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Rezension

Die Legitimität der Islamkritik

Die Debatte um Integration und die Rolle des Islam wird in Deutschland seit nunmehr mindestens zwanzig Jahren geführt. Schon früh wurden Stimmen laut, die den Mangel an Wohlstand und Entwicklung der meisten islamischen Länder direkt mit der Religion verknüpften. «Feindbild Islamkritik» heisst ein jüngst vom Osnabrücker Soziologen Hartmut Krauss herausgebener Sammelband, der vor allem ein Plädoyer für eine empirisch abgesicherte und frei von pauschaler Verdächtigung gegen die Anhänger des Islam gerichtete Islamkritik sein will.

Den Anfang machte wohl das Buch Die unerbittlichen Erlöser: Vom Kampf des Islam gegen die moderne Welt von Jean Claude Barreau, das in deutscher Übersetzung 1992 erschien. Der Band erregte damals erhebliches Aufsehen, ist aber heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Antwort kam im Jahr darauf mit dem Sammelband Feindbild Islam, das im (mittlerweile neu aufgelegt) linken konkret-Verlag erschien und das im Titel genannte Feindbild in einen historischen Zusammenhang mit den Kreuzzügen stellte.

Seitdem liefern sich Anhänger und Gegner einer historisch-soziologischen Islamkritik einen erbitterten publizistischen Schlagabtausch, der mit Patrick Bahners’ Buch Die Panikmacher noch längst nicht beendet sein wird. Denn die Frage, wo berechtigte Islamkritik aufhört und wo sie in Ressentiment umschlägt, ist heute so unbeantwortet wie die Frage nach intelligentem Leben ausserhalb der Erde.

Der Tonfall jedenfalls hat an Schärfe jedenfalls nichts verloren, häufig und gerne wird die Gefahr eines Ausgrenzungsdiskurses beschworen, der gefährlicher und verhängnisvoller sein soll als alles, was die Islamkritik über den Gegenstand ihrer Untersuchung vermeintlich zu wissen glaubt.

In «Feindbild Islamkritik» verwahrt sich der Herausgeber gegen eine Kulturalisierung des Rassismusbegriffs (”antimuslimischer Rassismus”). Die Islamdebatte sieht er seit der Errichtung von politisch korrekten Tabuzonen in einer Sackgasse: “Lautstarke Netzwerke aus den Reihen der Migrationsindustrie” und des “Dialogkartells”, schreibt Krauss, treten als “Pauschalverleumder” der Kritiker des Islam auf.

Nun ist in Deutschland eine Kritik am Islam keinesfalls tabuisiert, wie hier suggeriert wird, was die zahlreichen islamkritischen Stimmen belegen, die in der öffentlichen Debatte immer zahlreicher werden.  Richtig ist allerdings, dass eine Debatte nur schwer in Gang kommt, weil Islamkritik allzu häufig unter den Verdacht einer kaschierten Fremdenfeindlichkeit gestellt wird.

Der These, dass es im Herrschaftsgebiet des Islam “keine durchsetzungsfähige Aufklärungsbewegung gegeben [hat], welche die absolute Geltungsmacht des orthodoxen Islam entscheidend einzuhegen und wirkungsvoll einzudämmen vermochte”, stimmt der Rezensent zu, andererseits scheint fraglich, ob man, wie Krauss, dem Islam deshalb gleich den religiösen Charakter absprechen kann, indem er ihn als “religiös artikulierte … vormoderne Ordnungsideologie” bezeichnet.

Und der unkritisch zitierten Äusserung eines Vertreters der ägyptischen Muslimbrüder, dass der Islam den Muslim beeinflusse, “ob er sich bewegt oder ruht”, kann man leicht entgegenhalten, dass dies eben die Meinung eines Fundamentalisten sei, die mit dem Islam nichts zu tun habe. So leicht darf es sich eine Islamkritik, die ernstgenommen will, nicht machen.

Insgesamt bewegen sich die einzelnen Beiträge, die zu einem erheblichen Teil keine Originalartikel sind, zwischen nüchterner Analyse (”multifaktorieller Problemkontext”, S. 221) und deftiger Polemik (”Das Haupthaar der islamisch verwalteten Frau wird zum Schamhaar”, S. 300). Ob die Kritische Theorie, die immer wieder durchscheint, dem Verständnis von Islam und Moderne dienlich ist, bleibt fraglich.

