Was an Amos Oz ist eigentlich links? In der heutigen FAZ weist der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist auf die entschiedene Haltung der Friedensbewegung hin, “dass die Beendigung der Besetzung der Beginn des Friedens sein muss.” Während in Europa unter den Linken die Meinung vorherrscht, dass eine Hamas in der Regierung moderater sein wird als eine Hamas in der Opposition, gibt sich die israelische Friedensbewegung keiner Illusion hin.
“Die Regierung Olmert scheint uns nicht den Tauschhandel ‘Land gegen Frieden’, sondern allenfalls ‘Land gegen Zeit’ zu bringen, denn die Ziele der Hamas gehen eindeutig über eine Rückgabe des Gazastreifens und der Westbank hinaus”, schreibt Oz angesichts des Wahlsiegs von Sharons Kadima.
Wieder einmal bestätigt sich mein Eindruck, dass die israelische Linke in ihrer Mehrheit anders ist als die europäische. Irgendwie habe ich mit der israelischen Linken weniger Probleme als mit der deutschen oder europäischen. Und die Frage ist, warum.
Natürlich ist auch in Israel die Linke nicht homogen. Es gibt auch die Irrwische um Gush Shalom und dessen bekanntesten Vertreter Uri Avneri, die immerzu glauben, dass alles gut wird, wenn Israel sich erst auf die Grenzen von 1967 zurückgezogen hat. Aber Leute wie Avneri oder Felicia Langer scheinen mir die Ausnahme. Was die israelische Linke in ihrer Mehrheit von der europäischen trennt, ist, so mein Eindruck, durchaus erheblich:
- Die israelische Linke ist zuerst einmal nicht anti-israelisch. Dass Israel eine Demokratie ist, wird allgemein nicht bestritten. Das kann von europäischen Linken nicht so ohne weiteres gesagt werden.
- Die israelische Linke ist in der Regel nicht pazifistisch. Sie weiss, dass der Staat Israel ohne Bereitschaft zur Verteidigung nicht würde bestehen und ohne Waffengebrauch nicht hätte gegründet werden können. Inititativen wie Yesh Gvul und Yotz’im min ha-Shtahim bilden da keine Ausnahme.
- Die Linke in Israel geriert sich normalerweise nicht antiwestlich und betreibt keinen Kulturrelativismus. Ich erinnere mich an einen Vortrag von Shimon Peres in der Hebräischen Universität Jerusalem, bei dem ich vor einigen Jahren zugegen war, auf der Peres als zentralen Wert der westlichen Welt die Freiheit nannte. Von welchem Linken wurde hierzulande je ein solch klares Statement gehört?
- Die israelische Linke sucht die Schuld für den Nahostkonflikt nicht einseitig bei Israel. Die Schriftstellerin Tsruya Shalev kommentierte den Ausbruch der Intifada II so: “Ich habe an den Frieden geglaubt, habe geglaubt, dass die Palästinenser in Frieden mit uns leben wollen. Jetzt aber habe ich – wie viele in Israel – den Eindruck, sie wollen vielleicht gar keine Koexistenz in einem eigenen Staat, sondern sie wollen das ganze Land.” Und Benny Morris, einer der bekanntesten Vertreter der linken “Neuen Historiker” meinte zum selben Thema: “Yes, the Palestinians are to blame. And this is true not only because they rejected Ehud Barak’s generous offer but also because they are unwilling to come to terms with Israel’s existence here. They want to throw [the Jews] into the ocean, and anyone who holds a different opinion is mistaken. These are the words of the Historian.”
- Die israelische Linke hat kein Verständnis für Selbstmordattentäter. Ich erinnere mich an einen Aufsatz ebenfalls von Amos Oz, in dem dieser darauf hinwies, dass islamistischer Terror eben nicht nur in Israel, sondern nahezu überall in der islamischen Welt stattfinde und allein schon deshalb das Phänomen der Selbstmordattentate nicht mit der israelischen Besatzung erklärt werden könne.
- Die israelische Linke glaubt nicht an den binationalen Staat. Der Sicherheitszaun war ihre Idee. Auch Amos Oz ist nicht grundsätzlich gegen eine solche Barriere.
Was also macht die israelische Linke als solche aus? Und die Antwort: Im wesentlichen ihr Eintreten für einen palästinensischen Staat und den säkularen Charakter Israels. Und mit solchen Leuten kann ich sehr gut umgehen, mit ihnen diskutieren, mich mit ihren Positionen auseinandersetzen.
In Deutschland dagegen ist es anders: Die Linke hierzulande hat sich im Grossen und Ganzen nie mit der Existenz eines jüdischen Staates anfreunden können, kann diesen bestenfalls tolerieren. Sicher, die Linke hat nichts gegen Juden, sie liebt sie sogar, aber eben vorzugsweise in der Opferrolle. Israel dagegen wurde gegründet, weil die Juden nicht länger Opfer sein wollten. Das ist die Crux.
Ich verspüre daher meist wenig Lust, mit europäischen Linken über Israel zu diskutieren, und zwar nicht deswegen, weil ich an einer Überidentifikation mit dem Staat Israel leide, sondern weil ich grundsätzlich mit dem Typus des moralisierenden Intellektuellen, der seinen ganzen Ärger mit allem Irdischen in einen antiwestlichen Selbsthass sublimiert, meine Schwierigkeiten habe. Europäische Linke können von der israelischen noch viel lernen.
