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Zukunftsfragen

Offenheit, Differenz und Kausalität

«arrangement different castes including snake«/ CC0 1.0

Der Begriff des Pluralismus verschwand aus der politischen Öffentlichkeit, als der der Vielfalt oder Diversität seinen Aufstieg nahm. Pluralismus, also das Nebeneinander verschiedener Überzeugungen und Lebensstile und damit die Fähigkeit, Andersartigkeit auszuhalten, sind für eine Demokratie essenziell.

Vielfalt wird aber keineswegs als Synonym gedacht, sondern allein auf die ethnische Herkunft bezogen und damit wird die Kausalität in ihr Gegenteil verkehrt: Nicht die Offenheit der Gesellschaft macht Einwanderung möglich und sie selbst dadurch ethnisch vielfältiger, sondern Einwanderung und ethnische Vielfalt machen die Gesellschaft offener.

Diese Verkehrung der Kausalität ist Ausdruck eines politischen Extremismus, der jeden rassistischen Vorfall für «systemisch» erklärt und der bürgerlichen Gesellschaft als solcher zur Last legt. Dahinter steckt der alte Marxismus und damit eine antikapitalistische Ideologie, insofern als nach Marx sich im Kapitalismus die Herrschaft in Produktion verkleidet.

Noch drastischer hat es Friedrich Engels 1844 formuliert, als er in seinen „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ schrieb: „Die Konkurrenz hat alle unsere Lebensverhältnisse durchdrungen und die gegenseitige Knechtschaft, in der die Menschen sich jetzt halten, vollendet.“ Der Kapitalismus und damit die bürgerliche Gesellschaft, so glaubten Marx und Engels, hetzten die Menschen beständig gegeneinander auf.

Dies geschieht, damit sie ihrer Ausbeutung leichter zugänglich werden. Ein kapitalistischer Ausdruckscode in Bezug auf Haltung, Stimme, Kleidung usw. sollen es zudem einfach machen, Klasse mit Rasse zu assoziieren, sodass Rassismus und die beständige Selbstausbeutung zu einer Angelegenheit des bürgerlichen Alltags werden. Damit stellt der Marxismus die Realität auf den Kopf.

Die Delegitimierung der bürgerlichen Gesellschaft

Denn in der kapitalistischen bürgerlichen Ordnung spielt die soziale und ethnische Herkunft eine weitaus geringere Rolle als in allen Gesellschaftsordnungen vor ihr. Indem in ihr der Wohlstandskuchen durch Einwanderer wächst, unterscheidet sie sich vom Sozialismus, der ihn in immer kleinere Stücke schneiden müsste, würde er sich Einwanderung in grossem Stil erlauben.

Im Sozialismus haben die Menschen einen Anreiz, ganz grundsätzlich gegen Einwanderung zu sein. Im Kapitalismus gibt es diesen Anreiz nicht. Der Protest gegen eine Zuwanderung, die vorwiegend die Sozialsysteme belastet, bleibt davon unbenommen. In der Summe haben sich kapitalistische Länder denn auch als sehr viel offener gegenüber Migration erwiesen als sozialistische.

Die heutigen marxistischen Kräfte in unserer Gesellschaft haben längst darauf verzichtet, sich offen auf Marx und Engels zu berufen oder die bürgerliche Demokratie zu delegitimieren. Stattdessen greifen sie die bürgerliche Gesellschaft an und versuchen, Migranten gegen diese in Stellung zu bringen, indem sie ihnen einreden, qua ethnischer Herkunft dauerhaft Opfer zu sein.

Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn marxistische Kräfte wieder von einem «systemischen» und «institutionalisierten» Rassismus sprechen, der angeblich in unserer Gesellschaft herrsche. Viele Menschen spüren, dass mit diesem Narrativ etwas nicht stimmt, was zum Teil den Zulauf zu rechtspopulistischen Kräften wie der AfD erklären mag, die ein generelles Misstrauen gegen Einwanderung sät.

Die bürgerliche Gesellschaft sollte das nicht beirren. Sie sollte sich von marxistischer Propaganda ebenso scharf distanzieren wie von rechtspopulistischer Stimmungsmache und darauf pochen, dass Deutschland ein weltoffenes Land ist, das Einwanderung und infolgedessen eine ethnisch differenzierte Gesellschaft möglich macht – aber eben nicht umgekehrt. Auf die Kausalität kommt es an.

Von Michael Kreutz

Dr. phil., Orientalist, Autor, Journalist.

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