Im Iran strömen die Menschen in Scharen gegen das Regime auf die Strassen. Einmal mehr wird das Kopftuch zum Symbol des repressiven Charakters der Islamischen Republik Iran. Oder ist es vielmehr der Kopftuchzwang, nicht das Kopftuch selbst, wie viele westliche Kommentatoren klarzustellen sich beeilen, die einen Reputationsschaden für den Islam befürchten?
Schlagwort: Islam
Dass die soziale Kontrolle das Hauptproblem muslimischer Gesellschaften ist, habe ich immer wieder in Blogposts, Aufsätzen und Vorträgen hervorgehoben. Im allgemeinen hat es das Individuum in muslimischen Gesellschaften schwer; dem Mainstream zuwiderlaufende Meinungen oder Lebensstile werden schnell als Verrat an der muslimischen Gruppenidentität gebrandmarkt.
Scharia auf Planet Faktencheck
Kürzlich zitierte die AfD aus einer Umfrage des renommierten amerikanischen Meinungsforschungsinstituts “Pew”, wonach neunundneunzig Prozent der Afghanen die Scharia als offizielle Gesetzgebung ihres Landes befürworten. Die AfD mag eine rechtsradikale Partei sein, der man nicht so leicht Glauben schenkt, aber das Zitat ist korrekt. Kritisieren kann man, dass die Umfrage schon acht Jahre alt ist und man nicht weiss, ob heute, nach der neuerlichen Machtübernahme der Taliban, der Anteil der Schariabefürworter immer noch dermassen hoch ist.
Susanne Schröter: Allahs Karawane
Der Volksislam geniesst noch immer wenig Aufmerksamkeit in der medialen Debatte über Islam und Moderne, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass er regional weit aufgefächert ist und sich nur schwer überblicken lässt. Die vielleicht einzige Person, die dies mit wissenschaftlichem Anspruch zu leisten imstande war, dürfte die Orientalistin Annemarie Schimmel gewesen sein.
Vor fünf Jahren schrieb der Militärhistoriker Andrew J. Bacevich in seinem Buch America’s War for the Greater Middle East, dass Afghanistan wie ein Tumorpatient behandelt worden sei, den man aus der Chemotherapie entlässt, sobald der Tumor verschwindet, ohne einen Gedanken an ein Rezidiv zu verschwenden. Hintergrund war ein neues Verteidigungskonzept, das sich als fatal erweisen sollte.
Im Internet kann man bombastische Webpräsenzen von Leuten finden, die Islamwissenschaften oder Orientalistik studiert, aber noch keinen einzigen Fachaufsatz, keine einzige Rezension und kein einziges Buch, geschweige denn eine Doktorarbeit publiziert haben, sich aber erfolgreich als Referenten für den Nahen Osten anbieten, um ihr Halbwissen unter die Leute zu bringen.
Die aktuelle Diskussion über die Linke und den Islamismus habe ich in einem Beitrag für die NZZ um einen, wie ich meine, wichtigen Aspekt ergänzt, nämlich um das Verhältnis der Islamwissenschaften zum Islamismus.
Das Thema werde ich bei Gelegenheit vertiefen, denn meine Beobachtungen lassen sich auf auf angrenzende Fächer beziehen.
Die “Wiener Zeitung” hat einen längeren Artikel zum Thema “politischer Islam” gebracht und ihn mit einigen Statements von mir garniert.
Den Artikel unter dem Titel “Wie viel Politik im Islam steckt” gibt es auch online hier.
[Wiederhergestellt]
Politischer Islam (3)
„The political future of Germany is largely dependent on her attitude towards Islam.“ (Mohammed Iqbal in einem Brief an Martin Hartmann, 1910)
Zu den Irrtümern der Debatte um einen politischen Islam gehört, dass es nur irgendwie darum gehen müsse, der dschihadistischen Gewalt Herr zu werden und man dafür nur die entsprechenden Passagen des Koran historisch zu lesen brauche. Aber das Problem sitzt tiefer und besteht in einem Mangel an individueller Freiheit, der in den muslimischen Gesellschaften herrscht. Die Unterdrückung individueller Lebensentwürfe führt dann mitunter zur Radikalisierung und Phänomenen wie dem politischen Islam.
Politischer Islam (2)
“Das ‘prophetische Nein’ ist exklusiv (…) und was immer dieser absoluten Wahrheit entgegensteht, ist gefährlich, verboten, sündig und muß, wie der Muslim sagen würde, ‘mit dem Schwert des lāʾ’ abgeschnitten werden.” (Annemarie Schimmel, 1995)
Politischer Islam ist ein unscharfer Begriff. Wenn wir einmal annehmen, dass damit der Islamismus gemeint ist, dann lässt er sich definieren als die Idee, dass Islam und das islamische Recht eine zentrale Rolle im politischen Leben spielen sollen. Damit ist er gegen eine Trennung von Religion und Staat gerichtet und macht, wie es der amerikanische Fachmann Shadi Hamid (2016) formuliert, den Islam “zu einer politischen Theologie der Authentizität und des Widerstandes gegenüber dem Konglomerat aus Säkularismus, Kolonialismus und Authoritarismus.”
