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Islam

Wenn das keine Schulbuchschelte ist, was ist Schulbuchschelte dann?

Von Jonathan Kriener

Ein Urteil ist gefällt: Auf einer Pressekonferenz des Auswärtigen Amtes stellt das Georg-Eckert-Institut, welches in Sachen Schulbuchforschung internationale Anerkennung genießt, eine Studie vor, die feststellt, dass viele europäische Schulbücher den Islam als vormoderne Religion darstellen, während Europa als modern erscheint (s.a. WAZ v. 16. 9. 2011). Was aber spricht gegen diese Darstellung, so sie denn tatsächlich für europäische Schulbücher typisch ist? Inhaltliche Gründe eher nicht.

In Europa, so vielfältig die hiesigen Gesellschaften in vieler Hinsicht sind, ist in allen Staaten ein zentrales Kriterium von Modernität erfüllt: dass nämlich die Religion ihrer politischen, legislativen und judikativen Macht enthoben wurde und der Schutz und die Freiheit individueller Lebensgestaltung das höchste Rechtsgut darstellt.

Die meisten Kirchen, jedenfalls die protestantischen und die katholische, haben sich entweder stillschweigend damit abgefunden oder dies sogar implizit in ihre Dogmatik aufgenommen haben, z. B. die katholische Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil. Eskapaden christlicher Abtreibungsgegner oder Kreationisten sind hier immer noch ein Randerscheinung, wenn ihr Einfluss auch gefährlich wachsen mag.

Ebenso richtig ist, dass die überwältigende Mehrzahl der islamischen und alle arabischen Staaten, von Pakistan bis Marokko, der Religion bislang eine zentrale Rolle bei Gesetzgebung, Rechtsprechung und Bildung einräumen, mindestens was Personenstandsfragen angeht, in den meisten von ihnen aber weit darüber hinaus. Bei aller Vielfalt islamischer Konfessionen und Rechtsschulen ist mir doch keine bekannt, die diesen Sachverhalt in Frage stellt.

So ist es in islamischen Gesellschaften selbstverständlich, dass der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion als ahndungswürdiges Verbrechen gilt, ebenso die Ehe oder romantisch-sexuelle Beziehung einer Muslimin mit einem Nichtmuslim. Wo die Staaten diese selbst nicht, wie im Iran oder in Saudi-Arabien, ahnden, dulden sie doch, dass selbsternannte Sittenwächter aus dem familiären oder sonstigen sozialen Umfeld dies tun. Weder die prominenten islamischen Reformer, von Jamal ad-Din al-Afghani bis Tariq Ramadan, noch die hiesigen Islamverbände haben an dieser Auffassung je gerüttelt.

Säkularisierung ist im etablierten muslimischen Diskurs kein Thema. Übrigens auch nicht in den derzeitigen politischen Umwälzungen in Tunesien, Ägypten und Libyen. Wer sie dennoch, und sei es nur implizit, in Betracht zieht, muss mit Verfolgung rechnen, wie der Ägypter Nasr Abu Zayd in den 1990er Jahren. Zwar bekennen sich viele Muslime und islamische Rechtsgelehrte zu Religionsfreiheit.

Was sie damit aber meinen, ist selten die individuelle Freiheit, sich zu jedem Zeitpunkt für jede beliebige Religion oder für die Nichtzugehörigkeit zu jeglicher Religion zu entscheiden, wie sie in Europa Standard ist. Die Muslime meinen mit Religionsfreiheit i. d. R. die Freiheit der religiösen Gemeinschaften, die ihre jeweiligen Konfession oder Rechtsschule als Buchreligionen anerkennt, ihre jeweiligen religiösen Riten und ihr Personenstandsrecht zu praktizieren.

Dieses fundamentale Missverständnis über den Begriff der Religionsfreiheit wird meiner Erfahrung nach in den Foren und Institutionen des Kulturdialogs kaum je benannt, sondern eher gepflegt. Und dass allzu viele Muslime in Europa diese vormoderne Auffassung vom Verhältnis zwischen Religion und Recht teilen und unter- und gegeneinander in Form von Nötigung und Manipulation zu arrangierten Ehen, sog. Ehrenmorden u. ä. auch praktizieren, während die hiesigen Rechtssysteme dem vielfach machtlos gegenüberstehen.

Sicherlich ist das kein Stoff für einen Schulunterricht, in dem sich Lehrer, muslimische und nicht-muslimische Schüler miteinander wohl fühlen. Dass diese Sachverhalte ein gravierendes Integrationshindernis darstellen, welches andere Migrantengruppen in Europa nicht (mehr) haben, während es bei den Muslimen eher wächst, und an welchem die ethnischen Mehrheiten keinen ursächlichen Anteil haben, wäre ja für Heranwachsende wichtig zu wissen.

Für Lehrer ist es aber sicher eine schwere Aufgabe, sich diesen Themen im Unterricht zu stellen. Sie haben mit Ressentiments von muslimischen Eltern, evtl. sogar von führenden Islamverbänden zu rechnen. Durch die Presseerklärung des GEI und des AA werden die Lehrer, die sich dieser Verantwortung dennoch stellen, nun auch noch von „wissenschaftlicher“ Seite ausgebremst.

