts „Extreme Out‟ eine respektable Leistung geworden. Erkennt man meist schon an der Literaturliste, wo die Verfasser politisch stehen, so ist dies hier nicht der Fall. Vielmehr greifen die Autoren ganz unterschiedliche Standpunkte auf und vermeiden die Nähe zu einem bestimmten politischen Lager.

Warum in den Medien der Mythos umhergeht, die Autoren würden den muslimischen Antisemitismus als direkte Folge der Diskriminierungserfahrungen von Muslimen deuten, bleibt mir ein Rätsel. Selbst die renommierte „Jüdische Allgemeine‟ verbreitet diesen Unsinn. Tatsächlich heisst es in der Dokumentation:

“Viele Jugendliche rechtfertigen ihre antisemitischen und menschenfeindlichen Einstellungen dadurch, das sie durch die zunehmende Islamfeindlichkeit selbst abgewertet und diskriminiert werden.”

“Extrme Out”, S. 151

Hier wird also eine Einstellung unter muslimischen Jugendlichen wiedergegeben und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Autoren der Dokumentation sie sich zu eigen machen. Vielmehr schreiben sie von Sündenbockfunktion und Opferneid, die hier zum Ausdruck kommen. Das ist plausibel und meilenweit davon entfernt, den Antisemitismus unter Muslimen als alleinige Folge von Ausgrenzungserfahrungen zu deuten.

Das heisst nicht, dass man an der Dokumentation nicht einiges kritisieren könnte. Die Autoren gehen zwar der Frage nach, welchen Judenbild Koran und Sunna haben, verpassen es jedoch, auch die Prophetenvita (Sira) unter die Lupe zu nehmen. Massgeblich zu nennen ist hier die Forschung von Maghen (2006), der gezeigt hat, dass das Judentum dort wie auch in anderen klassischen muslimischen Texten als Anti-Religion par excellence dargestellt wird.

Maghen, das sei an dieser Stelle betont, zeichnet dabei keineswegs ein düsteres Bild vom Islam, sondern macht deutlich, dass das Judentum vor allem als Kontrastfolie für einen Islam herangezogen wurde, der den Anspruch hatte, in Hinblick auf die religiösen Vorschriften des Gläubigen weniger streng zu sein. Das Judentum der Sira und anderer frühen Texte ist also nicht mit dem realen Judentum zu verwechseln. Irgendeine Art von eliminatorischem Judenhass findet sich dort nicht.

Dieser ist ein später Import aus Europa, da haben die Autoren der Dokumentation recht. Allerdings ist die Benutzung des Judentums als Kontrastfolie für den Islam auch nicht unbedingt geeignet, ein unvoreingenommenes Bild von den Juden der damaligen Zeit zu entwickeln. Auch wenn es in der islamischen Welt keine solche Diskrimierungen und Übergriffe gegen Juden gegeben hat wie in Europa, so haben die Autoren der Dokumentation fraglos recht, wenn sie (wenngleich lediglich auf Koran und Sunna gemünzt) konstatieren, dass „sich für antisemitische Diskursstränge Anknüpfungsmöglichkeiten‟ bieten.

Der Aufsatz von Reinkowski (2011), in dem der Autor den Ursprüngen moderner antisemitischer Verschwörungstheorien iim Osmanischen Reich nachgeht, wie auch der Frage, warum derlei noch heute so populär ist, blieb allerdings in der Dokumentation unberücksichtigt. Einiges davon kann man auch im Kapitel “Die grosse Verschwörung” (Kreutz 2013) nachlesen: Vor allem im griechischsprachen Teil des Osmanischen Reiches waren Juden Schikanen ausgesetzt gewesen und mussten Übergriffe durch ihre christlichen Nachbarn fürchten.

