Israel zieht sich aus dem Gazastreifen zurück und eigentlich, möchte man meinen, müssten jetzt alle zufrieden sein: Die Israelis, weil sie dem Lauf der Demographie ein Schnippchen schlagen; die Palästinenser, weil ihr eigener Staat nun endlich so greifbar scheint wie nie zuvor; Hamas und Islamischer Dschihad, weil sie den Abzug Israels als Sieg verkaufen können; und die linken Dauernörgler in Europa, weil ihnen die Besatzung schon lange als wahre Ursache aller Missstände in der arabisch-islamischen Welt galt.
So könnte es sein. Aber weit gefehlt. Die euphemistisch als “Abzug” betitelte restlose Auflösung der seit der Antike bestehenden jüdischen Besiedlung des Gazastreifens bringt in Europa, so scheint´s, nur Skepsis hervor. Der Iran-Kenner Navid Kermani z.B. berichtet für die Leser das “Taz” aus dem Gazastreifen in denkbar düsteren Tönen:
Auf palästinensischem Boden hat sich nichts geändert, das Anlass zur Hoffnung geben könnte – nicht die Schikanen der israelischen Armee und nicht die Gewaltbereitschaft der Palästinenser, nicht die Korruption der Autonomiebehörde oder der Wille Ariel Scharons, die besetzten Gebiete dauerhaft zu annektieren. Gaza gehört für ihn nicht zu Eretz Israel. Durch den Rückzug mindert Scharon den internationalen Druck. Was sein eigentliches Ziel ist, zeigt der unverminderte Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland. Die israelische Linke unterstützt Scharons Rückzug aus Gaza, nicht weil sie seine eigentlichen Ziele übersieht, sondern weil sie hofft, dass die Aufgabe der Siedlungen eine Dynamik des Friedens freisetzt, die zum Rückzug auch aus dem Westjordanland führen könnte. Scharon wäre der Geist, der das Böse will und das Gute schafft. Aus Sicht der Palästinenser erscheint das so realistisch wie Faust II.
Dass Gaza für Ariel Sharon nicht zu Eretz Israel gehört, hat Kermani ad hoc erfunden. So soll der Eindruck entstehen, dass Sharon und mit ihm Israel der einzige Gewinner des “disengagement” ist. Und deswegen, das weiss Kermani ganz genau, wird alles immer schlimmer:
Es ist nicht lange her, da galten die Palästinenser als die weltoffenste und demokratischste Gesellschaft unter den Arabern, mit dem höchsten Anteil von Frauen in Führungspositionen. Jetzt breitet sich unter ihnen ein religiöser Dogmatismus aus, wie ich ihn in seinem Ausmaß nicht einmal aus Iran kenne.
“Jetzt”, d.h., seitdem Israel sich zurückzieht, schlägt der Fanatismus in der palästinensischen Gesellschaft neue Wogen. Anstatt daraus nun die Schlussfolgerung zu ziehen, dass es den extremistischen Kräften unter den Palästinensern vielleicht gar nicht um Gaza und das Westjordanland, sondern möglicherweise um viel mehr geht, dass sie den Rückzug als Schwäche ansehen und als Aufforderung, nun erst recht gegen Israel loszuschlagen, fällt Kermani nicht mehr ein, als auch an dieser Entwicklung Sharon und Israel die Schuld zu geben.
Und so geht es weiter. Der als Nahostexperte dilettierende Politologe Ludwig Watzal macht sich im “Freitag” (gefunden bei H. Broder) ordentlich Luft, denn der Gazastreifen, so entrüstet er sich, werde “one big prison” sein, allerdings mit der Einschränkung, dass “one” eigentlich mehrere prisons, im Watzalschen Sprachgebrauch: Freiluftgefängnisse” umfasst, “big” eher small meint, und “prison” das komfortable Reisen in Magnetschwebebahnen nicht ausschliessen muss. Und deshalb ist Sharon wieder einmal der Übeltäter:
Ursprünglich stammte die Idee der strikten Separation zwischen Israelis und Palästinensern von der Arbeitspartei. Ariel Sharon wollte davon nie etwas wissen, weil er stets meinte, ein Zusammenleben mit den Palästinensern sei möglich, würden diese den “zionistischen Traum” akzeptieren. Dass der für sie ein Alptraum war, interessierte nicht. Lange Zeit galt für Sharon das kolonialistische Siedlungsprojekt als Teil der israelischen Staatsräson. Vor zwei Jahren jedoch konnte der heutige Premierminister einer völligen Trennung von den Palästinensern plötzlich zusehends mehr abgewinnen. Der Gaza-Rückzugsplan erwies sich als treffsicherer Torpedo gegen die Road Map, von der erzwungenen Reaktion auf die demografische Entwicklung (zugunsten der Palästinenser) ganz zu schweigen.
Weitere Beispiele für diese Attitüde gegenüber Sharon liessen sich nennen. Warum europäische Intellektuelle so sehr mit Sharon über kreuz liegen, und zwar ganz gleich, was der Mann tut oder lässt, damit befassen sich Suzanne Gershowitz and Emanuele Ottolenghi im “Middle East Quarterly”: Europe’s Problem with Ariel Sharon. Die Dämonisierung Sharons gründet sich auf Mythen, die schier unausrottbar sind: Der Besuch auf dem Tempelberg, die Kampagne in Djenin, die Tötung Scheich Yassins. Die Hartnäckigkeit dieser Sichtweise lässt vermuten, dass es hierbei nicht um die Person Sharons geht.
