Kategorien
Naher Osten

Manipulation mit Umfragen

Aus gutem Grund gehe ich mit Umfragen aus dem Nahen Osten zurückhaltend um, zu gross ist die Gefahr einer Manipulation. Sicher ist: Man kann in einer Diktatur nicht ohne weiteres Massen zu politischen Themen befragen, doch das scheint vielen im Westen nicht bewusst zu sein. Sie stürzen sich auf jede Umfrage, die ihrer Agenda entspricht.

So gab es vor vielen Jahren einmal eine Umfrage des renommierten amerikanischen Pew-Instituts, derzufolge eine überwältigende Mehrheit von 83% der iranischen Bevölkerung die Herrschaft der Scharia in ihrem Land begrüsst. Iraner wollen die Scharia? Wer sich ein wenig mit Iran auskennt, weiss, dass dieser Befund vollkommen absurd ist.

Wer nämlich eine Umfrage in einer Diktatur wie der Islamischen Republik durchführen will, braucht Personal vor Ort. Und das ist das Problem. Das herrschende Regime wird immer Mittel und Wege finden, dass die richtigen Leute angeheuert werden und die richtigen Ergebnisse liefern. Genauso dürfte es auch im Gazastreifen gewesen sein.

Als vor einiger Zeit das in Ramallah, also in der Westbank, ansässige Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR) mit der Umfrage an die Öffentlichkeit trat, wonach 72% der Bewohner des Gazastreifens es richtig fanden, dass die Hamas am 7. Oktober Israel angriff, dann hatte das zunächst einmal eine gewisse Glaubwürdigkeit, bedenkt man das Ausmass antiisraelischer Hetze in den arabischen Ländern im allgemeinen.

Warum sollte im Gazastreifen die Stimmung eine ganz andere sein? Auch, dass derselben Umfrage zufolge eine Mehrheit der Gazaner nichts von Grausamkeiten der Hamas an der israelischen Zivilbevölkerung zu wissen behauptete, passte ins Bild. Diese Informationen über das Massaker werden den Menschen in der Islamischen Welt von den Medien vielfach (oder gänzlich?) vorenthalten.

Es ist eine Umfrage, die der Hamas Sympathien in der Islamischen Welt sicherte und den Westen in seiner Annahme bestätigte, dass nicht allein die Hamas Schuld trägt an den Zerstörungen im Gazastreifen, sondern dessen Bevölkerung ihren Anteil daran hat.

Dennoch war Vorsicht geboten. Eine Umfrage, durchgeführt von welchem Institut und ansässig in welchem Teil der Welt auch immer, braucht im Gazastreifen Personal vor Ort und die Hamas wird die Gelegenheit nutzen, die Ergebnisse in ihrem Sinne zu manipulieren. Daher habe ich die Umfrage des PCPSR auf diesem Blog nie herangezogen.

Haben doch nur dreissig Prozent der Gaza-Bewohner die Hamas unterstützt?

Nun will die israelische Armee tatsächlich Dokumente gefunden haben, aus denen hervorgeht, dass die Hamas die Ergebnisse zu ihren Gunsten gefälscht hat, bevor sie nach Ramallah gemeldet wurden. Aus den Dokumenten soll hervorgehen, dass nur etwas mehr als dreissig Prozent der Gazaner die Hamas unterstützt haben. Das PCPSR hat dann in gutem Glauben die aus dem Gazastreifen übermittelten Werte übernommen.

Man muss folgendes bedenken: Selbst wenn eine Mehrheit der Gazaner, beeinflusst durch die antiisraelische Hetze arabischer Medien, eine israelfeindliche Einstellung haben sollte, so muss ihnen klar sein, dass jeder Angriff der Hamas auf israelisches Territorium einen Gegenschlag Israels zur Folge haben wird und sie darunter zu leiden haben.

Das allein sollte für sie Grund sein, das Massaker vom 7. Oktober (den sie, wie gesagt, nur als “Angriff” kennen), abzulehnen. Von daher bot eine Umfrage, wonach eine überwältigende Mehrheit der Bewohner im Gazastreifen die Hamas unterstützt, immer schon Anlass zur Skepsis. Mit den aktuell geborgenen Dokumenten scheint diese Skepsis endgültig begründet.

[Ursprünglicher Titel: „Wie eine Umfrage gefälscht wurde“]

Von Michael Kreutz

Dr. phil., Orientalist, Neogräzist, Politikanalyst, Buchautor und Journalist.

Translate »