Der Kapitalismus, auch Marktwirtschaft oder soziale Marktwirtschaft genannt, ist ein beispielloses wirtschaftliches Erfolgsmodell und hat hunderte Millionen Menschen der Armut entrissen. Kritiker in der von jeder marktwirtschaftlichen Logik geschützten Raum der Universität vermag dies freilich nicht zu beeindrucken, und so werden noch immer Bücher geschrieben, die alternative Ordnungsvorstellungen propagieren.
Eigentlich gibt es nur eine solche Alternative und die heisst Sozialismus, aber nicht jeder ist so altmodisch wie ein anderer Soziologe, Axel Honneth, der den Begriff ganz unverblümt in den Titel seines Buches aufnimmt. Angesichts der schlechten Erfahrungen, die die Menschheit mit dem Sozialismus gemacht hat und noch immer macht, wie derzeit u.a. in Venezuela zu beobachten ist, gilt dieser Begriff eigentlich als verstrahlt.
Überhaupt ist es einfacher, den Kapitalismus zu kritisieren, ohne sich allzu grosse Gedanken darüber zu machen, wie denn eine postkapitalistische Ordnung aussehen soll, die mindestens so wohlhabend, demokratisch, pluralistisch, rechtsstaatlich und politisch stabil ist wie die gegenwärtigen liberal-demokratischen und marktwirtschaftlichen Systeme, die dem sozialistisch Experiment weitgehend den Rang abgelaufen haben.
Der Erfurter Soziologe Hartmut Rosa spricht das in seinem Buch Resonanz (2016) daher lieber von „Postwachstumsgesellschaft“, die etwas revolutionär neues sein muss, denn die Forderungen, wie sie die politische Linke typischerweise erhebt und die sich in Parolen niederschlagen wie Mehr Bildung für die Migrantinnen! Wahlrecht für 16-Jährige! oder Mehr vegane Gerichte in der Mensa! folgen, so Rosa, bloss derselben verhängnisvollen „Steigerungslogik“, die für die moderne, kapitalistische Gesellschaft kennzeichnend sei.
Diese Steigerungslogik sei Ausdruck eines Zwangs, dem der Kapitalismus unterliege, um sich selbst kulturell und strukturell zu reproduzieren, wodurch die moderne, kapitalistische Gesellschaft sich beschleunige und immer weiter dynamisiere, was schlecht sei, denn: „Die Welt, in die wir uns gestellt finden, ist nicht einfach nur dynamisch, sondern sie befördert uns in jedem Moment gleichsam abwärts, so dass wir (immer schneller) nach oben laufen müssen, um unseren relativen Platz zu halten.“
Die damit einhergehende Welthaltung sei darauf ausgerichtet, „Welt als Kapital im Konkurrenzkampf verfügbar und einsatzfähig zu machen“, wobei die Verhältnisse sich aus der Angst speisen, abgehängt zu werden und somit die Ressourcen zur Weltaneignung zu verlieren. Rosa predigt die Resonanz und damit für Angstfreiheit als Gegenmodell zum kapitalistischen Wettbewerb, der Verlierer erzeugt und damit Angst, ständige Unruhe und Unsicherheit.
Solche Sorgen hat Rosa nicht, der im geschützten Raum der Universität seinen Platz auch dann noch behält, wenn er schwindelerregende Thesen in Buchform verbreitet. Dessen ungeachtet sieht Rosa die zentrale Herausforderung der Moderne in der „Überwindung der Steigerungslogik“ und in der „Veränderung der Weltbeziehung“, womit er nichts weniger als einen „kulturellen Paradigmenwechsel“ anstossen will.
Ein Bewusstseinswandel nämlich reiche doch längst nicht aus, denn, und hier lässt Rosa endlich die Katze aus dem Sacke, „ohne grundlegende institutionelle Reformen“ sei eine Überwindung der Steigerungslogik nicht denkbar. Damit sind wir bei der Ökonomie, dieser „kapitalistischen Verwertungsmaschinerie“, die gezähmt, mehr noch: ersetzt werden müsse, und zwar durch „wirtschaftsdemokratische Institutionen.“ Wirtschaftsdemokratisch heisst: Der Raum für Markt und Konkurrenz soll, ganz wie Rosa es für notwendig hält, radikal beschränkt werden.
Mehr Staat soll also her. Vor allem die zentrale Infrastruktur soll der kapitalistischen Verwertungslogik entzogen werden, also Verkehrs- und Energieversorgungsbetriebe, Banken, Gesundheitsweisen und noch einiges mehr. Rosas Programm entspricht ziemlich genau dem der Linkspartei, die ganz ähnlich einen „wirklichen Bruch mit dem Kapitalismus“ fordert und die Banken unter „demokratische Kontrolle“ stellen will.
Damit jetzt aber niemand denkt, hier träume sich einer ein autoritäres und veraltetes Wirtschaftsmodell zurecht, verwahrt sich Rosa vorsorglich gegen den möglichen Vorwurf, sein Modell sei nur für „gesättigte Wohlstandsgesellschaften“ attraktiv, wie er auch die „Wiedereinführung paternalistischer oder autoritärer, freiheitsbeschränkender Elemente in Politik und Kultur“ ablehne. Rosas Postwachstumsgesellschaft müsse sich als „liberal, demokratisch und pluralistisch“ verstehen.
Dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Wie eine Verstaatlichung selbst der Banken nicht autoritär und paternalistisch genannt werden kann, bleibt freilich Rosas Geheimnis. Dass eine gute Ressourcenausstattung keine Garantie für ein gelingendes Leben sei, hat der grosse österreichische Ökonom Ludwig von Mises bereits 1927 als Pseudo-Argument enttarnt:
„Es ist wahr, alles Streben und Jagen nach Erhöhung des Wohlstandes macht die Menschen nicht glücklicher. Doch es ist des Menschen Natur, immerfort nach Verbesserung seiner materiellen Lage zu streben. Wird ihm die Befriedigung dieses Strebens verwehrt, so wird er stumpf und vertiert. (…) Wenn man den Leuten sagt, ihre Väter hätten es viel besser gehabt, dann antworten sie, sie wüßten nicht, warum sie es nicht noch besser haben sollten.‟
Der Paradigmenwechsel, den Rosa anstrebt, ist nur der unter vielen Intellektuellen grassierende ganz normale antihumanistische Irrsinn, der sich ein
