Von Martin Riexinger
In seinem von mir bereits kommentierten Posting über das Verhältnis der Kemalisten zu den Nurcus und Fethullah Gülen schreibt Serdar:
* Der Kemalismus ist nationalistisch und begrenzt sich auf die eigenen Landesgrenzen. Der Gülen Bewegung ist aber nicht an diese gebunden, sondern agiert global. Das religiöse Kapital kennt keine Grenzen. Während die Gülen Leute sich so globalisieren, bleiben die Kemalisten eher lokal.
* Tja, hinzukommt noch das aufgrund dieser Globalisierung die Gülen-Bewegung Human-Kapital zur Verfügung hat. So haben sie auch Kontakte zu Geschäftsleuten und Politikern. Ein regelrechtes Netzwerkes. Was auch attraktiv für Unternehmer in Anatolien, weil die Gülen Leute für sie Verbindungen nach draußen herstellen. Auf Türkisch würde man sagen Al gülüm Ver gülüm!
Dieser Punkt scheint mir sehr viel wichtiger zu sein als die gestern besprochene Haltung zur Naturwissenschaft. Die kemalistischen Elite aus Bürokratie, Justiz und Armee, die ja erst seit den 1990er Jahren wieder zusammengewachsen ist, nachdem das Militär in den 1980er Jahren religiöse Gruppierungen, nicht zuletzt Fethullah Gülen unterstützt hatte, erlebt die Globalisierung und die Annäherung an die EU als Kontrollverslust. Schon durch die Stärkung der Privatwirtschaft in den 1980er Jahren wurde die Rolle des Staates geschwächt. Die Privatisierung im Bereich der elektronischen Medien und der höheren Bildung hat die Pluralisierung erheblich begünstigt. Auch die Kontrolle über die Außendarstellung ist Ihnen entglitten. Galten sie vor 15, 20 Jahren im Ausland noch als Vertreter der modernen Türkei, erscheinen sie jetzt als Dinosaurier[1], weil nicht mehr ihr westlicher Lebensstil, sondern ihr Nationalismus und ihre Staatsfixierung ins Auge fallen. Ihr Zorn richtet sich daher gegen gesellschaftliche Kräfte, die parallel dazu einen Aufstieg erlebten, etwa Fethullah Gülen oder aber die erwähnten staatsspektischen Linken und Liberalen, die vor allem für “Radikal” und “Taraf” schreiben. Beide haben einen hervorrragenden Draht zu Medien und Akademikern und Medien in der westlichen Welt.
Diesen Punkt unterstreichen ein Artikel im “Middle East Quarterly”, der dieser Tag veröffentlicht wurde, und einer der dort vor elf Jahren erschienen war.
Zunächst zum gerade erschienen “Fethullah Gülen’s Grand Ambition” von Rachel Sharon-Krespin “director of the Turkish Media Project at the Middle East Media Research Institute (MEMRI)”. Ihre These lautet:
As Turkey’s ruling Justice and Development Party (Adalet ve Kalkınma Partisi, AKP) begins its seventh year in leadership, Turkey is no longer the secular and democratic country that it was when the party took over. The AKP has conquered the bureaucracy and changed Turkey’s fundamental identity. Prior to the AKP’s rise, Ankara oriented itself toward the United States and Europe. Today, despite the rhetoric of European Union accession, Prime Minister Recep Tayyip Erdoğan has turned Turkey away from Europe and toward Russia and Iran and reoriented Turkish policy in the Middle East away from sympathy toward Israel and much more toward friendship with Hamas, Hezbollah, and Syria. Anti-American, anti-Christian, and anti-Semitic sentiments have increased. Behind Turkey’s transformation has been not only the impressive AKP political machine but also a shadowy Islamist sect led by the mysterious hocaefendi (master lord) Fethullah Gülen; the sect often bills itself as a proponent of tolerance and dialogue but works toward purposes quite the opposite. Today, Gülen and his backers (Fethullahcılar, Fethullahists) not only seek to influence government but also to become the government.
