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Die Schahzeit und der deutsche Journalismus

In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg finden sich zweierlei Arten von Autokratien: Die moderaten heutigen wie Vietnam oder Thailand oder Bahrain, in denen es sich recht kommod leben lässt. Und es gibt die Folterkammern, von denen einige in der Vergangenheit zu trauriger Berühmtheit gelangten: Das Regime von Idi Amin in Uganda etwa. Oder das von François Duvalier in Haiti. Oder das von Ernesto Pinochet in Chile.

Die Frage ist, in welche Kategorie die Zeit von Schah Reza Pahlavi in Iran fällt und geht es nach vielen deutschen Journalisten, dann ist die Antwort eindeutig: Es soll sich dabei um eine besonders repressive und grausame Herrschaft gehandelt haben, gleichsam eine Ära des Schreckens, für die der Name des berüchigten Geheimdienstes SAVAK steht. Dabei sind die Vorwürfe den SAVAK reichlich nebulös.

So gab es Behauptungen, dass der SAVAK Gefangene durch Bären foltern lasse, was offenbar frei erfunden war. Die Frage ist aber nicht, ob es Folter gab, sondern ob Iran unter dem Schah insgesamt eine besonders grausame Diktatur war – und diese Frage muss man wohl verneinen. Im Kampf der Ideen hatte der Schah jedoch innenpolitische Gegner von erheblichem Gewicht, gegen die er sich zur Wehr setzen musste.

Denn der Schah war, wiewohl autokratisch regierend, ein Modernisierer, womit er den Kurs seines Vaters Reza Shah fortzsetzte, der aber schon weit früher, nämlich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit Naseroddin Schah und dessen Premierminister Amir Kabir begonnen hatte. Naseroddin Schah hatte damals jedoch den Fehler gemacht, durch sogenannten Konzessionen sein Land in erhebliche ausländische Abhängigkeit zu begeben.

Der Ajatollah, der gegen Pepsi Cola und Israel hetzte

Iran war aus geopolitischen Gründen ohnehin ein Objekt der Begierde im Spiel der Grossmächte um Einflusssphären und so wurde das Land im frühen 20. Jahrhundert zu einem Schlachtfeld der Russen, Briten und Türken, zum Teil auch der mitteleuropäischen Mächte und ihrer Alliierten. Derweil wollte Reza Khan sein Land zu einer Republik machen, doch scheiterte er am schiitischen Klerus.

«Reza Shah Pahlavi, Samuel Johnson«/ CC0 1.0

Reza Khan schwang sich später selber zum Schah auf, wobei er ab 1925 die neue dynastische Linie der Pahlavis begründete. Als Schah setzte er seine Modernisierungspolitik fort, die sich auf alle Bereiche des Landes erstreckte: Politik, Justiz, Wirtschaft und Bildung. Vor allem die Säkularisierung des Rechtswesens musste unter Beachtung schiitischer Normen geschehen, um nicht die Unterstützung des Klerus zu verlieren.

Gleichwohl wurden islamische Normen zurückgedrängt, der Klerus faktisch geschwächt. Während des 2. Weltkriegs versuchte Reza Schah sein Land durch die politischen Wirren zu navigieren und hatte er noch 1936 per Dekret iranische Juden vor den Öfen von Auschwitz wie auch durch das Ausstellen persischer Reisepässe tausende europäischer Juden gerettet, worauf jüngst sein Enkel, der Oppositionsführer Reza Pahlavi, in Berlin anspielte.

Allerdings konnte der Schah nicht verhindern, dass Iran 1941 von Briten und Sowjets besetzt wurde und er noch im selben Jahr zurücktreten und sich ins Exil begeben musste. Neuer Schah wurde sein Sohn Mohammad Reza, der nach dem Krieg die Modernisierungspolitik seines Vaters fortsetzte, anders als dieser jedoch nicht länger bereit war, den Klerus zu schonen, den er als Hindernis für den gesellschaftlichen Fortschritt erkannte.

Wie sehr er damit recht hatte, zeigt die Tatsache, dass der einflussreiche Ajatollah Boroujerdi 1959 Fatwas (islamische Rechtsgutachten) gegen Radio, Fernsehen und Pepsi Cola veröffentlichte. Auch das gute Verhältnis des Schah zu dem noch jungen jüdischen Staat war dem Klerus ein Dorn im Auge: Als der Schah im selben Jahr die de-facto-Anerkennung Israels verkündete, führte dies zu einer Gegenkampagne schiitischer Kleriker.

