Von Immanuel Kant stammt der Satz „Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohigkeit heraus, wenn man nur nicht absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten.“ Haben wir die Rohigkeit überwunden? Der Fussballer Mesut Özil, der wegen seiner türkischen Herkunft oft angefeindet wird, würde das wohl verneinen. In der Tat sind rassistische Beleidigungen nicht akzeptabel und sollten von jedem, unabhängig davon, wie er zu Özil steht, verurteilt werden. Dabei ist es nur ein schwacher Trost, dass jeder, der im Licht der Öffentlichkeit steht, mit Anfeindungen und Schmähungen aller Art rechnen muss.

In seiner aktuellen Stellungnahme anlässlich der öffentlichen Debatte um seine Person, seine Rolle in der Fussballnationalmannschaft und sein Besuch beim türkischen Präsidenten Erdogan geht Özil aber noch einen Schritt weiter. Es reicht ihm nicht, die Proleten und Schwachköpfe anzuprangern, die ihn auf rassistische Weise beleidigen – nein, ganz Deutschland soll ein Rassismus-Problem haben.

Hier wird es richtig absurd: Özil, der bei jeder Gelegenheit seine türkische Identität zur Schau trägt, beklagt sich, in der Öffentlichkeit immer als “Deutschtürke”, nie als nur Deutscher, wahrgenommen zu werden, und vergleicht sich mit seinen Teamkollegen Miroslav Klose und Lukas Podolski, die immer als Deutsche, nie als Deutschpolen apostrophiert würden.

Nun, im Gegensatz zu Özil singen Klose und Podolski die deutsche Nationalhymne mit (naja, zumindest bewegen sie die Lippen ein wenig) und fahren auch nicht nach Polen, um sich mit grossem Bohei beim polnischen Präsidenten Andrzej Duda im Blitzlichtgewitter einer Weltöffentlichkeit zu zeigen. Klose und Podolski werden zu recht anders wahrgenommen als ein Mesut Özil, dessen Auftreten gar keinen anderen Schluss zulässt, er sei ein Teil der türkischen Community in Deutschland.

Daran ist nichts verwerflich und natürlich muss niemand die Nationalhymne singen. Aber warum ist es Özil so wichtig, dennoch als Deutscher, und zwar nur als Deutscher, wahrgenommen zu werden? Eben deshalb, weil hier ganz Deutschland an den Pranger gestellt werden soll. Weil vermittelt werden soll, dass nicht nur ein rassistischer Bodensatz, sondern die Gesellschaft insgesamt ihn wegen seiner Herkunft nicht akzeptiert.

Schon sind wir mitten in einer neuen #metwo[sic!]-Debatte, in der Deutsche mit Migrationshintergrund über ihre rassistischen Erfahrungen in diesem Land berichten. Dabei belegen die ganzen Vorkommnisse, die da in die Öffentlichkeit gestreut werden, das genaue Gegenteil: In Deutschland ist Rassismus alles andere als populär oder akzeptiert, wenn erwachsene Menschen nur von wenigen Fällen berichten können, die ihnen in den vergangenen zwanzig, dreissig oder vierzig Jahren passiert sind.

Man müsste sich Sorgen um Deutschland machen, wenn Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder und wieder mit rassistischen Beleidigungen konfrontiert würden, aber wenn jemand, der vierzig Jahre als ist, hier das deutsche Bildungssystem durchlaufen, einen Beruf ergriffen und eine Familie gegründet hat, auf die Frage: “Welche Erfahrungen hast du mit dem Rassismus gemacht?”, nur von zwei oder drei unangenehmen Begegnungen zu berichten weiss, obwohl er im Laufe seines Lebens mit hunderten oder tausenden Menschen zu tun hatte, dann belegt dies eben nicht die These von einem gewaltigen Rassismusproblem, das Deutschland haben soll.

