Wenn die Medizin den Patienten nur kränker macht, dann braucht der Patient noch mehr von dieser Medizin – so könnte man die Ansichten Emmanuel Todds zusammenfassen, einem französischen Regierungsberater, der dem neuen Präsidenten Hollande nahesteht. Zur Abwendung der Finanzkrise, glaubt Todd im Gespräch mit dem “Spiegel” (20/ 14.5.12, 92-5), gebe es ein ganz einfaches Mittel:
Ich glaube (…), dass der Euro-Raum, der auch nicht einfach abgewickelt werden kann, noch zu retten ist – unter einer Bedingung: einer gehörigen Dosis Protektionismus. (…)
Protektionismus könnte Europa Schutz vor Billigimporten von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer außerhalb der EU bieten, die Binnennachfrage stützen und als Folge die innereuropäische Solidarität stärken sowie aufkeimende Konflikte befrieden.
Tatsächlich? Wenn die europäische Aluminiumproduktion vor der Konkurrenz aus Indien oder China abgeschirmt wird, dann ist die europäische Automobilindustrie gewzungen, den teureren heimischen Aluminium zu verwenden. Die erhöhten Materialkosten werden dann auf das Produkt und damit den Käufer abgewälzt.
Was der Käufer weniger im Portemmonaie hat, geht für andere Güter verloren, die er sonst erworben hätte. Europa würde noch stärker in die Krise gestürzt. Hinzu kommt, dass Länder, deren Zugang zum europäischen Markt durch Protektionismus erschwert wird, ihrerseits wohl auch mit Protektionismus antworten werden.
Aus diesen Gründen hat Protektionismus noch nie zu Wohlstand geführt. Auch der Beschäftigungsgrad hängt nicht von handelspolitischen Massnahmen ab, sondern vom Lohnniveau. Und als Historiker sollte Todd wissen: nicht der Freihandel, der Protektionismus ist es, der Konflikte heraufbeschwört. “Die Einmischung des Staates in das Wirtschaftsleben”, wusste schon Ludwig von Mises, “hat nichts anderes erreicht als Vernichtung der Wirtschaft.” Das war vor nunmehr achtzig Jahren.