Flower Power und asiatische Spiritualität

Der Schah legte sich daher mit den Islamisten der «Fedayin-e Eslam» wie auch mit den Kommunisten der «Tudeh»-Partei an. Denn obwohl er das Feudalsystem abschaffen und die Rechte der Frauen verbessern wollte, was eigentlich auch im Sinne der Linken war, war es nicht zuletzt sein Vorhaben, Staatsunternehmen zu privatisieren, das den Linken verhasst war. Ab den früher 1960ern trat schliesslich ein Kleriker namens Khomeini auf die Bühne.

Viele Linke glaubten dessen verführerischer Rhetorik von Gleichheit und Gerechtigkeit und verachteten den Schah vor allem als Verfechter eines westlichen Entwicklungsmodella, das dem kulturellen Charakter Irans nicht gerecht würde. Noch heute glauben viele Linke, es gebe «multiple Modernen» und nicht etwa eine ungeteilte Moderne. In den 60er Jahren wurde die Gegnerschaft des Klerus gegenüber dem Schah von den Linken ideologisch flankiert.

Man darf nicht vergessen, dass die 60er und 70er Jahre auch den Höhepunkt der Flower-Power- und der Bhagwan-Bewegung bildeten und man sich überhaupt viel für asiatische Führer wie Mao Zedong und Hồ Chí Minh begeisterte, aber auch für asiatische Spiritualität, sodass Khomeini vor diesem Hintergrund wie der spirituelle Anführer einer antikolonialen Bewegung erschien, deren Gegenpol der Schah bildete.

Nach der Islamischen Revolution wurde mit Abolhassan Banisadr ein enger Mitstreiter Khomeinis zum Präsidenten Irans, der auch Verfasser eines «Eqtesad-e touhidi» (Monotheistische Wirtschaft) genannten Buchs war, in dem er sozialistische Ideale mit dem Islam verband. Darin argumentierte er, dass Privateigentum an Produktionsmitteln nur sehr begrenzt legitim sei und auch im Islam keine rechte Grundlage habe.

Als Khomeini seine linken Steigbügelhalter beseitigte oder ins Exil trieb, hielten weiter viele Linke an der Islamischen Revolution fest, die sie nunmehr «Iranische Revolution» nannten und von der sie behaupteten, Khomeini haben sie ihnen gestohlen. Der Mossadegh-Mythos um einen angeblich demokratisch gewählten, dann aber von den USA 1953 zugunsten des Schah gestürzten Ministerpräsidenten, dient ihnen bis heute zur Delegitimierung der Schahzeit und zur Rechtfertigung ihres Antiamerikanismus.

Umfragen zeigen, dass die meisten deutschen Politikjournalisten der SPD und noch mehr den Grünen nahestehen und bis heute an den Mythen der 60er Jahre über die Schahzeit festhalten. Deswegen hegen deutsche Journalisten gegenüber der Vorstellung von einem postislamistischen Iran unter Reza Pahlavi erhebliche Ressentiments und halten irgendwie an der Islamischen Revolution fest.

Sie neigen stark der Auffassung zu, dass Iran sein Heil in einer Reform des bestehenden Systems suchen solle und die Monarchie ein Rückschritt wäre. Dass die iranische Bevölkerung an keine Reform glaubt und längst ihre Hoffnungen auf die USA und Israel gerichtet hat, um einen säkularen und demokratischen Iran zu errmöglichen, ficht viele deutsche Journalisten nicht an; für sie ist Reza Pahlavi nur der «Schah-Sohn» und damit das Symbol einer grausamen Vergangenheit.

Noch so viele zigtausende Iraner können in deutschen Städten mit der iranischen (Shir-o-Khorshid-) Flagge demonstrieren und «Javid Shah!» (Es lebe der Schah) rufen, ohne dass deutsche Medien ihnen eine Plattform geben – als ob deutsche Journalisten und nicht die Iraner selbst über ihre Zukunft zu befinden hätten und als ob deutsche Journalisten die Geschichte besser kennen als sie.

Die Medien sind voll von linken Schein-Experten, die von der Islamischen Republik als «Regime» sprechen, dann aber Positionen vertreten, die im Sinne der Machthaber ebenjenes Regimes sind. Umso dringlicher erscheint daher, den Anteil der Linken an der Islamischen Revolution aufzuarbeiten und vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien endlich zu pluralisieren.

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