Die Pressemitteilung des GEI und des AA hat denn auch keine Fehler im Faktengehalt der Schulbücher zu vermelden, sondern angeblich „suggerieren“ und „vereinfachen“ diese in einer Weise, die nicht geeignet ist „einen islamophoben politischen Populismus zu entkräften.“ Es wird vor allem atmosphärisch argumentiert: Cornelia Pieper vom Auswärtigen Amt bereitet Unbehagen, dass eine solche Darstellung „… einem glaubwürdigen interkulturellen Dialog mit der muslimisch geprägten Welt im Weg.“ steht.

Susanne Kröhnert-Othman vom GEI ist sogar der Meinung, es sollte vermieden werden „…Muslime als Sondergruppe außereuropäischer Zuwanderer zu präsentieren, deren mitgebrachte Traditionen per se eine Integration in europäische Einwanderungsgesellschaften verhindern“, obwohl sie eben unter einem sehr bedeutenden Aspekt tatsächlich genau eine solche Sondergruppe bilden.

Diejenigen unter ihnen, die sich den religiösen Zwängen ihrer Gemeinschaften nicht unterordnen, zahlen dafür oft einen hohen Preis. Davon geben die hohen Selbstmordraten unter jungen Musliminnen in Deutschland beredtes Zeugnis. Eine Lehrerin aus NRW kommentiert das Pauschalurteil der GEI-Studie ausschließlich unter emotionalen Aspekten:

„Wenn in Schulbüchern Religion diskriminierend behandelt wird, führt das dazu, dass Vorurteile gestärkt werden und dass muslimische Schüler sich nicht respektiert fühlen. Es behindert den Austausch und das sich auf gleicher Augenhöhe Begegnen.“ (WAZ)

Gewiss, die Arbeit des GEI ist nicht ausschließlich eine wissenschaftliche. Seit den Tagen des Gründers Georg Eckert arbeitet es an gegenseitiger Aufklärung und Völkerverständigung im Sinne der Förderung gewaltfreier internationaler Beziehungen.

Was aber, wenn bei einem aufrichtig geführten Dialog mit der Erkenntnis auch das Erschrecken der Gesprächspartner übereinander wächst und fundamentale Unterschiede zutage treten? Muss beim Kulturdialog dann Schluss sein mit dem aufklärenden Teil, damit man weiter „auf Augenhöhe kommunizieren“ kann? Ist es dann nachrangig, ob die Inhalte dieser Kommunikation der Realität entsprechen?

Im Zusammenhang mit der Islamischen Welt ging man am Georg-Eckert-Institut vor Jahren soweit, dass in einer vom Institut geförderten, vom AA finanzierten und 2003 erschienenen Studie israelische Geschichtsschulbücher von einer israelischen Historikerin und palästinensische von einem palästinensischen Erziehungswissenschaftler analysiert wurden.

Aufgrund der scheinbar besonders schwierigen Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern wurde auf das zuvor gängige Verfahren der gekreuzten Analyse, wonach ein Israeli die palästinensischen und ein Palästinenser die israelischen Schulbücher hätte analysieren müssen, verzichtet. Das Ergebnis war ein Verriss der israelischen Geschichtsbücher und eine Apologie der palästinensischen, obwohl aus meiner Sicht die meisten israelischen Schulbücher differenzierter und mit mehr Empathie über den Konflikt der beiden Völker informierten als die palästinensischen.

Doch während sich für den Märtyrer- und Dschihadkult in den palästinensischen Schulbüchern Rechtfertigungen und Relativierungen fanden, wurden in der Analyse der israelischen Schulbücher schon bestimmte Abbildungen von zionistischen Pionieren und Milizionären als hyper-nationalistisch problematisiert. Das AA aber hatte sein damaliges Ziel, eine offiziöse Entkräftung der internationalen Kritik an den palästinensischen Schulbüchern, erreicht, die mit europäischen und deutschen Geldern finanziert wurden.

Auf der Website 1001-idee.eu des GEI erscheint der Antisemit Yussuf al-Qaradawi, Vorsitzender des Europäischen Rats für Fatwa und Forschung und Betreiber des Internetportals Islamonline.net, als Vertreter des Islams, der “vor allem in den USA und Israel” wegen seiner pro-palästinensischen Haltung (vgl. hier) „umstritten“ ist.

Tatsächlich befürwortet dieser u. a. die Todesstrafe für die Abkehr vom Islam und dass Männer ihre Ehefrauen züchtigen. Würden christliche, jüdische oder hinduistische Religionsvertreter mit ähnlich reaktionären Ansichten den Wissenschaftlern des Instituts auch als „umstritten“ gelten?Steht also das Georg-Eckert-Institut vielleicht hier und da in der Gefahr, Wissenschaftlichkeit auf dem Altar der Völkerharmonie und des Religionsfriedens zu opfern?

Von Schulbuchautoren und Lehrern erhoffe ich mir jedenfalls, dass sie unerfreuliche Tatsachen, gleich ob über den Islam oder andere Themen, nicht zugunsten einer scheinbaren Harmonie oder dem Wunschdenken nach Gleichheit zwischen Kollektiven in der Schulklasse oder in der Gesellschaft unter den Teppich kehren oder verschleiern. Darin sollten sie sich auch nicht von pauschalen Verlautbarungen wissenschaftlicher oder diplomatischer Autoritäten beirren lassen.


Der Autor war als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am GEI von 2002 bis 2006 für Projekte mit den arabischen Ländern und Israel zuständig. Seine Dissertation über säkulare und religiöse Staats- und Gesellschaftskonzepte in libanesischen Schulbüchern erscheint dieses Jahr beim Ergon-Verlag.

Siehe auch: Schulbuchskandal

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