Arrangierte Ehen, ohne dass die Brautleute sich vorher zu Gesicht bekamen; zwölfjährige Kinder, die zwangsweise verheiratet werden; Frauen, die nicht wissen, dass sie ein Recht auf Scheidung haben und die im Falle einer Scheidung das Sorgerecht an ihren geschiedenen Mann verlieren – allesamt Phänomene, die dort auftreten, wo die Scharia herrscht. Es gibt sie darum auch überall dort, wo muslimische Minderheiten sind. Also auch in Europa. Aber allein Griechenland zwingt als einziges Land der EU seine autochthonen muslimischen Bürger dazu, die Scharia zu praktizieren – ob sie es wollen oder nicht. Darauf weist ein Artikel in der griechischen Zeitung »Ta Néa« hin.
Als die zwölfjährige Samiha aus dem thrakischen Komotiní vergangenen März mit einem Glaubensgenossen verheiratet wurde, der in Deutschland lebt, zeigte sich wieder einmal die Unvereinbarkeit des Alltags griechischer Muslime mit der europäischen Gesetzgebung, die die Heirat Minderjähriger verbietet. Samiha zog danach zu ihrem Mann nach Deutschland. Der deutsche Grenzbeamte, der ihre Papiere kontrollierte, wollte nicht glauben, dass ein zwölfjähriges Mädchen verheiratet sein könnte. Als der Fall in der internationalen Presse Schlagzeilen machte, stand Griechenland am Pranger.
Angefangen hat alles mit dem Vertrag von Lausanne 1923, als Griechenland sich verpflichtete, »angemessene Massnahmen zu ergreifen, damit die muslimische Minderheit in die Lage versetzt wird, individuelle und familiäre Angelegenheiten ihrer Mitglieder nach ihren eigenen Bräuchen zu regeln.« Der Vertrag von Lausanne war zwischen Griechenland und der Türkei geschlossen worden, als mehr 1 Mio. griechischer Christen aus Kleinasien vertrieben worden waren und beide Länder Verhandlungen über einen Transfer ihrer Minderheiten aufnahmen. Im Gegenzug für das Einverständnis der türkischen Seite, die griechische Bevölkerung Istanbuls nicht zu vertreiben, willigte Athen darin ein, die muslimische Minderheit in Westthrakien nicht anzutasten und anssonsten einen Zwangsaustausch der beiden Minderheiten vorzunehmen.
Als Kemal Atatürk beschloss, das schweizerische Zivilrecht einzuführen, wurde die Scharia in der Türkei ungültig. Venizélos, sein griechischer Counterpart, sollte auf Wunsch Atatürks ebenso in Griechenland verfahren und seinen autochthonen Muslimen die Möglichkeit eines Zivilrechts einräumen. Auch die türkische Minderheit in Griechenland trug diesen Wunsch Venizélos vor. Die Antwort der griechischen Regierung war jedoch negativ; die griechische Regierung verpflichtete alle griechischen Muslime, sogar ausserhalb Thrakiens: auf Kreta, der Peloponnes oder in Makedonien, die für Thrakien bestehende Regelung zu übernehmen.
»Wenn heute zwei Muslime, die in Athen leben, heiraten, sich scheiden lassen oder ihr Testament machen wollen, d.h. allgemein, um etwas zu tun, was das Familienrecht betrifft, sind sie gewzungen, einen der drei Muftis von Xánthi, Komotiní oder Didimotíxou heranzuziehen«, weiss der stellvertretende Präfekt Herr Ktistákis. In der gesamten EU ist es allein Griechenland, das seine muslimischen Bürger dazu zwingt, die Scharia zu praktizieren und sich den Befugnissen eines Muftis zu unterwerfen. Zuvor hatte Frankreich 2001 als letztes Land der EU die richterlichen Zuständigkeiten seines einzigen heimischen Muftis widerrufen: Auf der Insel Magiot im Pazifischen Ozean.
Einmal jedoch wurde die Scharia besiegt, und zwar ausgerechnet von einer Muslimin. Die 30jährige Aidın Şadıkoğlu wartete vergeblich auf ihren Ehemann, der sie mit einem Kleinkind zurückgelassen hatte, um nach Deutschland zu gehen, wo er die Scheidung eingereicht hatte. Als er von ihrem neuen Partner erfuhr und davon, dass sie schwanger war, beschlossen beide, ihr Dorf in Rodópi zu verlassen und nach Sximatíri zu ziehen, um kritischen Fragen ihrer Umgebung auszuweichen.
Der Ehemann wiederum weigerte sich, die Scheidung einzureichen, und so wurde aus dem Fall ein Ehebruch. Da nach der Scharia im Falle einer Scheidung männliche Kinder nur bis zum Alter von sieben Jahren, Mädchen bis zum Alter von neun, bei der Mutter bleiben, fürchtete Aidın, dass sie ihre Kinder an den Vater verlieren werde und wandte sich an ein griechisches Gericht, um ihr Sorgerecht einzuklagen, bevor sie geschieden werde. Mit Erfolg.
Die Freiheit, die muslimische Männer dank der Scharia bei der Einleitung von Scheidungen haben, hat dazu geführt, dass muslimische Ehen im Raum Rodópi und Xánthi neunmal so häufig geschieden werden, wie christliche. »Die griechischen Muslime können wählen, ob sie sich der Anwendung muslimischer Gesetze bei der Heirat unterwerfen wollen«, sagt der Mufti von Komotiní, Herr Meko Cemalı. Denn immerhin die Zivilehe steht den Muslimen offen, sofern der Ehemann sich für sie entscheidet. Allerdings: Fälle, in denen griechische Muslime die Zivilehe gegenüber der Scharia bevorzugten, sind minimal.