Ist die Türkei reif für Europa?, fragte die Soziologin Friederike Wuermeling von der Universität Köln und fand heraus, dass zwei der EU-Grundprinzipien nicht unterstützt werden, zu denen Religionsfreiheit, Demokratie, Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit gehören. Damit unterscheidet sich die Türkei von fast allen anderen 25 EU-Staaten.
Dies annonciert die Pressemitteilung der Universität (via–via). Diese beiden Grundprinzipien sind Religionsfreiheit und Gleichberechtigung. Entscheidend ist das Wörtchen “fast”, denn auch in der EU ist nicht alles zum besten bestellt:
Nur in drei europäischen Staaten gibt es eine ablehnende Haltung. In Malta, mit einem Katholikenanteil von 97 Prozent, gibt es Vorbehalte gegen Religionsfreiheit und Gleichberechtigung. Im vorwiegend orthodoxen Griechenland überwiegt die Zahl der Gegner der Religionsfreiheit, ebenso in Rumänien.
Wer sich das Heckmeck um den Bau der Athener Moschee und allgemein das Klima gegenüber Einwanderern vergegenwärtigt, wird sich nicht wundern. Auch Rumänien scheint in mancher Hinsicht von einem anderen Stern zu sein. Sollte man also an die Türkei strengere Massstäbe anlegen als an die direkten Nachbarn im Westen?
Andererseits: Muss man Fehler unbedingt wiederholen? Regelmässige Leser dieses Blogs wissen, dass wir hier nicht grundsätzlich gegen einen Beitritt der Türkei zur EU sind, mehr noch, dass wir diesen unter gewissen Voraussetzungen sogar begrüssen würden. Die EU wird aber nur dann eine Zukunft haben, wenn die Gesellschaften ihrer Mitgliedsländer keine Vorbehalte haben, sich untereinander zu vermischen (oder wie Edmund Stoiber es formulierte: zu “durchrassen”).
Man muss allerdings erhebliche Zweifel haben, dass eine Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei die EU als Schmelztiegel zu akzeptieren bereit ist. Noch im letzten Jahr ergab eine Umfrage in der Türkei, dass 65% der Befragten die Heirat ihrer Tochter mit einem Nichtmuslim ablehnen, während 46% der Meinung sind, dass Ausländer eine Bedrohung für die türkische Kultur darstellen. Doch zurück zur Studie. Interessantes hält die Methodik bereit:
Um die Unterschiede aufzuklären, werden in einer Mehrebenenanalyse folgende zwei Annahmen auf der Länder- und Individualebene überprüft: Nach der Kulturhypothese sollte die Zustimmung zu den Prinzipien der EU mit dem Anteil der Muslime im Land und mit der individuellen Religiosität der Menschen sinken. Nach der Modernisierungshypothese sollte die Zustimmung zu den Prinzipien der EU mit dem Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf und mit dem Bildungsgrad und der Urbanisierung der Menschen steigen. Beide Hypothesen konnten sowohl auf der Länder- als auch auf der Personenebene im Wesentlichen bewahrt werden. Ein Vergleich der relativen Effektstärken auf der Länderebene ergab, dass der Modernisierungseffekt in Bezug auf die Unterstützung von Religionsfreiheit und Demokratie mehr als doppelt so stark ist wie der Einfluss vom Muslimanteil.
Also: Ein höherer Anteil von Muslimen an einer Bevölkerung scheint eine Distanzierung von der EU zu begünstigen, während Wohlstand, Bildung und Urbanisierung ihre Zustimmung fördern. Wenn beides auf die Türkei zutrifft, wie die Studie behauptet, dann muss es sich um ein gespaltenes Land handeln. Das, in der Tat, ist auch unser Eindruck.
