Dem antiken Philosophen Plotin verdanken wir die Einsicht ĂŒber unsere Welt, dass alles voll von Zeichen sei.[1] Dieser Tage kann man im Iran sehen, wie selbst Wasser zu einem politischen aufgeladenen Zeichen werden kann. Oder vielmehr: Wasserpistolen.
WĂ€hrend jugendliche Flashmobs sich daran erquicken, mit Plastikpistolen einander nasszuspritzen, versteht die Staatsmacht der Islamischen Republik wieder einmal keinen Spass und ahndet derlei FrivolitĂ€ten mit GefĂ€ngnisstrafen. Wasserpistolen drohen denn auch zur heissen Ware zu werden, deren Verkauf ebenso konspirativ zu erfolgen hat, wie dies fĂŒr Alkohol gilt.
Dass das fröhliche Nassspritzen mit islamischen Normen und Prinzipien angeblich nicht vereinbar sei, können wir jedoch ins Reich der Legende verweisen. Das soll keine Islamapologetik sein; hier sei nur darauf verwiesen, dass der Hintergrund wahrscheinlidh ein sehr viel gewitzterer ist, als dem Teheraner Regime genehm sein kann.
Die Vermutung nĂ€mlich liegt nahe, dass die Wasserpistolen-Flashmobs eine Anspielung auf das vorislamische Tirgan-Fest darstellen, das im Hochsommer begangen wird: Der aus der persischen Mythologie stammende Arasch-e Kamangir (âBogenschĂŒtzeâ) hatte mit einem Pfeilschuss die Grenzen gegenĂŒber den Eindringlingen aus Turan markiert. Der abgeschossene Pfeil lĂ€sst sich folglich als Warnung verstehen: âBis hierher und nicht weiter!â
Unter der iranischen Bevölkerung gibt es ein ausgeprĂ€gtes Bewusstsein dafĂŒr, dass die Exponenten des Regimes hĂ€ufig eine arabische Abstammung haben. Das lĂ€sst sich nicht nur an den bei Klerikern hĂ€ufig anzutreffenden schwarzen Turban, der einen Abkömmling aus der Familie des Propheten bezeichnet, ablesen, sondern ist im Einzelfalle auch an Biographien festzumachen, die man gar nicht einmal so weit in die Vergangenheit zurĂŒckverfolgen muss.
So ist der derzeitige Aussenminister Salehi ein schiitischer Iraker, der unter Saddam in den Iran floh, dessen StaatsbĂŒrgerschaft er spĂ€ter angenommen hat. Das spritznasse SommervergnĂŒgen trĂ€gt also eine subtile Botschaft mit sich. Jeder Abzug gerĂ€t zur Warnung an das Regime: âBis hierher und nicht weiter.â In der Machtzentrale hat man verstanden.
(Dank an M. Rambod fĂŒr den Hinweis auf Tirgan.)
- Nach Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt a.M. 1981, S. 44. â§