An anderer Stelle zitieren die Autoren Bernard Lewis, wonach die islamischen Geschichte immer wieder “Perioden strikter, militanter Orthodoxie” erlebt habe. Lewis steht mit dieser These nicht alleine da, aber es gibt jemanden, der sie noch besser begründet hat, nämlich Ira M. Lapidus (1992), einer der besten Kenner der muslimischen Sozialgeschichte. Dass der Koran vielfach die Neigung aufweist, „die Welt eher hinzunehmen und zu modifizieren als sie radikal herauszufordern und zu verwandeln“ (Lapidus) steht im engen Zusammenhang mit dem Auftreten solcher, von Lewis beschriebenen Perioden. Lapidus selbst hat die islamistischen Bewegungen der Gegenwart als Teil eines grossen Kontinuums gesehen und nicht als etwas, das erst im frühen 20. Jahrhundert seinen Anfang genommen hat.

Das gilt auch für manche Aspekte des muslimischen Verhältnisses den Juden gegenüber. Das erste bekannte Edikt, das Juden verpflichtete, gelbe Kleidung zu tragen, wurde immerhin schon 849 verkündet (Goitein 1974, Schimmel 1995). Schon früh kam auch das Gerücht auf, die Schia sei die Gründung eines Juden namens ʿAbdallāh b. Sabaʾ. Wir finden diese Behauptung z.B. bei Ibn Taymiyya (14. Jhd.), für den die Schia überhaupt nur eine Mischung aus Judentum, Christentum und ġulūw (Übertreibung, vgl. Q 4:71, 5:77) ist – letzteres ein Begriff, der auch synonym für die Schia insgesamt benutzt wird (Friedman 2010). Die Juden als Spalter lässt sich als Motiv also schon lange vor irgendeinem europäischen Einfluss nachweisen.

Ironischerweise nehmen die Juden, ebenfalls negativ konnotiert, einen festen Bestandteil in der schiitischen Eschatologie ein. Nicht nur ist das Erscheinen des Mahdī, des „Rechtgeleiteten‟ und Wiederherstellers der Religion vor dem Jüngsten Gericht, an den Kampf um Jerusalem geknüpft. (Ourghi 2008) Auch der Daǧǧāl, der apokalyptische Gegenspieler des Mahdī, wird meist als einäugiger Jude von groteskem Aussehen beschrieben. (McCants 2015) Das erinnert schon sehr an modernen europäischen Antisemitismus.

Natürlich liesse sich noch weitere Literatur nennen und klar ist auch, dass soviel Fachliteratur zur islamischen Geschichte, zum Thema Islam und Minderheiten sowie Islam und Extremismus existiert, dass ein einzelner sie schon längst nicht mehr überschauen kann. Dennoch hätte hier etwas gründlicher recherchiert werden können. Ankreiden kann man auch, das Koranzitat vom nicht vorhandenen Zwang in der Religion aus dem Zusammenhang gerissen zu haben.

Letztlich aber man muss die Autoren dennoch dafür loben, dass sie sich um eine ideologiefreie Herangehensweise an ein politisch stark aufgeladenes Thema bemüht haben.


Literatur

Yaron Friedman. 2010. The Nuṣayrī-ʿAlawīs: An Introduction to the Religion, History and Identity of the Leading Minority in Syria. Leiden und Boston.

Shlomo D. Goitein. 1974. Jews and Arabs: Their Contacts Through the Ages. New York.

Michael Kreutz. 2013. Das Ende des levantinischen Zeitalters: Europa und die Östliche Mittelmeerwelt, 1821-1939. Hamburg.

Ira M. Lapidus. 1992. „Islamisches Sektierertum und das Rekonstruktions- und Umgestaltungspotential der islamischen Kultur“, in: Kulturen der Achsenzeit, Bd. II: Ihre institutionelle und kulturelle Dynamik, Teil 3: Buddhismus, Islam, Altägypten, westliche Kultur, hrsg. von Shmuel N. Eisenstadt. Frankfurt/Main, 161-88.

Ze’ev Maghen. 2006. After Hardship Cometh Ease: The Jews as Backdrop for Muslim Moderation. Berlin und New York.

William McCants. 2015. The ISIS Apocalypse: The History, Strategy, and Doomsday Vision of the Islamic State. New York.