Der Text enthält bezeichnende Auslassungen und gravierende Fehler.
1. “religion classes teaching Sunni Islam are compulsory in public schools despite rulings against the practice by the European Court of Human Rights (ECHR) and the Turkish high court (Danıştay).”
Den verpflichtenden Religionsunterricht gibt es seit dem Militärputsch von 1980.
2. “It has thousands of madrasa-like Imam-Hatip schools and about four thousand more official state-run Qur’an courses”
Was immer man von diesen Einrichtungen halten mag, es sind keine Medresen wie in Pakistan, sondern Schulen in denen zusätzlich zum Oberschullehrplan in besonderem Maße Religion unterrichtet wird, und Arabisch, das anderen Schulen nicht gelehrt wird.
3. “Gülen was a student and follower of Sheikh Sa’id-i Kurdi (1878-1960), also known as Sa’id-i Nursi, the founder of the Islamist Nur (light) movement.”
Gülen kannte Said Nursi gar nicht persönlich, Kürdi ist keine Eigenbezeichnung, sonder dient der fälschlichen Diffamierung von Said Nursi als kurdischen Nationalist. Auf das komplexe Verhältnis von Gülen zu den Nurcus, gehe ich in einer Fortsetzung ein.
4. “It is from his U.S. base that Gülen has built his fame and his transnational empire.”
Sein Reich von Schulen und Medien hat Gülen bereits seit Ende der 1980er Jahre von der Türkei aus in der Türkei und Zentralasien aufgebaut.
5. “In 2008, members of the Netherland’s Christian Democrat, Labor, and Conservative parties agreed to cut several million euros in government funding for organizations affiliated with “the Turkish imam Fethullah Gülen” and to thoroughly investigate the activities of the Gülen group after Erik Jan Zürcher, director of the Amsterdam-based International Institute for Social History, and five former Gülen followers who had worked in Gülen’s ışıkevi told Dutch television that the Gülen community was moving step-by-step to topple the secular order.” Dazu n19: “Erik-Jan Zürcher, “Kamermeerderheid Eist Onderzoek Naar Turkse Beweging,” NOVA documentary, July 4, 2008″
Das ist völlig daneben. Die Dame hätte jemanden fragen könne, der Niederländisch beherrscht. Die Überschrift heißt: “Die Mehrheit des Parlaments verlangt eine Untersuchung einer türkischen Bewegung.” In der Tat wurde eine Anfrage an den Geheimdienst veranlasst, die aber im September zu dem Urteil führte, dass die Bewegung weder staatsgefährdend noch sektiererisch sei (1, 2). Ob diese Beobachtung zutrifft, kann man streiten, meine Position gibt es zum Abschluss. Aber wenn man seine eigene Auffassung durch eine offizielle Position untermauern will, dann muss man die auch richtig wiedergeben. Ich vermute, sie hat sich einfach auf türkische Presseberchte gestützt, welche den Auftrag zu einer Untersuchung mit einem abschließenden Urteil gleichsetzen. Die Zusammensetzung der drei Abgeordneten , die den Stein ins Rollen gebracht haben, ist pikant. Ein Rechtsliberaler, eine Rechtspopulistin und die Sadet Karabulut, eine Linksradikale (SP) kurdischer Herkunft. Letztere hat nun ihrerseits eine Anzeige am Hals, weil sie an der “Hamas, Hamas, Joden an het gas”-Demo teilgenommen hat.
6. “It is not clear whether the Fethullahist cemaat (community) supports the AKP or is the ruling force behind AKP.”
Dass sie die AKP mittlerweile unterstützt, ist kein Geheimnis, dass sie die “driving force” hinter dieser Partei sei, ist allerdings falsch. Bei den Wahlen 2002, bei der Gülens alte Verbündete schmählich untergingen, hat er sie nicht unterstützt, allerdings auch nicht davon abgeraten, sie zu wählen. Jetzt an der Macht ist sie für ihn natürlich interessant. Hierzu ein Artikel aus “Milliyet”.
