Wenn es um Fussball oder den Nahen Osten geht, wimmelt Deutschland von Experten. Eine Gruppe von sechzehn Akademikern mit Doktortitel, denen die Redaktion der «Zeit» ehrfurchtsvoll attribuiert, «führende Experten für die Region» zu sein (damit auch ein wenig akademischer Glanz auf das eigene Haus fällt), hat nun in einer Stellungnahme Bedenken gegen die Verurteilung der BDS-Bewegung durch den Bundestag geäussert – so verdruckst, wie nur führende Experten das können.
Schlagwort: Orientalistik & Islamwissenschaft
Abgründe der Islamwissenschaft
Zweifellos wird am deutschen und überhaupt westlichen Universitäten immer noch Spitzenforschung in Bezug auf den Islam getrieben und gibt es noch immer viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in jahrelanger Kleinarbeit Quellen erschliessen und das Wissen der Menschheit über noch die abwegigsten Aspekte der islamischen Zivilisation um einige Mosaiksteine bereichern.
Steile Thesen halten meist den Fakten nicht stand. Dass eine mega-hyper-steile These, wie der Münsteraner Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer sie in seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011) aufgestellt hat, ungeachtet ihrer argumentativen Defizite den wohl bedeutendsten Forschungsförderpreis in Deutschland erhalten hat, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass sie ganz der Weltanschauung des Postkolonialismus verpflichtet ist, der die Tendenz aufweist, nicht-westliche Kulturen für friedlicher und fortschrittlicher zu halten als westliche.
Fallstricke der Islamapologetik
Dass Verteidiger des Islam häufig auf eine Art und Weise argumentieren, die eigentlich das Gegenteil von dem bewirkt, was sie beabsichtigen, fasziniert mich immer wieder ungemein. Viele sind sich nicht bewusst, dass das, was sie da als fortschrittlich am Islam preisen, alles andere als fortschrittlich ist und eher Teil des Problems denn Teil der Lösung. Solcherlei Argumentation findet dann meist den Beifall einen nichtmuslimischen dialogbewegten Publikums, das sich bereitwillig in die Irre führen lässt.
Die Moderne nicht vollständig realisiert zu haben, ist vor allem der Islamischen Welt nachgesagt worden. Einspruch kommt von dem Arabisten Thomas Bauer, der jene zumindest in historischer Perspektive für weitaus fortschrittlicher hält, als der heutige Zustand vermuten lässt. Sein zentrales Kriterium für dieses Urteil ist die „Ambiguitätstoleranz‟, die in der Islamischen Welt über Jahrhunderte in ungleich höherem Masse gepflegt worden sein soll als im Westen.
Herr Lüders und der Sündenfall
Derzeit gross angesagt ist das im vergangenen Jahr erschienene Buch des Nahostexperten Michael Lüders, der aus den Medien weithin bekannt ist. Das Buch scheint gut anzukommen, wie auch eine völlig unkritische Rezension in den aktuellen DAVO-Nachrichten1 zeigt. Tatsächlich handelt es sich bei dem Buch um ein Machwerk, wie gleich schon zu Beginn deutlich wird.
Über den gegenwärtigen Zustand der Islamwissenschaften gäbe es eine Menge zu sagen, positives wie negatives. Vieles ist zu loben, manches zu tadeln. Was die Grundlagenforschung betrifft, so werden an den einzelnen Instituten zu allen Aspekten der Islamischen Welt noch immer hervorragende Leistungen erbracht. Unübersehbar ist jedoch, wie sehr der Postkolonialismus dem Fach seinen Stempel aufgedrückt hat – mit verheerenden Folgen, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.
Nomaden und Grossmächte
An dieser Stelle ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Ab und an machen Wissenschaftsverlage ältere Inhalte gratis online verfügbar. Das betrifft auch den aus meiner Feder stammenden Artikel «Der politische Nomade: Die Wahhābiten des 19. Jahrhunderts im Spiegel französischer Diplomatie.»
Erstaunliches erfährt man dieser Tage aus einem Interview mit einem deutschen Arabisten. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, auch, weil die hier zum Ausdruck kommende Denkweise typisch für nicht wenige Vertreter des Faches ist. Es geht, wieder einmal, um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Gewiss, man wird dieser Debatte irgendwann überdrüssig, scheint sie doch zu nichts zu führen.
Acht Jahre ist es her, seitdem der amerikanische Nahostkenner Martin Kramer darauf hingewiesen hat, dass mit den Berechnungen eines John Esposito etwas faul ist. John Esposito, Islamwissenschaftler an der amerikanischen Georgetown University, hatte auf Grundlage von Umfragen unter Muslimen behauptet, dass nur 7% der Befragten als radikalisiert bezeichnet werden können.
