Die alte Ritualmordlegende wird zur Ritualverstümmelungslegende.
Es klingt wie aus einem Horrorfilm oder schlimmer: wie aus dem Alltag des KZ-Arztes Josef Mengele. Israel soll an seinen Gefangenen aus dem Gazastreifen routinemässig Amputationen durchführen, weil sie durch Fesselungen Schäden an Hand- und Fussgelenken erleiden.
Sind Fesselungen extrem fest, können sie zu Durchblutungsstörungen führen, Gewebe stirbt ab und eine lebensgefährliche Blutvergiftung droht. Die Amputation ist nach einer Gefässoperation das letzte Mittel in der Medizin, um das Leben des Patienten zu erhalten.
Nun erhebt ausgerechnet Trita Parsi die Anschuldigung, Israel würde dies in seinem Gefängnis in Sde Teiman routinemässig an seinen Gefangenen aus dem Gazastreifen durchführen, was zeigen soll, dass, so Parsi, ein Problem mit «Völkermord und Kriegsverbrechen» habe.
Eine Quelle, die sich auf eine Quelle beruft, die sich auf eine Quelle beruft
Trita Parsi ist kein unbeschriebenes Blatt. Der gebürtige Iraner, der seit langem in den USA lebt, gilt in der iranischen Community als informelles Sprachrohr der iranischen Regierung, die bekanntlich Israel vernichtet sehen möchte, es permanent dämonisiert und direkt und indirekt angegriffen hat.
Parsi mag als Analyst und Politikberater firmieren, aber alles, was er behauptet und fordert, steht im Einklang mit den Interessen Teherans, weswegen man ihn als Lobbyisten des Regimes betrachten muss, nicht als neutralen Experten für den Nahen Osten.
Er selbst beruft sich bei seiner Anschuldigung auf eine zwei Jahre alte Meldung von CNN, wo dies tatsächlich ebenfalls behauptet wird, dass nämlich Israel «routinemässig» Amputationen an Gefangenen aus dem Gazastreifen durchfühet, die aus unzulässig enger Fesselung resultierten.
CNN ist allerdings nicht die Originalquelle. Der Artikel verweist seinerseits auf eine Meldung bei der israelischen Zeitung Haaretz, wo die Sache jedch alles andere als eindeutig ist. Dort wird aus einem Brandbrief zitiert, den ein Arzt, der vor Ort tätig war, an verschiedene Ministerien in Israel geschickt hat.
«Just this week, two prisoners had their legs amputated due to handcuff injuries, which unfortunately is a routine event«, zitiert Haaaretz aus diesem Brief. Auf Deutsch: «Erst diese Woche mussten zwei Gefangenen die Beine amputiert werden aufgrund von Verletzungen durch Handschellen – ein leider routinemässiger Vorgang.»
Sind jetzt hunderte, gar tausende Palästinenser von israelischen Militärärzten mutwillig verstümmelt worden? Doch einmal abgesehen davon, wie Hand- und nicht etwa Fussschellen Verletzungen an den Beiden verursachen können, stellt sich die Frage, was hier der «routinemässige Vorgang» sein soll.
Ist gemeint, dass routinemässig Gliedmassen amputiert werden? Oder ist gemeint, dass routinemässig Verletzungen infolge unsachgemässer Fesselung entstehen? Die Formulierung ist unklar; natürlich ist beides zu verurteilen, handelt es sich doch in jedem Falle um unethische Praktiken, zumal die Zustände in Sde Teiman tatsächlich besorgniserregend zu sein scheinen.
Welche Art von Operationen?
Allerdings sind routinemässige Amputationen schlimmer als routinemässige Verletzungen und dafür, dass letztere gemeint sind, spricht, dass laut dem zitierten Brief Verletzungen wiederholt chirurgische Eingrifffe vor Ort nötig machen. Da ist von Amputationen keine Rede mehr. Folglich kann es sich auch bei den Eingriffen auch um Gefässperationen handeln, die dazu dienen, die Gliedmassen zu erhalten.
Die israelische Armee wiederum fügt in einer Stellungnahme hinzu, dass man von einschnürenden Plastikbändern zu Metallbändern übergegangen sei, damit die Gliedmassen mehr Platz haben. Zudem bestätigen laut Haaretz mehrere Quellen, dass sich die Versorgung mit Medikamenten gegen die Entzündung von Gewebe verbessert habe.
Ob all das stimmt, lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Doch selbst die «Physicians for Human Rights Israel», die dazu aufrufen, das Gefängnis von Sde Teiman wegen unwürdiger Zustände zu schliessen, schreiben in ihrem Bericht von 2024 über die medizinische Versorgung ebendort nichts von routinemässigen Amputationen.
Die CNN hat also einer Haaretz-Meldung eine eigene Deutung gegeben, bis bei Trita Parsi routinemässige Amputationen zum unbestrittenen Fakt werden. Derselbe Trita Parsi erweckt übrigens den Eindruck, die Bundesregierung würde eine Forderung des israelischen Sicherheitsministers Ben Gvir als «Recht auf Selbstverteidigung» billigen.
Ben Gvir hatte gezielte Tötungen von Palästinensern im Gazastreifen gefordert, was man sich den Reihen der Bundesregierung in scharfen Tönen verurteilt hat. Von einer Billigung oder Rechtfertigung von deutscher Seite kann keine Rede sein. Die Menschenrechte in Israel oder anderswo haben wahrlich bessere Verteidiger verdient als einen wie Trita Parsi.
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