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Naher Osten

Die intellektuelle Nakba der Israel-Kritiker

Ob das, was unter dem Etikett Israel-Kritik firmiert, antisemitisch ist, sei einmal dahingestellt. Auffällig ist aber, wie wenig sich die Generalkritiker Israels von Fakten beirren lassen oder auch nur bereit sind, in irgendeiner Weise auf sie einzugehen. Denn 2005 ist etwas eingetreten, was viele schon nicht mehr für möglich gehalten haben.

Damals hat Israel sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen, und zwar nicht nur seine Truppen, sondern auch sämtliche seiner jüdischen Bewohner. Damit hätten die Palästinenser die Möglichkeit gehabt zu zeigen, dass sie ein prosperierendes Staatswesen, dass friedlich an Israels Seite existiert, aufzubauen in der Lage sind. Und Israel hätte keinen Grund mehr gehabt, sich nicht zumindest soweit aus dem Westjordanland zurückzuziehen, dass auch dort ein palästinensischer Staat hätte entstehen können.

Mit diesem Vorhaben kam Olmert an die Macht. Während Israel also eine Regierung wählt, die gewillt ist, das Erbe Sharons fortzuführen, entsteht im Gazastreifen ein Hamastan, weil offensichtlich nicht wenige Palästinenser jedes Zugeständnis Israels als Schwäche interpretieren. Wäre hier nicht ein wenig Kritik an der palästinensischen Seite angebracht?

Die Israel-Kritiker jedoch ignorieren das, oder aber sie wissen über Gaza nicht mehr zu sagen, als dass es ein israelisches Freiluftgefängnis sei. So schreibt Alfred Grosser in seiner Replik auf Henryk Broder in der FAZ, dass der Antisemitismusvorwurf gegen ihn und seinesgleichen verhindern solle, dass über die israelische Besatzungspolitik gesprochen werde. Dass diese Besatzungspolitik aber schon längst der Vergangenheit angehören könnte, hält Grosser aber noch nicht einmal einer Erörterung für würdig.

Auch andere Israel-Kritiker reden heute immer noch so wie vor drei oder zehn oder zwanzig Jahren. Zwar zeigt sich in Umfragen eine Mehrheit der Israelis regelmässig überzeugt, dass zum Frieden kein Weg an einem palästinensischen Staat vorbeiführt. Und auch strebt Regierungschef Olmert nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch aus eigennützigen ein entsprechendes Abkommen an: So kann die Bevölkerung des Westjordanlandes im Falle eines zu errichtenden Palästinenserstaates dazu beitragen, die jüdische Bevölkerungsmehrheit im Kernland zu verstärken.

Aber dies hat wenig Zukunft, wenn ein Rückzug von der Gegenseite als Schwäche interpretiert und das einstmals besetzte Gebiet als Operationsbasis für Angriffe auf Israel zweckentfremdet wird. Wenn dies die Antwort auf israelisches Entgegenkommen ist, dann geht die Besatzung eben weiter.

Die Israel-Kritiker kann das freilich nicht erschüttern. Kein Wort verlieren sie darüber, dass Israel durchaus ein Interesse an einer Beendigung der Besatzung hat und Gaza lediglich der erste Schritt hätte sein können. Im Gegenteil, sie reden, als ob die Besatzung zunehme und von Tag zu Tag schlimmer werde. Und nur sie, die Israel-Kritiker wagen es, ihre Stimme zu erheben und gegen das Unrecht der Besatzung aufzutreten. Wofür sie von einer angeblichen Israel-Lobby mundtot gemacht werden sollen.

Nein, antisemitisch ist das nicht. Aber reichlich selbstgefällig und ignorant.

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