Mariella Ourghi. 2008. Schiitischer Messianismus und Mahdī-Glaube in der Neuzeit. Würzburg.

Maurus Reinkowski. 2011. „Zionismus, Palästina und Osmanisches Reich: Eine Fallstudie zu Verschwörungstheorien im Nahen Osten‟, in: Judaism, Christianity and Islam in the Course of History: Exchange and Conflicts, hrsg. von Lothar Gall und Dietmar Willoweit. München, S. 93-104.

Annemarie Schimmel. 1995. Die Zeichen Gottes: Die religiöse Welt des Islams. München.

Journal of Contemporary Antisemitism

Eine Kleinigkeit muss ich heute noch loswerden. Es geht um das Journal of Contemporary Antisemitism. Eine feine Sache, dieses Journal, dessen Gegenstand von ungebrochener Aktualität ist und gerade deshalb auch der akademischen Aufmerksamkeit bedarf.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn mag auch der Antisemitismus in unzähligen Büchern und Artikeln thematisiert worden sein, so liegt der gegenwärtige Antisemitismus doch eher ausserhalb des akademischen Fokus. Denn der gegenwärtige Antisemitismus ist nicht zuletzt der israelbezogene und für den sind mitunter sogar Antisemitismusforscher blind.

Daher ist es kein Wunder, dass das Journal das weltweit erste seiner Art ist. (Etwa einen Monat später sollte mit den Antisemitism Studies erst das zweite Journal mit diesem Schwerpunkt erscheinen.) Ich hatte die Ehre, von Anfang an als Associate Editor dabei zu sein. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn obwohl ich mich seit fast zwanzig Jahren mit dem Thema Antisemitismus befasse und auch dazu publiziert habe, gehöre ich auf diesem Gebiet nicht zu den profiliertesten Forschern. Aber es ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit und so habe ich die Berufung dankbar angenommen.

Dank eines sehr engagierten Chefherausgebers, Clemens Heni, der für das Journal und dessen Forschungsgegenstand wirklich brannte, lief die Arbeit von Anfang an hervorragend. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir im April 2016 in einer Kneipe in Kreuzberg zusammensassen und eine erste Liste mit potentiellen Beiratsmitgliedern erstellten. Clemens war voller Eifer bei der Sache und sein Enthusiasmus ansteckend.

Die Erstellung der ersten beiden Nummern, sofern das der ernsten Thematik angemessen ist, hat denn auch einen Heidenspass gemacht. Der Kreis der Associate Editors hatte sich mittlerweile von vier auf zwei verringert, aber das tat der Arbeit keinen Abbruch. Dann jedoch, bevor die zweite Nummer erschien, wurde dem Chefherausgeber gekündigt.

Ein Schock. Aus heiterem Himmel gekündigt. Warum? Das ist die Frage, die mich bis heute umtreibt. Der Verlag nannte einen formalen Grund, aber niemand von den Editors und keiner aus dem Beirat konnte diesen Grund auch nur im Ansatz nachvollziehen. Der Eindruck liess sich nicht abschütteln, dass es sich um einen Vorwand handelte.

Was aber sollte der wahre Grund sein? Weder die Expertise noch die geleistete Arbeit des Chefherausgebers wurden in irgendeiner Weise in Abrede gestellt. Aufhorchen aber liess, dass gleich nach der Kündigung zwei Forscher zu neuen Herausgebern ernannt wurden, die anfänglich noch dem Kreis der Associate Editors angehört hatten.

Ein Putsch von oben, eine feindliche Übernahme zweier Ex-Verbündeter? Ich weiss es nicht, aber die ganze Angelegenheit sieht danach aus. So haben es auch die anderen Herausgeber und der Beirat gesehen und daher sind wir geschlossen zurückgetreten. Allemal unwürdig, darin sind wir uns einig, ist die überhastete Art und Weise, mit der sich der Verlag von dem Chefherausgeber eines seiner Journale getrennt hat.

