Viele haben es nicht geglaubt, die Palästinenser selbst haben es lange nicht für möglich gehalten: Israel, seine Siedler und seine Truppen, haben sich restlos aus dem Gazastreifen zurückgezogen. Wie es mit dem Friedensprozess, namentlich: mit der Road Map, weitergeht, hängt davon ab, inwieweit der Gaza-Rückzug zu einem Erfolg wird. Pierre Heumann von der Schweizer »Weltwoche« schreibt dazu auf seinem Blog:
Jetzt weiss man nämlich: Die befürchtete Spaltung des Landes ist ausgeblieben, die radikalen, Chaos verbreitenden Jugendbanden sind verstummt, und vor allem: Der überaus grösste Teil des Landes scheint förmlich erleichtert zu sein, Gaza nach 38 Jahren endlich los zu sein. Fragt sich nur, weshalb kein Politiker früher auf die Idee gekommen ist, Siedler und Soldaten aus Gaza abzuziehen.
Man fragt sich. Aber ganz so einfach ist es nicht. Gaza ist offensichtlich der Testlauf für weitere Schritte zum Frieden, die da hoffentlich kommen mögen. Wird Gaza zu einer Hochburg des Terrorismus, hat Sharon (oder sein Nachfolger) schlechte Karten, sich aus der Westbank, und sei es nur aus dessen grösstem Teil, zurückzuziehen. Israel ist Gaza losgeworden, aber welchen Nutzen Israel davon hat, muss sich noch herausstellen.
Denn ob Israel jemals eine Friedensdividende einstreichen wird, scheint angesichts jüngster Ereignisse immer fraglicher. Solange der Erez-Übergang nach Israel geschlossen ist, droht jedenfalls keine Gefahr. In Zukunft könnte das anders sein, denn, so ein Sicherheitsoffizier im Gespräch mit der »Jerusalem Post«: »”We know that in the past two days vast amounts of ammunition, weapons and fugitives entered Gaza. We fear that some of the weapons will make their way to the West Bank.”
Der drastische Fall der Schwarzmaktpreise für Waffen im Gazastreifen deutet zudem auf erfolgreichen Schmuggel. In Rafah an der ägyptischen Grenze wurde von der Hamas eine Mauer gesprengt, um dem Übergang nach Ägypten breiteren Raum zu verschaffen. Der Vorsitzende des Verteidigunskomitees der Knesset, Yuval Steinitz (Likud), kritisierte die ägyptischen Sicherheitskräfte wegen ihrer laxen Haltung und bemängelte, dass die Grenze Gaza-Ägypten zu einer offenen Flanke für Waffenschmuggel geworden sei.
Mittlerweile hat Ägypten die Grenzübergänge bei Rafah zum Gazastreifen wegen der chaotischen Zustände geschlossen. Den palästinensischen Behörden wurde mitgeteilt, dass die Ein- und Ausreise zwischen Ägypten und Gaza nicht mehr möglich ist. Zugleich aber wächst sowohl bei israelischen als auch bei palästinensischen Sicherheitsbehörden die Sorge, dass mehr und mehr Anhänger des internationalen Terror-Netzwerks al-Qaida vom Sinai (Ägypten) in den Gazastreifen eindringen könnten.
Es ist bekannt, dass es in Ägypten Terrorzellen der al-Qaida gibt. Eine solche Zelle hat sich im Sinai auf der Spitze des Berges Jabel Hilal verschanzt. Dort ist sie etwa 40 km von el-Arish entfernt und sicher vor Minen. Die ägyptischen Sicherheitskräfte riefen für das Gebiet eine Ausgangssperre aus, doch bis jetzt gelang es ihnen nicht, die Region unter Kontrolle zu bekommen. Rafiq Husseini, der Berater von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, sagt dazu: “Wir machen uns sogar mehr Sorgen als Israel darüber, dass al-Qaida hier her kommt, denn Al-Qaida würde uns noch mehr schaden als Israel.” Die al-Qaida im Gazastreifen wäre eine ernsthafte Gefahr für neue Friedensverhandlungen mit Israel, so Husseini.
Unterdessen achtet die Hamas darauf, sich von der al-Qaida nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. So verkündete der Führer der Hamas im Gazastreifen, Mahmud al-Zahar, dass der »zionistische Feind« nur die Sprache der Gewalt verstehe und man als nächstes Haifa und Jaffa (Yafo) aus der Hand der »zionistischen Besatzer« befreien werde. Ziel sei nach wie vor die Befreiung »ganz Palästinas«, frei von allen Zionisten. Und das heisst: Juden.
Eine Entwaffnung der eigenen Milizen wird abgelehnt. Und Abu Hashish, einer der Führer des Islamischen Djihad (Jihad Islami) kündigt (gefunden auf qudsnews.net) an: Das Ende der Besatzung im Gazastreifen sei nur »der erste Schritt von hundert notwendigen Schritten zur Wiederherstellung Palästinas vom Meer bis zum Fluss (min bahriha ila nahriha)«, also vom Mittelmeer bis zum Jordan.
