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Naher Osten

Mythen und Fakten über Gaza

In “This Week in Palestine” schreibt Diana Buttu, warum allein Israel vom Rückzug aus dem Gazastreifen profitiert. Einigen ihrer Thesen habe ich die Ausführungen des n-tv-Korrespondenten in Jerusalem, Ulrich W. Sahm, gegenübergestellt, der Buttus Thesen Punkt für Punkt widerlegt:

Buttu über den Abzug allgemein:

The term “disengagement” is a misnomer: it implies that Israel will no longer control the Palestinians. Yet, under the terms of Israel’s plan, Israel will retain complete control over the occupied Gaza Strip as it will control all borders and crossing points (thereby controlling the movement of goods and people), Palestinian airspace and water space.

Sahm:

Die Palästinenser können nach Ägypten ausreisen, der Warenverkehr soll aber über Israel geschleust werden. Denn solange die Palästinenser den Schekel als Währung benutzen und mit Israel eine Zollunion haben, sollen die Waren identisch mit Mehrwertsteuer und Zoll belastet werden.

Buttu über die Lebensfähigkeit des Gazastreifens:

The area of the occupied Gaza Strip is 365 km2, and has an estimated Palestinian population of 1.3 million, living on 55 km2 of built-up land, making the Strip the most densely populated place on earth. In twenty years, the population of the Gaza Strip is expected to reach 2 million Palestinians.

Sahm:

(…) Bevölkerungsdichte allein ist kein Grund für Elend, denn sechs Länder sind noch dichter besiedelt: Macao, Monaco, Hongkong, Singapur und Gibraltar. In der Alterstruktur schlägt nur Uganda den Gazastreifen. Mit 48 Prozent unter 14 Jahren bedeutet Kindersegen einen Fluch. (…) Große aber wohl wenig reale Hoffnungen setzen palästinensische Sprecher in den Tourismus. Der Strand könnte Besucher anlocken, aber die Hamas will keine Bikinis dulden.

Buttu über Freihandel:

If the current levels of absolute control continue, the Gaza Strip will be cut off from the occupied West Bank and the rest of the world, thereby turning the Gaza Strip into a large prison. For the Gazan economy to improve and for the evacuation of the Gaza Strip to be a model of success, Israel will have to ensure that Palestinians and their goods are provided free movement and that they are allowed to live without Israeli control over their lives and their economy.

Sahm:

Bisher war Gazas größtes Kapital die billige Arbeitskraft. Bis zu 122.000 Männer aus Gaza wechselten täglich nach Israel zur Tagelöhnerarbeit. Solange es kaum Terror gab, war der Zugang unkontrolliert. Mit der Rückkehr Arafats nach Gaza begannen israelische Schließungen. Ein elektronischer Zaun um Gaza schleuste den Menschenverkehr durch den Erez-Übergang. Mit Zunahme der Terroranschläge wurden die Kontrollen härter und langwieriger. Immer weniger Palästinenser erhielten eine Magnetkarte. Schließlich versickerte der Strom völlig.

Buttu über den Erez-Industriepark:

The fate of the Erez Industrial Estate (EIE) remains in the hands of Israel. Currently, goods produced in the EIE do not undergo any security or other searches before entering the Israeli market. After the evacuation, the EIE will revert to the Palestinian public domain and, according to Israeli officials, goods produced there will be subject to Israeli searches as well as the existing back-to-back system for the movement of Palestinian goods. This will undoubtedly discourage investment and likely kill the prospects of the EIE (or any industrial area).

Sahm:

Bis Anfang dieses Jahres “blühte” das Erez-Zentrum. 4000 Palästinenser verdienten halb so viel wie in Israel, aber doppelt so viel wie in Gaza, wo es kaum Arbeitsplätze gibt. Nach Selbstmordattentaten und Raketenangriffen wurde es den Israelis zu gefährlich. Die Palästinenser wurden entlassen und das Industriezentrum ist geschlossen.

Buttu über die Zukunft des Flughafens von Gaza:

The Palestinian international airport was opened in 1998 by Presidents Clinton and Arafat and serviced Palestinians seeking to fly in and out of the occupied Gaza Strip. The airport operated under the strict control of Israel. In 2000, the Israeli army closed the airport and several months later destroyed the runway and control tower, with estimated damages exceeding USD $8 million.

Sahm:

Von der internationalen Gemeinschaft finanzierte Infrastruktur fiel den kriegerischen Auseinandersetzungen zum Opfer. Das berühmteste Beispiel ist der “Jassir Arafat Flughafen”. Weil der damalige Palästinenserpräsent dreimal die Woche ins Ausland flog und kistenweise Waffen in den Gazastreifen schmuggelte, pflügte Israel die Landebahn um und stellte Arafat unter “Hausarrest”.

Buttu über die Gewächshäuser aus der Konkursmasse der Siedler und die Wasserversorgung:

The greenhouses currently employ approximately 4,000 Palestinians. While, on face level, it may seem like a good idea for these greenhouses to be maintained, unless the free movement of the goods produced in these greenhouses can be guaranteed and unless the subsidies can be maintained, the greenhouses will be worthless.

Sahm:

Die amerikanischen Vermittler wollen diesen blühenden Industriezweig den Palästinensern weiterverkaufen. Wäre dieses Geschäft früher zustande gekommen, in direkter Kooperation, hätten die Palästinenser auf einen Schlag tausende Arbeitsplätze gewonnen und eine hochspezialisierte Landwirtschaft mit einem Umsatz in Millionenhöhe. So aber sind einige Triebhäuser abgerissen, einige wurden von Siedlern in Brand gesteckt und in anderen sind die Computer für die automatische Bewässerung von Orchideen, Weihnachtssternen und Nelken demontiert worden. Wie die Siedler wollten die Palästinenser bis zuletzt nicht glauben, dass Scharon es mit dem Rückzug ernst meinte.

Sahm weist auch darauf hin, dass im Gazastreifen Süsswasser Mangelware ist. Grund sind die zahllosen illegalen Brunnen, die der unterirdischen Süsswassersse mit Meerwasser versalzten. Die Behauptung, Israel stehle Wasser, ist deshalb falsch, zumal es sogar 13 Millionen Kubikmeter eigenes Wasser aus dem See Genezareth nach Gaza liefert, von den 112.000 Tonnen Kochgas und 660 Millionen Kilowattstunden Strom ganz abgesehen.

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