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Geisteswissenschaften

Die Wahrheit ist immer nur eine

Wenn man mit Geisteswissenschaftlern gleich welcher Fachrichtung ein Streitgespräch führt und bei irgendeiner Gelegenheit sich zu der Bemerkung hinreissen lässt, dass etwas einfach nicht wahr sei oder im Gegenteil etwas der Wahrheit entspreche, dann kann es gut sein, dass das Gegenüber eine Augenbraue hochzieht und mit süffisantem Lächeln und sarkastischem Unterton fragt: «Wahrheit? Nanu, was ist denn das?»

Soll heissen: Wahrheit gibt es nicht. Wahrheit ist nur eine Illusion. Was es gibt, sind nur Geschichten, Narrative, Erzählungen – und die sind immer Ausdruck partikularer Interessen und ungleicher Machtverhältnisse. Die Wahrheit des einen ist die Unterdrückung des anderen oder zumindest nicht dessen Wahrheit, so wird man belehrt.

Wahrheit wird damit zu einer Sache von ethnischen und sozialen Gruppen, denen zugebilligt wird, dass sie Fakten nur insoweit in Anspruch nehmen, wie sie ihrem Selbstverständnis entsprechen.Eine solche Relativierung der Wahrheit hat an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten Tür und Tor für alle möglichen Scharlatanerien geöffnet.

Zwar lässt sich die historische Wahrheit in vielen oder sogar den meisten Fällen nicht zuverlässig ermitteln und sind in der Tat die meisten oder sogar alle Quellen, deren sich die Geisteswissenschaften bedienen, von Interessen beeinflusst, die Sachverhalte verzerren oder gar in ihr Gegenteil verkehren.

Den Fakten ist es gleichgültig, wer sie ans Tageslicht befördert

Dennoch gibt es immer eine Wahrheit und kann es nur eine geben. Wenn viele Mediävistinnen und Mediävisten mittelalterliche Urkunden bis zum Beweis gegen Gegenteils als mögliche Fälschungen ansehen, dann heisst das im Umkehrschluss, dass es eine Wahrheit geben muss, der gegenüber eine Urkunde als Fälschung identifiziert werden kann.

Stattdessen heisst es dann gerne, dass man, statt über Wahrheit, lieber über Fakten reden möge, als ob diese etwas anderes seien. Doch wenn Wahrheit das grössere Bild ist, sind Fakten seine Bestandteile und wenn die Fakten nicht ausreichen, das grössere Bild zu rekonstruieren, dann stellen wir Mutmassungen über die Wahrheit an.

Wäre es anders, wären Fakten bedeutungslos und lediglich Bausteine beliebiger Wahrheits- oder Realitätskonstruktionen. Aber genau diese Konstruktionen erhalten an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten die akademischen Würden, wobei sie an die Herkunft ihrer Schöpfer gebunden werden.

Die Wahrheit schleicht sich dann durch die Hintertür wieder in den geisteswissenschaftlichen Betrieb hinein; sie zu definieren obliegt nun aber einzelnen Gruppen. Diese Gruppen bilden Wahrheitskartelle, deren Machtinstrument die knappen Ressourcen bilden, die sie nach dem Prinzip der Gleichheit unter dem akademischen Prekariat verteilen.

Es entsteht eine politisierte akademische Monokultur, die ethnisch-soziale Diversität auf Kosten eines intellektuellen Pluralismus befördert. Den Fakten selbst ist es zwar vollkommen gleichgültig, wer sie ans Tageslicht befördert, doch nun werden sie an die Person oder Gruppen von Personen gebunden, Kritik an deren Narrativen verunmöglicht.

Der Fall Jason Arday

Das soll nicht heissen, das sämtliche Forschung in den Geisteswissenschaften politisiert wäre. Die meisten Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind mit vollkommen unpolitischer Grundlagenforschung befasst und arbeiten viele Jahre gewissenhaft und unideologisch an ihren Themen.

Ideologisch wird es erst dort, wo die eigene Grundlagenforschung in globale Zusammenhänge eingeordnet wird, was meist Sache arrivierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist, die jedoch ihrerseits nach dem Prinzip der Gleichheit einen Auswahltest durchlaufen haben.

Der Fall des Soziologen Jason Arday legt einmal mehr den aktuellen Zustand der Geisteswissenschaften an den Universitäten offen, wobei Arday, der wegen Plagiats und gefälschten Lebenslaufs von seiner Professur zurücktrat, selbst nicht das Problem ist, sondern diejenigen, die ihm zu seiner Blitzkarriere verholfen haben.

Dabei waren zum Teil sachfremde, für die Wissenschaft irrelevante Kriterien wie sein Autismus und sein ethnischer Hintergrund ausschlaggebend, um ihm an der Universität zu Amt und Würden zu verhelfen; natürlich lag er auch ideologisch auf Linie mit den Wahrheitskartellen.

Es gibt viele wie Jason Arday; ich kannte einen von ihnen.

Er hielt John Rawls für den Vater des Neoliberalismus. Den Neoliberalismus wiederum hasste er dafür, wie er mir erklärte, dass er die Gesellschaft unter das Joch der Bürokratie zwingen wolle.

Er glaubte, Adorno sei der bedeutendste Vertreter der deutschen Romantik.

Er weigerte sich in Deutschland, wo er promovierte, Deutsch zu lernen.

Er prangerte den «consumerism» in Afrika als schädlich an, war aber selbst auf Konsum fixiert und hatte zwei Stipendien.

Seine Forschungsarbeiten waren intellektuell dürftig. Später bekam er Angebote von verschiedenen Universitäten in Europa und den USA. Er entschied sich für Stanford. Dort, so beklagte er sich in Verkennung der Realität, müsse er als Schwarzer zehnmal so viel leisten wie andere.

Er verachtete den Markt und hielt Entwicklungshilfe in Afrika allen Ernstes für «completely market-driven».

Heute stellt er die Existenz Israels offen infrage, das für ihn ein blosses Produkt europäischer Genozide ist. Ich habe den Kontakt abgebrochen.

Wenn die Wahrheit nach Hannah Arendt potentiell anti-politisch ist, dann muss eine politisierte Wissenschaft potientiell mit der Wahrheit auf Kriegsfuss stehen. Das Einfallstor für Scharlatanerie aller Art bleibt in den Geisteswissenschaften weit geöffnet und es sieht nicht danach aus, als ob sich dies in absehbarer Zeit ändern würde.

Von Michael Kreutz

Dr. phil., Orientalist, Autor, Journalist.

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