Hinzu kommt, dass in manchen Branchen ein Migrationshintergrund ein Karrierevorteil sein kann. Es gibt also auch so etwas wie eine positive Diskriminierung und wer sich mit Migrationshintergrund in beruflich privilegierter Position befindet, sollte sich Fragen, ob eine mögliche positive Diskriminierung nicht eine mögliche negative überwiegt. Eine Naika Foroutan jedenfalls, die es trotz mittelmässiger wissenschaftlicher Leistungen auf eine Professur, zur Leiterin eines Forschungsinstitutes und Zugang zu den Medien gebracht hat, sollte Deutschland vielleicht etwas dankbarer sein, anstatt solchen Unsinn daherzureden, wir befänden uns auf dem Weg in den Präfaschismus.

Als in der vor elf Jahren erschienenen Studie “Muslime in Deutschland” des BMI Muslime gefragt wurden, wie oft sie im Vorjahr “als Ausländer von anderen Menschen absichtlich beleidigt, beschimpft oder angepöbelt” worden seien, antwortete die Hälfte der Befragten mit “Nie”. Natürlich gibt es auch andere, die angaben, allein in einem einzigen Jahr mehrmals angepöbelt und diskriminiert worden zu sein, aber insgesamt war dies eine Minderheit. Die Studie resümierte damals: “Stuft man die Formen solcher individueller Diskriminierungserfahrungen nach Schweregraden, dann ist die überwiegende Mehrzahl nicht von massiveren Formen der individuellen Diskriminierung und Viktimisierung betroffen.”

Wie sieht nun der Rassismus unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund aus? Eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung  von 2016 hat ergeben, dass der der Anteil rassistisch eingestellter Personen auf der zusammenfassenden Skalenebene bei knapp 9 %. Das scheint nicht allzu viel zu sein, jedenfalls keine Gefahr für die liberale Demokratie. Man muss sagen, Deutschland ist ein ziemlich weltoffenes und ziemlich tolerantes Land.

Aber Moment mal, war da nicht was? Erleben wir derzeit nicht einen Aufstieg des rassistischen Rechtspopulismus in Gestalt von Pegida, AfD & Co? Sicher, aber hier deutet sich kein Umbruch an. Der Rechtspopulismus mag derzeit im Aufwind sein, aber grundsätzlich hat es ihn in der Bundesrepublik immer schon gegeben und auch im Bundestag sitzen seine Vertreter nicht erst seit dem Einzug der AfD. Vorher waren sie ganz einfach Mitglieder von CDU, CSU und FPD. Man denke an Leute wie Martin Hohmann oder Heinrich Lummer.

Vor zwanzig Jahren, im April 1998, hat die DVU bei Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt sogar 12,9% geholt. Dazu muss man wissen, dass die Partei radikaler war als es die AfD heute ist. Vor allem ihr Vorsitzender Gerhard Frey hatte scharfe Attacken gegen Israel geritten, während die AfD, glaubhaft oder nicht, ein eher israelfreundliches Auftreten pflegt. Dennoch begegnet einem heutzutage in den Medien dauernd das Verb “verschieben”: Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen würden zunehmend verschoben, Rassismus akzeptabel.

Belegen lässt sich das nicht. Rassismus gibt es zwar – manchmal wird er stärker, dann wieder schwächer –, aber rassistische Äusserungen in der Öffentlichkeit führen regelmässig und ausnahmslos zu Entrüstungsstürmen, die immer damit enden, dass der Urheber der rassistischen Äusserung zurückrudert, sich erklärt und entschuldigt oder, um sein Gesicht zu wahren, behauptet, falsch verstanden worden zu sein. Die Tatsache, dass es Rassismus gibt, heisst eben nicht, dass er deswegen auch schon gesellschaftsfähig sei.

Laut einer Umfrage beklagen zwei Drittel der Deutschen einen Rechtsruck ihrer Landes, was auf den ersten Blick zu bestätigen scheint, dass dieses Land ein Problem hat – auf den zweiten Blick aber nicht. Denn diejenigen, die einen Rechtsruck und eine Verrohung der politischen Debatte beklagen, werden sich selbst auf der politischen Skala wohl weiter links positionieren. Wenn als zwei Drittel der Deutschen einen Rechtsruck beklagen, wovon geht dieser dann aus? Dass eine Minderheit von einem Drittel der Bevölkerung einen Rechtsruck der ganzen Gesellschaft bewirkt, ist kaum vorstellbar.