Ansonsten berufen sich die Autoren gerne auf die Aufklärung, als ob deren Vertreter über jegliche Kritik erhaben wären. So ist Voltaire (wie auf S. 107 zitiert) ein schlechter Gewährsmann für eine moderne Religionskritik, insofern als er das Judentum, das für Voltaire keinerlei Betrag zur europäischen Zivilisation geleistet hat, nicht nur verachtete, sondern auch keinen Unterschied zwischen diesem und dem einzelnen Juden machte. Eine Islamkritik, die sich daran orientierte, wäre das, was sie eigentlich nicht sein will, nämlich ein wissenschaftlich verbrämter Chauvinismus.

Doch gibt es genug, das einem zu denken geben sollte. Hartmut Krauss und Karin Vogelpohl weisen ihrem Beitrag über “Spätkapitalistische Gesellschaft und orthodoxer Islam” darauf hin, dass zuvor schon verschiedene Studien Belege für einen Zusammenhang zwischen wachsender religiöser Bindung und der Gewaltbereitschaft junger Muslime als auch ihre Ablehnung von Homosexualtiät gefunden haben. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier über Tendenzen innerhalb einer Gruppe, es werden keine Aussagen über den Einzelfall getroffen.

Eine andere Studie resümiert: “Besonders Kinder, deren Familien aus der Türkei kommen, sind zu einem hohen Anteil an den niedrigsten Schulstufen vertreten.” Ist das nun dem Islam geschuldet oder dem kulturellen Gepäck (südost-)anatolischer Einwanderer? Wie auch immer man sich hier positionieren mag, so ist der Zusammenhang von islamischer Religionszugehörigkeit und einer partitiell anzutreffenden Integrationsverweigerung eine These, die es zumindest verdient, diskutiert zu werden.

Wem das zu heikel erscheint, der sei daran erinnert, dass nicht minder provokante Thesen auch über das Christentum aufgestellt wurden, ohne dass die deutsche Öffentlichkeit darauf anders als mit grosser Gelassenheit reagiert. Als ein Beispiel lässt sich hier der verstorbene Philosoph Helmuth Plessner nennen, demzufolge der innerweltlich-rationale Staat – in Ländern wie Grossbritannien und Frankreich ein Produkt der Aufklärung – Deutschland “innerlich fremd geblieben” sei, weil, so Plessner, das Luthertum eine Aufklärungskultur in Deutschland verhindert habe.

Unabhängig von der Richtigkeit dieser behauptung, zöge heute eine ähnliche Aussage über den Islam reflexartige Ablehnung und Empörung auf sich. Oder gehen wir noch weiter in der Vergangenheit zurück und erinnern uns an Heinrich Heine, für den die Idee des Christentums “in der Vernichtung der Sinnlichkeit” bestand und der den Katholizismus spöttisch als “Konkordat zwischen Gott und dem Teufel, d.h. zwischen dem Geist und der Materie” charakterisierte. Für manchen Gläubigen mag das starker Tobak sein. Während jedoch von Islamophobie allerorten die Rede ist, haben es Begriffe wie Lutherophobie oder Christophobie nicht zu Schlagwörtern des politischen Diskurses gebracht.

Apropos: Wie steht es eigentlich um die so häufig beklagte Islamophobie in Deutschland? Dieser Frage widmet sich der Aufsatz von Felix Struening, der anhand von Daten aus dem Forschungsprojekt zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) ein Bild zu zeichnen versucht, wie die Deutschen wirklich zum Islam stehen. Dass den Islam abzulehnen nicht automatisch bedeutet, Muslime als Menschen abzulehnen, zeigt sich u.a. an den niedrigen Zustimmungen zu persönlichen Überfremdungsgefühlen durch Muslime – was in der öffentlichen Debatte allzu häufig untergeht.

