Der Nahost-Reisende Jürgen Todenhöfer, der sich gern als oberster Feindbildbekämpfer Deutschlands inszeniert, war in Syrien unterwegs. In seinem Bericht für die FAZ, in welchem das Personalpronomen der 1. Person Singular wieder eine tragende Rolle spielt, erklärt er seinen Lesern, warum der Westen – der! Westen – wieder einmal von allem keine Ahnung hat.
Denn er hat mit Assad persönlich gesprochen und offenbar einen positiven Eindruck gewonnen. So weiss er, dass die Mehrheit der Syrer immer noch an ihren Diktator glaubt und lediglich das System ablehnt. Noch ist es also nicht zu spät für Assad.
Dass die syrische Regierung von einem Clansystem beherrscht wird und wie auch in anderen arabischen Ländern die Vetternwirtschaft in Syrien systemisch bedingt ist, hat Assad seinem deutschen Gesprächspartner wohlweislich verschwiegen.
Dafür hat Todenhöfer erfahren, dass auf den Strassen von Damaskus, Homas und Hama “Guerrillakommandos” unterwegs sind, die den demokratischen Protestlern die “Revolution” (welche Revolution?) gestohlen haben. Westliche Aussenpolitiker jedoch weigern sich, “durch kluge Verhandlungen” die Probleme zu entschärfen.
Deswegen muss Assad weiter Gurerrillakämpfer töten, wenn er Gelegenheit bekommen will, der Empfehlung des Problemlösers aus Deutschland Folge zu leisten, “sich relativ kurzfristig freien Präsidentschaftswahlen” zu stellen. Denn in Damaskus “stehen die Türen für derartige Gespräche sperrangelweit offen”, ist Todenhöfer überzeugt.
Eine Ausnhame gibt es nur für die syrischen Oppositionellen im In- und Ausland: Mit denen müsse Assad “einen fairen Dialog” beginnen, sich selbst “vom jetzigen System trennen”. So offen sind die Türen in Damaskus dann doch nicht. Aber der Schwarze Peter liegt gleichwohl in den Händen des Westens.
Denn es ist der Westen, der «nach Jahrhunderten des Kolonialismus und Postkolonialismus endlich zum Freund und Partner der arabischen Welt werden” soll. Nach dem Postkolonialismus, der also offenbar genauso verdammenswert ist wie der Kolonialismus, bricht nun also ein neues Zeitalter an: das des Dialogs und der Diktatorenverharmlosung.