Was nun die Diskriminierung im Berufsleben angeht, so sollte man sich auch hier vor Scheinevidenzen hüten. Gerade Leute, die es beruflich geschafft haben, messen sich am liebsten mit Leuten, denen es vermeintlich besser geht als ihnen selbst. Haben die Betreffenden einen Migrationshintergrund, so erläutert der Sozialwissenschaftler Aladin El-Mafaalani, könne womöglich folgendes passieren: “Wer Erfolge in Bildung und Beruf erlebt, hat höhere Ansprüche an Teilhabe und Zugehörigkeit in der Gesellschaft. […] Da sich Erwartungen deutlich schneller verändern können als die gesellschaftlichen Verhältnisse, ist es durchaus wahrscheinlich, dass die wahrgenommene Diskriminierung steigt, während die messbare Diskriminierung rückläufig ist.”

Die Bloggerin Tuba Sarica bestätigt im Interview mit der “Süddeutschen” aus eigener Erfahrung, dass Rassismus und die Wahrnehmung von Rassismus häufig auseinanderklaffen. Dass Rassismus in Deutschland ein flächendeckendes Phänomen sei, bestreitet Frau Sarica. Wer in der Parallelgesellschaft aufwächst und die Opferrolle verinnerlicht hat, wird sich stärker einem Rassismus der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt fühlen, als Menschen, die aus ihrer Opferrolle herausgetreten sind. Gerade in der türkischen Parallelgesellschaft pflegt pflegt man vielfach eine Distanz gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und sehen sich aufgeklärte Muslime häufig einem Konformitätsdruck durch ebenjene Parallelgesellschaft ausgesetzt.

In der Tat sollte klar sein, dass in vergleichsweise individualistischen Gesellschaften wie der deutschen Rassismus tendentiell niedrig ist. Während nämlich das Kollektiv einen Hang zur Paranoia hat und sich rasch bedroht sieht, beurteilt das Individuum andere Menschen eher danach, inwieweit sie in das eigene Umfeld passen und potentielle Verbündete sind. Die Wurzeln des westlichen Individualismus sind vielfältig; man hat diesen wahlweise auf die Hebräische Bibel, die Stoa, den Hellenismus oder den aufsteigenden Kapitalismus im Oberitalien des 14. Jahrhunderts zurückgeführt – seinen Durchbruch erhielt er aber in jedem Falle mit der Aufklärung.

Für die schottische Aufklärung war Fanatismus der Feind individueller Freiheit und die grösste Bedrohung für eine freie Gesellschaft. In England hatten die Religionskriege des 17. Jahrhunderts eine Entwicklung der Gesellschaft hin zum Individualismus (der übrigens weder mit Egoismus noch mit Wurzellosigkeit zu verwechseln ist) zunächst verhindert, was sich erst im folgenden Jahrhundert unter dem Einfluss von Locke ändern sollte. Kulturell schlägt sich dieser Wandel im Aufstieg literarischer Formen wie dem Liebesbrief und dem Roman nieder.

Deutschland hatte anfangs dieser Entwicklung hinterhergehinkt, indem es mit dem in der Romantik einsetzenden Geniekult einem verzerrten Individualismus frönte, der letztlich in einen mystisch durchwirkten Kollektivismus mündete. Bis Deutschland den Anschluss  an die westliche Entwicklung fand, sollte noch viel Zeit vergehen. Heute können wir uns gar nicht mehr vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in die Beurteilung anderer Menschen durch das Prisma seiner ethnischen Zugehörigkeit absolut gängig war, wovon die steirische Völkertabelle aus dem frühen 18. Jahrhundert Zeugnis ablegt.

Was in der ganzen aktuellen Rassismus-Debatte jedoch wieder einmal aus dem Blickfeld gerät, ist die Tatsache, dass unter allen Diskriminierungsformen der Antisemitismus das grössere Problem ist, weil dieser eben kein gewöhnlicher Rassismus ist, sondern, eingebettet in Verschwörungstheorien, Juden meist als Chiffre für alles herangezogen, was an der modernen Welt bedrohlich scheint. Indem sie “innerweltliches Handeln in Konzepten des Judentums deuteten” (D. Nirenberg), haben dieselben Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die für religiöse Toleranz eintraten, gegenüber den Juden häufig versagt.