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Islam

Der Durst nach Rache auf dem Weg zur Tränke

Westliche Verteidiger der islamischen Scharia betonen gerne die Flexibilität der islamischen Vorschriften und den sich daraus ergebenden vermeintlichen Spielraum. Leider stellt sich der Spielraum dann jedesmal als geringer heraus als gedacht (s. hier), weswegen es dann wieder Essig ist mit der erhofften Versöhnung von Scharia und Moderne.

Doch grausame Leibesstrafen wie beispielsweise die, dass Dieben die Hand abgehackt werden soll, und das auch noch öffentlich, sind beileibe nicht das einzige Problem:

Strafe muss nach islamischer Auffassung streng und exemplarisch sein, denn: „Das Leben kann nicht sicher sein, wenn die gewohnheitsmäßigen Verbrecher unbearbeitet sich selbst überlassen werden. Es ist besser streng zu einem zu sein, als unnötigerweise nachsichtig und dadurch viele zu zerstören und das Leben von Millionen anderer einer Gefahr auszusetzen“. (…)

Unabhängig davon, wie man die Frage beantworten mag, ob diese Art der Abschreckung zielführend ist oder nicht, bleibt nachzuprüfen, welches denn nun die entsetzlichen Verbrechen sind, vor den abgeschreckt werden soll. Ganz oben an stehen nämlich nicht etwa Mord und Diebstahl, die in allen Gesellschaften geahndet werden, sondern Blasphemie, Ehebruch und Homosexualität.

Historisch gesehen mochte die Scharia zwar einen Fortschritt mit sich gebracht haben, doch kann sie sich in Sachen Menschenwürde mit dem “konstitutionellen Liberalismus” (Fareed Zakaria) nicht messen. Denn die Scharia hatte die Sklavenhaltung humanisiert, sie aber ursprünglich nicht abgeschafft.

Ein auf gleichen Rechten ihrer Bürger basierendes System zu begründen ist sie wohl kaum flexibel genug.[1] Eine moderne Gesellschaft, deren Kennzeichen der Pluralismus ist, lässt sich auf der Scharia daher eben nicht aufbauen.

  1. Gotthard Strohmaier, Elitetheorien bei arabischen Philosophen, in: Arabische Sprache und Literatur im Wandel, hg. von Manfred Fleischhammer, Halle 1979, 221-7, wiederabgedruckt in: Von Demokrit bis Dante. Die Bewahrung antiken Erbes in der arabischen Kultur, Hildesheim et al. 1997, 323-9, hier 325. Zwar lobt der Koran die Freilassung von Sklaven als gutes Werk, doch abgeschafft wurde die Sklaverei erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf massiven europäischen Druck hin. Danach erst wurde sie als unislamisch gebrandmarkt. Ursprünglich war die Sklaverei nämlich, wie Bürgel schreibt, “[n]icht ein gesetzwidriger Zustand, sondern Teil der von Muhammad intendierten Sozialstruktur (…).” Dies bildet den Hintergrund dafür, dass es gerade Sklaven im islamischen Raum immer wieder gelungen war, in Machtpositionen aufzusteigen, s. Johann Christoph Bürgel, Allmacht und Mächtigkeit: Religion und Welt im Islam, München 1991, 92.
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