Obwohl Umfragen zufolge eine deutliche Mehrheit der Deutschen der Meinung ist, dass der Islam “nicht in unsere Welt passt”, so findet doch rund die Hälfte der Bevölkerung, so Struening, dass der Islam eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht hat. Es deutet vielmehr einiges darauf hin, dass die Befragten vor allem die politisch-ideologische Dimension des Islam ablehnen. Eine Studie zufolge stimmten denn auch nicht mehr 15% der Befragten der Aussage zu, dass Muslimen jede Form der Religionsausübung in Deutschland untersagt werden sollte. Auch wenn 15% genau 15% zuviel sind: Die Religionsfreiheit ist in Deutschland jedenfalls nicht in Gefahr.

Die Autoren des Bandes machen deutlich, dass eine grundsätzliche Kritik am Islam wissenschaftlich vertretbar und nicht gleichzusetzen ist mit Ressentiment. Dass eine Islamkritik nicht immer nur auf den Koran rekurrieren darf, sondern Islam auch als soziales System begreifen muss, zeigt dieser Sammelband verschiedentlich. Den wohl besten Beitrag dazu liefert Huda Zein (”Blockierte Individualität durch kollektive Identität”), die die Interpretation von Koran und Prophetentradition als Ausdruck einer Praxis sieht, “die aufgrund der Gesellschaftsstruktur immer wieder aufs Neue sich als “Basisideologie” formuliert, nämlich als „repressive Gleichheit einer Volks- und Religionsgemeinschaft.”

Kollektivgemeinschaften, die auf religiöser und nationaler Grundlage beruhen und individueller Entfaltung keinen Raum zugestehen, schaffen sich regelmässig ihre eigenen Monstren in Form von Despoten. Sehr gut analysiert hat die Verfasserin auch die Bedeutung ahistorischer Auffassungen über die eigene Nation, die auch die Vereinnahmung vorarabischer Geschichte umfasst – ein Phänomen, das der Rezensent nur zu gut aus eigener Anschauung kennt.

So werden gesellschaftliche Widersprüche hinter der “Maske einer affirmativen Versöhnung” aus der Öffentlichkeit verbannt und dort, wo dies nicht gelingt, als Verrat an der Gruppenidentität gebrandmarkt. Man kann gewiss darüber diskutieren, ob der Islam hier womöglich für sinistre Zwecke instrumentalisiert wird, doch wird diese Debatte allzuhäufig abgewürgt, nach dem Motto: Alles nur westliches Vorurteil.

Dass gerade der akademische Anteil an dieser nicht geführten Debatte auch nicht immer dem Massstab der Wissenschaftlichkeit genügt, zeigt der überaus gelungene Beitrag von Thomas Maul und Philippe Witzmann über “Feminismus aus Tausendundeiner Nacht”. Sie argumentieren, dass im Zusammenhang mit dem Islam die Fixierung der Gender Studies auf “westliche Diskurse” regelmässig auf eine “Immunisierung des islamischen Terrors gegen jeglich Kritik” hinausläuft.

Missstände in der Islamischen Welt werden entweder als Spätfolgen des Kolonialismus begriffen oder als Missverständnis auf Seiten des europäischen Betrachters. Dass diese Art von Wissenschaft nicht falsifizierbar ist, liegt auf der Hand. Maul/Witzmann weisen denn auch darauf hin, dass es von Braun nach eigener Auskunft um “psychisches Wissen” geht, Esoterik also, die sich als Wissenschaft verkleidet. Ihr Anspruch ist letztlich, wie die Autoren zu recht schreiben, ein “außerwissenschaftlicher, anachronistischer, politisch reaktionärer”.

Über die Notwendigkeit von Islamkritik mag jeder denken wie er will. Dass Islamkritik jedoch von antimuslimischer Diffamierung zu unterscheiden und grundsätzlich legitim ist, sollte dagegen unbestritten sein. Die Apologeten des Islam täten gut daran, den Ball der Islamkritik aufzunehmen, als sich in einer Festung des Paternalismus zu verschanzen. Der von Hartmut Krauss herausgegebene Band leistet dazu einen wertvollen Beitrag.

Hartmut Krauss (Hrsg.), Feindbild Islamkritik: Wenn die Grenzen zur Verzerrung und Diffamierung überschritten werden, HINTERGRUND-Verlag, Osnabrück 2010, 360 Seiten, 15 Euro.

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