Wie man endgültig Deutscher wird.
DER ALTEINGESESSENE: Bilder von der Loreley, Schloss Benrath, dem Kölner Dom, der Semperoper – wie sieht denn deine Timeline auf Facebook aus? Bist du als Tourist in Deutschland auf der Suche nach Fotomotiven?
DER MIGRANT: Ich finde, Deutschland ist ein tolles Land. Ich bin doch Deutscher. Eingewandert aus …, aber Deutscher. Schon seit mehr als zehn Jahren.
DER ALTEINGESESSENE: Das machst du ganz falsch. Einen wirklichen Deutschen erkennt man daran, dass er mindestens einmal am Tag auf seine Landsleute schimpft und sein Land verwünscht.
DER MIGRANT: Warum das?
DER ALTEINGESESSENE: Na, ist doch ganz klar. Man ärgert sich immer über die eigene Familie, weniger über die Familie der anderen. Genauso ärgert man sich immer über sein eigenes Land, nicht über andere Länder. Jedenfalls nicht offen.
DER MIGRANT: Das stimmt. Mir fällt es leichter, etwas Böses über meine Familie zu sagen, wenn ich mich ärgere, als über die Familien von anderen. Umgekehrt, denke ich, steht es anderen nicht zu, so über meine Familie zu schimpfen, wie ich es manchmal tue.
DER ALTEINGESESSENE: Siehst du. So geht es mir jeden Tag mit Deutschland. Wenn ich mir den Ökofimmel der Deutschen ansehe, wie sie mit Umweltzonen, Windrädern und Solartechnik die Umwelt retten wollen, bete ich [faltet die Hände], möge der Herr dieses Land auf die dunkle Seite des Mondes schiessen! Wenn ich den Rassismus und Fremdenhass der Deutschen sehe, dann flehe ich das Schicksal an [reckt die Hände gen Himmel], es möge Deutschland abschaffen! Wenn ich höre, die Deutschen wollen der Welt eine Lektion in Demokratie erteilen und meinen, Angela Merkel sei die Führerin der freien Welt, dann [schüttelt die Faust] wünsche ich mir, jemand möge die Deutschen in einen Sack stecken und den Knüppel drauf für ihre Hybris!
DER MIGRANT: Wirklich?
DER ALTEINGESESSENE: Klar doch, versuch es mal! Sag „Möge der Herr dieses Land auf die dunkle Seite des Mondes schiessen!“
DER MIGRANT [die Hände faltend]: Möge der Herr dieses Land auf die dunkle Seite des Mondes schiessen!
DER ALTEINGESESSENE: Jetzt flehe das Schicksal an, es möge Deutschland abschaffen!
DER MIGRANT [die Hände gen Himmel reckend|: Möge das Schicksal Deutschland abschaffen!
DER ALTEINGESESSENE: Und jetzt sag „Jemand möge die Deutschen in einen Sack stecken und mit dem Knüppel verhauen!“
DER ANDERE [die Faust schüttelnd]: Jemand möge die Deutschen in einen Sack stecken und mit dem Knüppel verhauen!
DER ALTEINGESESSENE: Na bravo! Es geht doch. Willkommen im Club. [Sie umarmen einander.] Wie fühlt es sich an?
DER ANDERE: Elendig.