Ist Israel ein normaler Staat? Oder vielleicht eher ein Anachronismus? Eine Diskussion dieser Fragen scheint selbst anachronistisch und wenig erkenntnisversprechend. Aber solange Israel und die Juden für viele Zeitgenossen eine regelrechte Obsession sind, werden diese Fragen immer und immer wieder aufgeworfen und verlangen nach Antwort.
Einer dieser Zeitgenossen mit einem augenscheinlichen Hang zur Dauerbeschäftigung mit dem Palästina-Problem (das zeigt die ungeheure Anzahl seiner Publikation zu diesem Thema) ist ein Publizist namens Ludwig Watzal. Einige Webseiten beschäftigen sich schon seit längerem mit Watzals Äusserungen, gilt er doch anderswo als Fachmann für den Nahostkonflikt.
Nun ist seine Einstellung, die manche für antiisraelisch und antisemitisch halten, zu einem Politikum geworden, das die Bundeszentrale für politische Bildung, bei der Watzal beschäftigt ist, in Bedrängnis bringt. Im folgenden geht es mir nicht so sehr um die Person Ludwig Watzals, als mehr um eine gewisse Einstellung, die paradigmatisch für viele der heutigen Israelkritiker ist.
Es ist es vor allem eine Behauptung, die im Disput um den Staat Israel stetig wiederkehrt und die Art seiner Entstehung berührt: “Die Gründung des Staates Israel ging auf Kosten der Palästinenser.” Diese Behauptung ist ungerechtfertigt und haltlos.
Ein sehr beliebter Vorwurf, den neben Ludwig Watzal auch schon der Journalist Marcel Pott in seinem Buch “Schuld und Sühne im Gelobten Land. Israels Sonderrolle im Schutz der westlichen Welt” (Köln 2002) einem grösseren Publikum dargelegt hat. Darin heisst es, auf Israels Besatzungspolitik bezogen:
“Darf der Holocaust als Rechtfertigung oder Entschuldigung für die gezielte Missachtung des rechts dienen? (…) Vergangenes Unrecht darf nicht als Rechtfertigung für heutiges Unrecht dienen.”
Ob in dieser rhetorischen Frage eine Gleichsetzung der israelischen Besatzungsmacht mit dem Naziregime vorliegt, interessiert mich weniger und ich überlasse diese Frage gerne anderen. Mich beschäftigt mehr die Argumentation, wie die Ursache des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern auf die Staatsgründung Israels zurückgeführt wird.
So soll der jüdische Staat nur deshalb gegründet worden sei, weil der Holocaust eine nationale Heimstätte für jüdische Überlebende notwendig gemacht hat. Auch der iranische Präsident Ahmadi-Nejad erregte kürzlich mit derlei Äusserungen den Anstoss der westlichen Öffentlichkeit. Bei Ludwig Watzal liest sich das in einem seiner englischen Aufsätze so:
There is one predominant factor which legitimizes the State of Israel: the Holocaust. The systematic attempt by the German Nazis to wipe out European Jewry resulted in the murder of at least six million Jews; it was the first appearance in history of biological antisemitism. Israel would have been also established without the holocaust. One of the features of the holocaust as an apologia is that no attention is paid to the cost to the Palestinians.«
Was ist falsch an dieser Behauptung? Zuerst einmal ist es unbestritten, dass es Vertreibungen gegeben hat. Um jedoch zu einer gerechten Bewertung der Ereignisse zu kommen, müssen wir sie in einem grösseren Massstab betrachten. Der Staat Israel ist, genau wie seine Nachbarstaaten rund um das Östliche Mittelmeer, auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches entstanden.
Vertreibungen gab es auch anderswo. Während jedoch die Opfer solcher Vertreibungen Zuflucht bei einem Mutterland ihrer Titularnation finden konnten, weigerten sich die arabischen Staaten, die von Israel vertriebenen Araber als gleichberechtigte Bürger bei sich aufzunehmen. In diese Zeit fällt die Erfindung einer palästinensischen Nation, deren Existenz bis dahin nie behauptet worden war.
Die Palästinenser sind heute das einzige Volk auf Erden, das für sich in Anspruch nimmt, sein historisch angestammtes Siedlungsgebiet sei auf den Quadratzentimeter genau identisch mit den Herrschaftsgrenzen eines anderen Staates, namentlich Israel. Ein vergleichbarer Fall auf der ganzen Welt ist mir nicht bekannt.
Warum gibt es heute kein dem palästinensischen vergleichbares griechisches oder türkisches Problem? Die Antwort ist einfach: Weil die griechischen (orthodoxen) Flüchtlinge aus Kleinasien und die türkischen (muslimischen) Flüchtlinge aus Griechenland Anfang des 20. Jahrhunderts Aufnahme und Integration in den beiden Nationalstaaten fanden, zu deren jeweiliger Titularnation sie gehörten, nämlich Griechenland und die Türkei.
Die arabischen Länder dagegen setzten alles daran, mit dem Verweis auf die distinkte palästinensische Nation dieser ein gesondertes Recht auf das Land Palästina zuzusprechen. Zugleich erkannte man die Zugehörigkeit der Palästinenser zu den arabischen Völkern an, sodass man sich ihre Sache in der politischen Rhetorik leicht zu eigen machen konnte, ohne sich zugleich für ihre Einbürgerung verantwortlich zu fühlen.
Deshalb wurden zuerst all diejenigen Araber zu Palästinensern, die auf dem Boden des Staates Israel angesiedelt waren; später, ab 1967, galten dann auch die Araber im Gazastreifen und der Westbank, sowie den Golanhöhen, als Palästinenser — und niemand auch nur einen Quadratzentimeter darüber hinaus!
Allein diese offensichtlich politisch motivierte Konstruktion einer palästinensischen Identität macht die palästinensische Sache wenig glaubhaft. Vor 1948 hatte das Land aus arabischer Sicht als Teil eines historischen Grossyriens gegolten. Der Allgemeine Syrische Kongress vom 8. März 1920, dem auch Delegierte aus Palästina angehörten, hatte Faisal ibn al-Husain zum König eines syrischen Staates proklamiert.
Nicht, dass heute gegen die Gründung eines palästinensischen Staates zur Lösung des Nahostkonfliktes etwas zu sagen wäre, aber in historischer Perspektive ist das Los der Palästinenser eher ein Resultat des Verhaltens der arabischen Nachbarländer als das Israels. Wenigstens Syrien oder Jordanien hätten die Einbürgerung aller palästinensischen Flüchtlinge im Geiste voller Gleichberechtigung zum Ziel ihrer Politik machen müssen.
Dann jedenfalls würde uns heute die Forderung nach einem Staat für die Palästinenser in der Westbank genauso absurd erscheinen, wie die nach einem Staat für die pontischen Griechen auf dem Boden Kleinasiens. Die 1937 von der britischen Mandatsmacht über Palästina eingesetzte Royal Commission hatte seinerzeit übrigens einen Austausch der Bevölkerung Palästinas nach dem Vorbild der Griechen und Türken vorgeschlagen.
Diese hatten, wie oben erwähnt, in den Jahren 1922-23 ihre jeweilige muslimisch-türkische und christlich-griechische Minderheit aus dem eigenen Herrschaftsbereich weitgehend vertrieben und dies im Lausanner Vertrag von 1923 mit rechtlichen Weihen versehen. Was ins kollektive Geschichtsbewusstsein der Griechen als “Kleinasiatische Katastrophe” (Mikrasiatikí Katastrofí) eingegangen ist, erschien der britischen Mandatsmacht als diskutables Vorbild zur Lösung der Palästinafrage.
