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Iran

Westliche Intellektuelle und iranische Exilanten

Was an der Wahrnehmung und Diskussion der Ereignisse im Iran immer wieder auffällt, ist, dass westliche Intellektuelle und iranische Exilanten in zwei verschiedenen Welten leben, wenn es um die Verhältnisse in Iran geht und die Vorstellung von dessen Zukunft.

Oder haben Sie schon einmal etwas von Journalisten wie Ali Reza Nourizadeh oder Elahe Boqrat gehört? Vielleicht von Wissenschaftlern wie Ali Mirfetros, Jalal Matini, Ali Mirssepassi, Bahram Choubine oder Abbas Milani? Oder von Aktivisten wie Ladan Borumand, Nasrin Sotoudeh oder Nadia Shahram? Kennen Sie den Fernsehsender Manoto?

Wenn nicht, dann sind Sie bestimmt kein Iraner. Von der westlichen Öffentlichkeit unbemerkt hat sich schon längst eine persischsprachige Kommunikations- und Lebenskultur in der Diaspora gebildet, die sich kaum für das Steckenpferd so vieler nicht-iranischer Intellektueller interessiert, nämlich das Projekt eines Reformislam bzw. einer reformierten Islamischen Republik.

Deren Exponenten heissen Mohsen Kadivar, Abdolkarim Soroush oder Shirin Ebadi. Sie mögen eine gewisse Anhängerschaft haben, doch in der iranischen Gemeinde sind sie weitaus weniger populär, als manch einer im Westen denken mag. Das korrespondiert mit der Tatsache, dass der Zuspruch zur Religion gerade unter Iranern erstaunlich gering ist.

Jedenfalls ist das Fall im Vergleich mit Muslimen anderer Herkunft. Nach der Studie “Muslimisches Leben in Deutschland” des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge von 2008 bezeichnen sich stolze 55% der Iraner als “eher nicht gläubig” oder “gar nicht gläubig” und 75% halten sich nicht an die islamischen Speisevorschriften – Spitzenwert unter allen Einwanderern aus islamischen Ländern.

Nur eine Minderheit von knapp unter 50% der Iranischstämmigen bezeichnet sich überhaupt als muslimisch. Nicht wenige sind zum Christentum konvertiert. Gegenstand des Stolzes so vieler Iraner sind Traditionen, die häufig einen vorislamischen Ursprung haben, darunter das Nouruz-Fest, das im Iran unter den Argusaugen der Obrigkeit begangen wird, in der westlichen Diaspora dagegen ganz ungehemmt.

Treffpunkt der weltweit grösste Nouruz-Party ist mittlerweile übrigens Oberhausen geworden, sonst keine Stadt, die mit irgendetwas aufbieten kann, was in der Weltliga spielt. Was für Nouruz gilt, gilt allgemein für Kunst und Kultur, deren Pflege und Weiterentwicklung grösstenteils ausserhalb des Irans zum Zuge kommen.

Freunde des Dialogs sollten darüber einmal nachdenken, bevor sie sich auf Völkerverständigungsübungen mit Leuten einlassen, die dem Teheraner Regime nahestehen.

[Ursprünglicher Titel: „Parallelwelten“]

Von Michael Kreutz

Dr. phil., Orientalist, Neogräzist, Politikanalyst, Buchautor und Journalist.

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