7. Für die Behauptung “Fethullah Gülen is an imam who considers himself a prophet.” verweist sie auf das Buch von Merdan Yanardağ: Fethullah Gülen Hareketinin Perde Arkası, Turkiye Nasıl Kusatıldı?[2] (Istanbul: Siyah Beyaz Yayın, 2006) Der mir nicht bekannte Autor, veröffentlicht offensichtlich ansonsten primär antiamerikanische und antieuropäische Verschwörungstheorien und verklärende Darstellungen des Linkskemalismus der 1960er Jahre. Damit ist er selbst ein seltsamer Kronzeuge für dem “Middle East Quarterly”. Der Kronzeuge des Kronzeugen ist Nurettin Veren, der sich selbst als die ehemalige rechte Hand von Gülen bezeichnet, in der Hierarchie der Gemeinschaft jedoch wohl nicht ganz so weit oben stand, wie er behauptet. So sagt er, er habe die Zeitung “Zaman” mitgegründet, die weist jedoch darauf hin, dass sich mit einem Blick ins Handelsregister sehen lässt, dass dies nicht der Fall ist. Er stieg 2004 bei Gülen aus, um seine Enthüllungen haben sich aber auch Gülen-kritische Medien nicht eben gerissen. Er hat sich zugelich unter die Fittiche des hier schon mehrfach behandelten linksnationalistischen Politsektierers Doğu Perinçek begeben, eines Mao- Und Stalinverehrers.
Sharon-Krespin gibt also weithin ungefiltert kemalistische und linksnationalistische Polemiken gegen Gülen, wieder. Vor elf Jahren pries Bülent Aras ihn in der selben Zeitschrift als “Turkish Islam’s Moderate Face“:
Gülen’s movement seems to have no aspiration to evolve to a political party or seek political power. To the contrary, he continues a long Sufi tradition of seeking rather to address the spiritual needs of his people, to educate the masses, and to provide some stability in a time of turmoil. Like many previous Sufi figures (including the towering thirteenth-century figure, Jalal ad-Din Rumi), he is wrongly suspected of seeking political power. Any change from this apolitical stance could very much harm the reputation of his community.
Ultimately, the future of the Gülen group will be determined by its ability to evolve into an open-minded, flexible, and democratic community, and to improve relations with the military leadership and secular elites. Gülen has made himself a most likely candidate for religious leader of the new Turkey. Its internal evolution and its relations with the state should have a major impact on the state-society dynamics of Turkey in the coming decades.
What about the significance of Gülen’s movement beyond Turkey? Its best potential is in the Turkic countries in the Caucasus and Central Asia, where his emphasis on Turkish Islam will probably weaken the appeal of the message coming out of Iran. In the larger Muslim world, it does pose a potential challenge to Islamism, for its ideas may find receptive audiences among those with access to the outside world—those in any case most prone to Islamism. This said, his ideas have a much better chance than his organization, for authoritarian states and a general intolerance for new interpretations of Islam will impede it.
Der Artikel stand mit am Anfang der Propagandaoffensive, durch die Gülen die Kemalisten um ihre Vorrangstellung bei der Darstellung der Türkei nach außen brachte. Sie haben offenkundig zur Gegenoffensive geblasen.
Wie ich dazu stehe? Forsetzung folgt, aber schon einmal so viel: Gülen muss kritisch beobachtet werden, Hysterie ist aber ebenfalls nicht angebracht, auch weil keineswegs nur die Kemalisten Gülen nicht leiden können.
- Die kemalistische Anglistikprofessorin Mina Urgan nannte ihre Autobiographie nicht zufällig Bir Dinozorun Anıları, “Erinnerungen eines Dinosauriers” ⇧
- Der Hintergrund der Gülen-Bewegung: Wie die Türkei umzingelt wurde. ⇧