Das war es also. Eine Sache, die mit so viel Herzblut begann, hat nach kurzer Zeit ein unrühmliches Ende genommen. Wie lange das Journal of Contemporary Antisemitism noch weitergeführt wird, steht in den Sternen, denn die neuen Herausgeber müssen erst einmal Mitglieder für den Beirat finden, mit dem sie zusammenarbeiten wollen.

Das macht es nicht leichter, Abonnenten zu gewinnen, deren Zahl sich bislang auf drei Institute begrenzt. Dies ist zwar nicht ungewöhnlich für eine neugegründete Fachzeitschrift, zumal die Konkurrenz auch nicht sehr viel weiter ist. Aber das Journal hat es jetzt schwer.

Sollte ich den neuen Herausgebern alles Gute wünschen? Solange die Umstände dieses Personalwechsels unklar bleiben, halte ich mich zurück. Ich bin raus – und das ist auch gut so.

Der WDR hat sein eigenes kleines Antisemitismusproblem

Als vor einigen Jahren der amerikanisch-israelische Theatermann Tuvia Tenenbom für sein Buch über Antisemitismus in Deutschland recherchierte, gab es noch die sog. “Kölner Klagemauer”, eine antiisraelische Ausstellung unter freiem Himmel, verantwortet von einem Mann namens Walter Herrmann.

Die Blamage des WDR

Es gibt so einiges, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft, das nicht den allerhöchsten Standards entspricht und selbst ernste Themen werden zuweilen flapsig abgehandelt, man denke hier nur an die Reportage “Europas Muslime”: Gespräche hier und dort, hauptsächlich in Deutschland und Frankreich, dazu ein paar Expertenmeinungen und etwas Hintergrundwissen, fertig!

Brunnen oder Wasser?

Anlässlich der WDR-Diskussion über eine folgenschwere Dokumentation: Hat der palästinensische Präsident Abbas davon gesprochen, israelische Rabbiner riefen zur Vergiftung palästinensischer “Brunnen” auf oder hat er von palästinensischem “Wasser” gesprochen?

Der Faktencheck ergibt: Abbas hat tatsächlich von “Wasser” gesprochen, so wird er jedenfalls von arabischen Medien zitiert, z.B. hier, wo auch vermeldet wird, dass Abbas sich für seine Äusserung entschuldigt haben soll.

Für die Dokumentation ist das dennoch nicht relevant, denn es geht nicht um Abbas, sondern um EU-Parlamentarier, die eine Rede beklatschen, in der ein uraltes antisemitisches Klischee bedient wird.

Bitte um Hinrichtung

In den Klassen der Mu’taziliten, einem Werk aus dem 9. Jahrhundert, heisst es über Ibn ar-Rāwandī, dass er, nachdem er die Führerschaft über die Schia angestrebt, jedoch nicht erlangte hatte, vom Islam abfiel und Atheist wurde:

وكان يضع هذه الكتب للالحاد وصنّف لليهود والنصارى والثنوية واهل التعطيل، قيل وصنّف الامامة الرافضة واخذ منهم ثلاثين ديناراً، ولما ظهر منه ما ظهر قامت المعتزلة في امره واستعانوا بالسلطان على قتله فهرب ولجأ الى يهودي في الكوفة، فقيل مات في بيته.[note]Aḥmad Ibn Yaḥyā Ibn al-Murtaḍā, Die Klassen der Mu’taziliten, hrsg. von Susanna Diwald-Wilzer, Wiesbaden 1961, § 8: 92.[/note]

Die Mu’tazila, Verfechter der rationalen Schule, wandten sich danach an die Obrigkeit mit der Bitte, ihn hinzurichten, doch konnte er fliehen und fand Asyl bei einem Juden in Kufa, in dessen Haus er schliesslich starb.

Zweierlei fällt hieran auf:
1.) Dass die als so fortschrittlich gerühmte Mu’tazila einen Dissidenten denunziert haben soll, um ihn hinrichten zu lassen.

2.) Dass als Asylgeber einfach “ein Jude” benannt wird. Damit entsteht beim Leser der Eindruck, dass, wer dem Islam Schaden zufügt, quasi eine natürliche Nähe zum Judentum hat.


 

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